Überleben im Büro: Ups, das war jetzt peinlich!

kolumneÜberleben im Büro: Ups, das war jetzt peinlich!

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Eine Maß Bier steht auf einem Tisch vor der Kulisse des oberbayerischen Klosters Andechs am Ammersee

Kolumne von Jochen Mai

Zwischen Offenheit und Schweigsamkeit sollte jeder im Büro gründlich abwägen. Wieso es plötzlich heißen könnte, Sie hätten Klopapier mitgehen lassen und wie Sie aus peinlichen Nummern wieder rauskommen, erklärt Jochen Mai in seiner Kolumne "Überleben im Büro".

Der Mikrokosmos Büro ist nicht arm an Beispielen für unfreiwillige Komik, provozierten Spott und ungeplante Offenbarungen. Die einen lächeln Kollegen an und garnieren ihr Zahnweiß mit Schnittlauchresten von der Frühstücksstulle. Oder: Das Telefon klingelt, ein Kunde ist dran, und weil man weiß, wie Sozialkompetenz klingt, begrüßt man ihn inbrünstig mit: „Ach, Sie sind’s! Ich hab Ihre Stimme gleich erkannt, wie geht’s Ihrer Tochter, der, äh, ja also ... wie war doch gleich Ihr Name?“ Nicht zu vergessen, die Auskünfte von Kollegen, die mehr Delikates von sich preisgeben als man eigentlich wissen möchte.

„Neulich kam er grad frisch von der OP. Künstlicher Darmausgang. Na schönen Dank – mein Hunger war passé“, singen „Die Ärzte“ zynisch. Der Song illustriert pointiert einen zivilisatorisch weit verbreiteten Betriebsunfall, den viele unterschätzen – allen voran die Berufseinsteiger und die Extrovertierten: zu viel Offenheit im Büro.

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Von nackten Kaisern und Langeweilern

Mit innerbetrieblichen Bekenntnissen ist es nämlich wie mit Bierkrügen in Sprichwörtern: Ihr Maß ist irgendwann voll. Ein bisschen Freimut, etwas Mitteilsamkeit, ein gesundes Maß an gegenseitigem Vertrauen sind eine feine Sache. Das verbessert jedes Betriebsklima und – glaubt man einschlägigen Studien – kann sogar die Produktivität steigern. Zu viel Enthüllung aber, und die Leute sehen nur noch einen nackten Kaiser.

Entziehen kann man sich dem Dilemma nicht wirklich. Offenheit wird heute in nahezu jedem Unternehmen stillschweigend erwartet. Wer mit den Kollegen mittagessen geht, zwischendurch einen Kaffee oder abends mal ein Bier trinkt, kann nicht nur über die Firma quatschen. So jemand gilt schnell als Langeweiler oder Workaholic.

Mehr noch: Die Mimikry, das Versteckspiel und Verschanzen hinter einer positiven Scheinwelt aus Berufserfolgen und Superprojekten, macht verdächtig. Es riecht nach Profilneurose, nach Blendwerk und Schwindelei. Also muss man ab und an auch ein paar persönliche Offenbarungen zum Besten geben, Schwächen inklusive. Nicht ungefährlich.

Oft entwickeln diese gegenseitigen Beichtrunden eine sich gegenseitig verstärkende Dynamik. Wo Konfessionen lossprudeln, bricht bald der Schamdamm. Und hat man erst einmal sein Herz und seine wahren Gedanken über den Boss, einen Kollegen, den Partner daheim oder gar seine sexuellen Eroberungen ausgebreitet, lässt sich das nicht mehr zurücknehmen. Wer sich dabei dem Falschen anvertraut, darf damit rechnen, dass sich das Geständnis in Windeseile herumspricht. Die Informationen entziehen sich damit jeglicher Kontrolle, wo sie landen, wie sie dort aufgenommen werden und ob sie einem irgendwann um die Ohren fliegen.

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