Verhandeln: Die Gegner studieren

Verhandeln: Die Gegner studieren

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Gegner im Tarifkonflikt: GDL-Chef Schell (l.) und Bahn-Chef Mehdorn, Foto: dpa

Der Tarifzank bei der Bahn zeigt, was Mediation kann. Mancher Kniff klappt auch im Büro.

Höchste Eisenbahn, dass die Verhandlungen wieder in Gang kommen. Die politischen Altstars Heiner Geißler und Kurt Biedenkopf sollen vermitteln, um die festgefahrenen Positionen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn zusammenzubringen: Gewerkschaftschef Manfred Schell hat sich mit seinem geforderten Lohnaufschlag von 31 Prozent in eine Sackgasse manövriert; Bahn-Chef Hartmut Mehdorn verharrt indes bei weit entfernten 4,5 Prozent. Sein Albtraum: einen Präzedenzfall schaffen. Denn jeder höhere Tarifabschluss würde sofort die beiden anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA mit neuen Forderungen auf den Plan rufen. Dabei ist der Fall längst Lehrstück. Mitarbeiter wie Interessenverbände treten neuerdings deutlich selbstbewusster gegenüber Arbeitgebern auf: Experten zufolge wird die Zahl der kleinen Fachgewerkschaften künftig weiter wachsen (siehe WirtschaftsWoche 33/2007). Und die besitzen enorme Schlagkraft. Egal, ob Stellwerker bei der Bahn oder Kardiotechniker an einer Klinik – allen ist gemeinsam, dass sie Schlüsselfunktionen einnehmen. Legen sie ihre Arbeit nieder, bricht das Chaos aus, und der wirtschaftliche Schaden ist groß. Beispiel Deutsche Flugsicherung: Nach der Privatisierung erkämpften sich hier die Fluglotsen eine eigene Vertretung. Die drohte gleich mit Streik und löste damit einen Klimasturz zwischen den Tarifparteien aus: Wenn Lotsen streiken, kollabiert der gesamte Flugverkehr. Damit haben sie noch mehr Macht als Piloten – denn beim Streik einer Fluglinie können Passagiere immer noch zur Konkurrenz ausweichen. Bei Konflikten, in denen es um viel Geld geht, lohnt es daher, „rechtzeitig auf allparteiliche Vermittler zuzugreifen“, sagt Horst Zilleßen, Pionier der professionellen Mediatoren in Deutschland. Denn nur die ermöglichen es den Widersachern, zu einem Konsens zu kommen, bei dem „alle wie Sieger aussehen“. Gerade in einem Tarifzank wie dem zwischen Bahn und GDL, der über Wochen in der Öffentlichkeit – mal vor Gericht, mal per Interview – ausgetragen wird, spielt das eine entscheidende Rolle. Doch auch bei innerbetrieblichen Konflikten zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat oder Chef und Mitarbeiter ist ein Ergebnis, „das eine Seite als Verlierer dastehen lässt, nur eine Lösung, wenn die Arbeitsbeziehung danach beendet ist“, sagt Björn Gaul, Arbeitsanwalt bei der Kanzlei CSM Hasche Sigle in Köln. Wer auch künftig miteinander klarkommen muss, ist mit einer Mediation besser beraten. Dazu sieht sich der Vermittler zunächst einmal die Motive der Streitenden genauer an: Verlangen Mitarbeiter 1000 Euro mehr Weihnachtsgeld und die Geschäftsführung bietet nur 500 Euro an, orientiert sich der Mediator nicht an der goldenen Mitte, sondern fragt nach dem Warum hinter den Forderungen. Oft kommt dabei der Wunsch nach „mehr Anerkennung zutage“, beobachtet Experte Zilleßen. Geld sei jedoch nur eine Möglichkeit, Wertschätzung auszudrücken: Die Belegschaft regelmäßig und besser informieren, eine kulantere Freizeitregelung – „es gibt unglaublich viele Möglichkeiten, wenn man weiß, was den Leuten wichtig ist“. So geht es auch bei den Schlichtungsgesprächen der beiden Politpensionäre Biedenkopf und Geißler um viel mehr als Arithmetik, wenn sie Mehdorn mit seinen Unternehmenszielen einerseits und Schell mit seinen Lokführern andererseits gerecht werden wollen. In virtuoser Ko-Moderation müssen die machterfahrenen Parteikollegen „die Gegner studieren, ihre Bedürfnisse heraushören und schließlich verhandeln“, sagt Cristina Lenz, Vorstand des Bundesverbands für Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt. Daraus lässt sich auch für Interessenkonflikte im Arbeitsalltag etwas lernen. Welche Taktiken Manager wie Mitarbeiter von Profis übernehmen können und warum eine Sackgasse manchmal der strategisch klügste Weg ist, verrät Verhandlungstrainer Matthias Schranner im Interview. Mehr dazu bei wiwo.de: Matthias Schranner im Interview: „Der Crash gehört zur Show“

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