Zum Scheitern von Jürgen Klinsmann: Endlich wieder Gras fressen!

Zum Scheitern von Jürgen Klinsmann: Endlich wieder Gras fressen!

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Ex-Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann

WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über das Scheitern von Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann, die Zukunft des McKinsey-Fußballs und Athleten der Selbstoptimierung.

Seit der argentinische Nationaltrainer César Luis Menotti vor drei Jahrzehnten die Theorie des linken und rechten Fußballs ersann und seine „talentierten, klugen Spieler“ mit dem 3:1 im WM-Finale von 1978 nicht nur die Niederlande, sondern auch die „Diktatur der Taktik“ und den „Terror der Systeme“ besiegten – seither gab es auch in Deutschland linken und rechten Fußball. Die Rollen waren klar verteilt: Für den linken Fußball, der „die Intelligenz feiert, die Fantasie fördert und auf die Mittel schaut, mit denen das Ziel erreicht wird“, war Borussia Mönchengladbach zuständig; für den rechten, der „viel von Opfern und Arbeit redet, der den Blick nur auf das Resultat wirft und die Spieler zu Söldnern des Punktgewinns degradiert“, die Münchner Bayern.

Man weiß, wohin das früher oder später führen musste: Gladbach stand ständig mit einem Bein in der Zweiten Liga, die Bayern Jahr für Jahr vor dem Titelgewinn. Jürgen Klinsmann war nun derjenige, dem so etwas wie eine Legierung aus linkem und rechtem Fußball vorschwebte. Daran ist er gründlich gescheitert. Aber warum?

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Hübsch der Reihe nach. Es ist ganz sicher kein Zufall, dass die britische Premierministerin Margaret Thatcher und der liberale Ökonom Friedrich August von Hayek vor gleichfalls drei Jahrzehnten anfingen, die Gesellschaft in einer Art politökonomischem Doppelpass-Spiel auf Resultat spielen zu lassen.

Politik und Wirtschaft wurden seither unter Effizienzgesichtspunkten, also vom Ende her, gedacht, der Mensch auf Nützlichkeit getrimmt. Wir lernten, ergebnisorientiert zu denken und im Dienst des rationalen Ganzen von persönlichen Schnurrpfeifereien abzusehen.

Bloß keine biografischen Spielverzögerungen! Nichts sollte mehr von zufälligen Geniestreichen abhängen, wir alle hatten uns einzupassen, uns permanent zu verbessern, uns intrinsisch zu motivieren: Werde, was du bist – und du wirst sein, was wir brauchen. Man weiß, wohin das geführt hat: zur Vorherrschaft blendender PowerPoint-Präsentationen, zur zahlenhaften Allgegenwart dressierter Spezialbildung, zur büroalltäglichen Dominanz von Dynamik-Simulanten – und zum verinnerlichten Imperativ einer energetischen Lebensführung.

McKinsey-Fußball des Jürgen Klinsmann

Womit wir ziemlich haargenau bei Jürgen Klinsmann wären, dem gescheiterten Trainer des FC Bayern. Klinsmann verkörpert genau das, was Deutschlands intellektueller Chefcoach Peter Sloterdijk einen „Athleten der Selbstoptimierung“ nennen würde. Man darf das durchaus nicht gering schätzen. Klinsmann hat, philosophisch gesprochen, Menottis dichotomische Weltsicht konsensualisiert, das heißt: Er hat als Fußballtrainer die Spontaneität mit der Rationalität, das Kreative mit dem Fleiß versöhnt. Mit Klinsmann machte den Deutschen Eigenverantwortung und Effizienz, Spannkraft und Leistung drängelnden Spaß, noch dazu, weil im Sommer 2006 vier WM-Wochen lang die Sonne vom Himmel schien. Tatsächlich war Klinsmann damals so etwas wie die sportliche Version von Angela Merkel auf dem Leipziger Parteitag der CDU: ein glühender Reformer, der das Fußballland kreativ umbauen und modernisieren, der es trainieren, kräftigen, fit machen, erfrischen und auch mental ertüchtigen wollte. Man kann sagen, Klinsmann habe damals den McKinsey-Fußball erfunden.

Das ist keine geringe Leistung, „linker Fußball“ klingt seither nach fehlender Lauf- und Zweikampfbereitschaft. Wenn „Klinsi“ nur nicht immer davon geredet hätte, er könne Fantasie und Originalität mit Gehirnmassagen, vermehrtem Fleiß und Fortschritten auf dem Feld der Fußballforschung herbeitrainieren! Klinsmann hat sich zu Deutschlands Vorturner aufgeplustert, das Volk begeistert und auch allerlei krauses Tschaka-Zeugs erzählt – aber hatte er jemals wirklich Sachgerechtes mitzuteilen? Nicht wirklich. Stattdessen wollte Klinsmann beim FC Bayern „ein Energiefeld aufbauen“ und „jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser“ machen. Betriebswirtschaftlich gewendet hat er damit an der permanenten Perfektionierung seines Portfolios gearbeitet. Dabei hat jeder gewusst: Hier handelt ein fußballerischer Investmentbanker mit rhetorisch aufgehübschten Schrottpapieren, ausgestattet mit einer viel zu großen Kreditlinie, ohne nennenswertes Eigenkapital. Insofern holt uns mit der Entlassung von Jürgen Klinsmann die Krise endlich auch im Sport ein: Haben wir in den vergangenen Wochen nicht gelernt, dass die Volksgesundheit eben nicht davon abhängt, dass man uns permanent Fitnesstests unterzieht, uns im Quartalsrhythmus den Puls fühlt, semantisch unter Strom setzt und mit meritokratischem Vokabular auspanzert? Unter dem alten Jupp Heynckes müssen die Spieler des FC Bayern endlich nicht mehr ihre „Potenziale abrufen“. Stattdessen dürfen sie wieder die „Ärmel aufkrempeln“ und „Gras fressen“. Das sind auch für Deutschland gute Nachrichten. So wird’s was mit dem Aufschwung!

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