Digitalisierung: Die Industrie 4.0 muss zur Chefsache werden

Die Vordenker

Digitalisierung: Die Industrie 4.0 muss zur Chefsache werden

von Kerstin Dämon

Industrie 4.0, Nutzung von großen Datenmengen - die Digitalisierung gilt als wesentlicher Treiber für die künftige Wettbewerbsfähigkeit. Mittelständler hinken zum Teil noch hinterher. Das kann nur der Chef ändern.

Deutschlands Mittelstand droht einer Studie zufolge bei der Digitalisierung den Anschluss zu verlieren. „Die mittelständische Wirtschaft schöpft das Potenzial der Digitalisierung bisher bei weitem noch nicht aus“, sagte Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW Bankengruppe. Etwa ein Drittel der Mittelständler befinde sich in einem „Grundstadium“ der Digitalisierung - selbst Anwendungen wie ein eigener Internetauftritt seien bei ihnen unterdurchschnittlich verbreitet.

Das Management muss vorangehen

„Wenn der CEO oder das Board nicht dahinter stehen, tragen Mitarbeiter die Veränderung nicht mit“, sagt Sven Linden. Er ist Partner bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft KPMG. Digitalisierung und Industrie 4.0 seien klassische Chefthemen, so Linden. Seiner Erfahrung nach trödeln jedoch viele Unternehmen damit, das auch umzusetzen und die Führungsaufgaben auf die Digitalstrategie auszurichten.

Anzeige

Natürlich sei „Industrie 4.0“ auch ein Hypebegriff, hinter dem jeder etwas anderes verstehe. Den Kopf in den analogen Sand stecken helfe aber auch nicht weiter, so Linden. „Unternehmen müssen sich immer fragen: „Was bedeutet das denn konkret für mein Geschäftsmodell, welche Auswirkungen hat dieses auf mein Operating Modell und welche Relevanz und Nutzen hat die Veränderung für mich und meine Branche?“

Was will der Endkunde?

Wenn sich das Kundenverhalten überhaupt nicht verändert habe, sei der Druck ein ganz anderer. „In der Anlagetechnik ist die Veränderung nicht so weitreichend wiezum Beispiel in der Konsumgüterindustrie.“

Wenn die Kunden von Rewe ihre Ware per App bestellen können, so Linden, müsse das Unternehmen dafür sorgen, dass die Lebensmittel bis zur Haustür geliefert werden. Damit verändert das Verhalten der Kunden nicht nur das Geschäftsmodell, sondern gleich eine komplette Infrastruktur.

Das gibt es auch in anderen Branchen. „Ein führender Pumpenhersteller aus Nordrhein-Westfalen ist ein gutes Beispiel dafür, wie es richtig geht: Da geht der Chef eindeutig vorneweg und setzt sich damit auseinander, was die Kunden seiner Kunden wollen“, sagt Linden.

Mut zu Veränderung Wie Firmen die Digitalisierung überleben

Ein Produkt genügt nicht mehr, um wettbewerbsfähig zu bleiben: Ohne ein zusätzliches digitales Serviceangebot geht es in Zukunft nicht mehr. Wie Unternehmen heute ticken müssen, damit sie morgen noch da sind.

Agilität: Unternehmen müssen flexibel sein. Quelle: Getty Images

Denen sei es wichtig, dass sie per App dafür sorgen könnten, dass in ihrem Badezimmer kuschelige 21 Grad herrschen, wenn sie von der Arbeit kommen. Welche Thermostate, Boiler oder Pumpen das Zusammenwirken ermöglichen, ist den Kunden meist egal.

Dieses Bewusstsein wächst. „Auch der Anlagenbau, die Automobilindustrie, Chemie, Pharma – all diese B2B-Branchen merken, dass sie sich stärker mit dem Endkunden beschäftigen müssen und Industrien mehr und mehr ineinander verschwimmen“, sagt Linden.

Dass es anders nicht geht, ist das Fazit der KfW-Mittelstandsstudie: „Für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands geht kein Weg an der Digitalisierung vorbei“, bestätigt KfW-Chefvolkswirt Zeuner.

Dafür müsse nicht nur in Soft- und Hardware, sondern auch in Wissen investiert werden. Bisher stecken die Unternehmen der Studie zufolge mehr Geld in die Technologie als in den Wissensaufbau. Doch Geld allein reicht nicht. Das Management muss mitziehen.

Auf das Management-Team kommt es an

„Es braucht einen CEO mit strategischem Weitblick und Mut, neue Wege im Geschäfts- und Operating Model aufzuzeigen und zu gehen“, so Linden. „Der CFO muss mit klarem Kopf sicherstellen, welche Investitionen getätigt werden können, um eine solche Transformation zu finanzieren und nicht Millionenlücken in der Bilanz zu reißen“

Außerdem brauche es einen IT-Verantwortlichen, der nicht nur auf klassische ERP Systeme setze, sondern der entscheide, welche Lösung aktuell dem Unternehmen nutzt. Das könne natürlich auch bedeuten, die technologische Lösungen, die vielleicht vor drei Jahren gepasst haben, auszusortieren. Und weiter: „Der COO muss einen klaren Blick für die grundlegende Wertschöpfungskette haben, wo man sich differenzieren kann: Unique ist heute keiner mehr auf Dauer.“

Selbst bei den großen Autobauern kommt nur noch das Design oder der Motor aus eigener Fertigung. Der Rest stammt zum großen Teil von Zulieferern aus aller Welt. Das ist günstiger und die Expertise der Zulieferer in der Einzelteilfertigung ist mitunter deutlich größer als die des Konzerns. „Also muss einer entscheiden, wo sind wir wirklich führend und wo arbeiten wir mit Partnern zusammen. Und zum Schluss muss ein HR-Verantwortlicher dabei sein, um frühzeitig die richtige Fachexpertise bei Mitarbeitern sicher zu stellen. Schließlich müssen diese Mitarbeiter die Digitalisierung mitgehen und umsetzen“, fasst Linden zusammen.

Diese strategische Personalplanung sei genauso Kernbestandteil des Transformationsplanes wie die neue IT und die Flexibilisierung der Wertschöpfungskette, um die es ja letztlich gehe. Dafür könnten sich Mittelständler den CDO sparen, so Linden. „Einen, der alle Projekte koordiniert, braucht man natürlich immer, aber ob der auf Boardlevel angesiedelt sein muss, ist fraglich, wenn die Führung als Team ihre Aufgaben wahrnimmt.“

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%