Zuckerbergs Spende: Eine typisch deutsche Ethik-Debatte

InterviewZuckerbergs Spende: Eine typisch deutsche Ethik-Debatte

von Thorsten Firlus

Die Ankündigung von Mark Zuckerberg, 99,5 Prozent seines Aktienvermögens im Laufe seines Lebens zu spenden, löst Diskussionen über dessen wahre Motive aus. Überflüssig, sagt der Philosophie-Professor Michael Bordt.

WirtschaftsWoche: Herr Bordt, in Deutschland sehen viele Menschen die Ankündigung von Mark Zuckerberg als Marketingmanöver. Viele sehen keinen großzügigen Akt, sondern eine Methode, sich vor dem Zahlen vor Steuern zu drücken. Woher kommt diese Einschätzung?

Michael Bordt: Die Amerikaner gehen damit anders um, das schon mal vorweg. Grundsätzlich ist es so, dass es in Deutschland üblich ist, solche Dinge mit ethischen Maßstäben bewerten zu müssen. Das geht sehr schnell, dass man so eine Sache als gut oder schlecht betrachtet und unlautere Motive unterstellt. Nur: Von den Handlungen eines Menschen kann man unmöglich auf seine Motive schließen. Deswegen verbietet sich jede Bewertung der Person.

Anzeige

Ist eine Spende erst dann wertvoll, wenn der Spender mehr oder weniger sein ganzes Hab und Gut aufgibt?

Es ist natürlich möglich, dass eine Spende von einem reichen Menschen erfolgt, weil er möchte, dass das gesehen wird. Nur: Macht das die Spende schon schlecht? Wird sie dann gut, wenn er alles aufgibt? Warum? Und die Frage ist, ob wir das in diesem Falle unterstellen dürfen.

Zur Person

  • Michael Bordt

    Michael Bordt, geboren 1960, ist Jesuit und Professor an der Hochschule für Philosophie in München, deren Präsident er 2005 bis 2011 war. Er studierte Theologie und Philosophie und promovierte in Oxford. Habilitation an der Université de Fribourg. Als Vorstand des Instituts für Philosophie und Leadership veranstaltet er u. a. Workshops für Führungskräfte im Topmanagement großer Konzerne und für Familienunternehmen. Frisch erschienen ist sein Buch "„Die Kunst sich selbst zu verstehen“ im Verlag Elisabeth Sandmann

Und die Antwort ist Nein?

Wir wissen es nicht. Wir Philosophen unterscheiden zwischen Egoismus und Selbstbezug. Das muss man auseinanderhalten. Alles, was wir tun, ist, weil wir es tun, selbstbezogen. Da kommen wir gar nicht raus. Das heißt nur nicht, dass wir etwas tun, um uns selbst etwas Gutes zu tun, also aus Egoismus. Wir können durchaus etwas Altruistisches tun. Das gilt auch für Mark Zuckerberg. Mir ist es selber völlig fremd das werten zu wollen.

Das passiert aber in der Diskussion

Ja, das passiert und das ist vermutlich eine Eigenschaft unseres Landes. Aber in dieser ganzen Debatte geht ein sehr wichtiger Punkt unter. Aus meiner Erfahrung ist es ein sehr kluger Schritt, den Mark Zuckerberg unternommen hat, und zwar nicht für sich, sondern vor allem für seine eigene Tochter - und zu deren Geburt hat er sich ja zu diesem Schritt entschieden.

Wird sie nicht sauer sein, dass er alles verschenkt?

Aus meiner Erfahrung mit großen Familienunternehmern und in der Ausbildung von Söhnen und Töchtern großer Familienunternehmern und der Frage von Nachfolge usw. geht es natürlich immer wieder um die Frage des Vermögens. Und da kann ich nur sagen, dass Söhne und Töchter nur dann wirklich motiviert sind, ihre eigenen Kräfte zu entfalten, ihr eigenes Leben zu führen, wenn sie nicht schlicht und einfach von dem Vermögen der Eltern leben. Wer weiß, dass er sich um seinen Lebensunterhalt überhaupt nicht sorgen muss, weil er im Hauptberuf Sohn oder Tochter ist, dem fehlt so leicht die Lebensenergie, etwas positiv zu gestalten, das Leben in den Griff zu nehmen, Schwierigkeiten anzugreifen und zu überwinden um daran zu wachsen.

Haben denn Kinder von so reichen Menschen überhaupt eine echte Chance? Oder eine besonders große?

Weitere Artikel

Das Leben gelingt, wenn es selbstbestimmt ist und wenn man etwas aus seinen Talenten macht, das für andere wichtig ist. Beides wird schwer bis unmöglich, wenn man nicht Herausforderungen meistern muss. Dass Zuckerberg anderen Kindern diese Chancen mit seinem Geld ermöglichen möchte, schützt also gleichzeitig seine eigene Tochter. Das finde ich ziemlich gut. Denn sie kann hauptberuflich nicht Tochter des superreichen Vaters sein. Sie muss etwas aus ihrem Leben machen, ihren eigenen Weg finden.

Ist mit einigen Millionen im Rücken nicht dennoch eine sorglosere Laufbahn möglich?

Nicht unbedingt: Da ist die Angst der Kinder, das Vermögen der Eltern in den Sand zu setzen, d.h. dem Standard, den der Vater gesetzt hat, nie gerecht werden zu können. Diese Angst gibt es meiner Erfahrung nach nicht generell, aber bei sehr vielen. Man möchte dem kritischen Blick des Vaters standhalten können (selbst wenn es nur ein eingebildeter kritischer Blick ist), und das lähmt einen völlig, mutige Schritte auch mit dem Vermögen zu gehen.

Nun verbleiben Zuckerberg selbst mit 0,5 Prozent Aktienanteil  vermutlich rund 400 Millionen Euro. Dem Kind wird es also dennoch an nichts mangeln.

Dann würde ich sagen, dass er klug beraten wäre, wenn er davon viele Millionen auch noch in seine Stiftung überträgt.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%