Überleben im Büro: Die hohe Kunst des Smalltalks

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Smalltalk sollte unverkrampft sein

Kolumne von Jochen Mai

Smalltalk darf nicht unverkrampft sein. Das ist gar nicht so leicht, Jochen Mai gibt in seiner Kolumne Tipps zum netten Plaudern.

Mit dem Plaudern ist es wie mit dem Flirten: Dem ersten Satz haftet ein nahezu mythisches Sexualisierungsfanal an – so als gäbe es hernach keine Höhepunkte mehr. Wenn manche an Smalltalk denken, dann assoziieren sie die mitreißende Eloquenz und geschliffene Rhetorik eines Alleinunterhalters. Dabei ist Smalltalk das genaue Gegenteil davon: Es ist die Kunst des unangestrengten, ebenso amüsanten wie eleganten Geplauders – der Sprezzatura, wie Smalltalk früher hieß.

Wer etwa dem inneren Zwang erliegt, jedem beweisen zu müssen, wie kommunikativ er ist, kann nur scheitern. Eine solche Haltung wird immer unbewusst wahrgenommen und wirkt entsprechend aufdringlich. Das lockere Parlieren dient dazu, sich unverbindlich auszutauschen, sich besser kennenzulernen, Gemeinsamkeiten zu betonen und so eine gute Atmosphäre sowie Vertrauen zu schaffen. Es ähnelt in seinem Wesen daher eher guter Bildung: Smalltalk versprüht Charme und Charisma, Witz und Esprit, ist aber völlig zweckfrei.

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Weil das leider einige vergessen, führen zwischenmenschliche Begegnungen bei latent Schüchternen und um Worte verlegenen Menschen regelmäßig zu einer verkrampften Alertheit, deren Folgen ebenso schaurig schlicht und flüchtig sind wie weiße Weihnachten im Rheinland: „Schönes Wetter heute?“, „Sind Sie öfters hier?“, „Und sonst?“ Der Pionier der Sozialphobieforschung, Philip Zimbardo, nannte die Angst auf Fremde zuzugehen das „Gefängnis im Kopf“. Das hat zwei Effekte.

Erstens: Solche Menschen können sich kaum auf ihr Gegenüber konzentrieren, weil sie mehrheitlich mit dem Reflektieren und Korrigieren ihrer Aussagen und Gesten beschäftigt sind. Sie imaginieren bereits die (düstere) Zukunft und formen daraus diverse Worst-Case-Szenarien: Wenn ich die jetzt anspreche, hält sie mich für einen Aufreißer! Wenn ich ihm das sage, mag er mich nicht mehr … Ich hab davon zwar keine Ahnung, aber wenn ich was sage, merkt es auch der Chef … Zweitens: Weil aus ihrer Sicht die Blamage wahrscheinlicher ist als die Anerkennung, handeln sie erst gar nicht beziehungsweise kriegen den Mund nicht auf, was von den anderen wiederum fälschlicherweise als Arroganz oder Desinteresse gewertet werden kann. So entsteht eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale.

Sollten Sie davon betroffen sein, ist das Folgende sicher nicht bequem, aber wahr. Für das Heer der Gehemmten gibt es nur einen Ausweg: Hören Sie auf zu grübeln! Es mag ein starkes Indiz für einen empathischen Menschen sein, man kann es aber auch übertreiben. Es allen recht machen zu wollen, führt in die geistige Sklaverei. Also genießen Sie den Augenblick, Ihre Freiheit – und die Chance,  Ihren Horizont zu erweitern.

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