Überforderte Mitarbeiter: Chefs, vergesst die Menschen nicht

Die Vordenker

Überforderte Mitarbeiter: Chefs, vergesst die Menschen nicht

Bild vergrößern

Steigende Anforderungen ohne entsprechende Unterstützung führen zu Stress und Überforderung.

Digitalisierung ist schön und gut - so lange die Mitarbeiter auch die Mittel bekommen, die sie für's digitale Arbeiten benötigen. Unternehmen können nicht mehr Leistung verlangen und nichts dafür geben.

Die deutschen Wissensarbeiter - und das sind ziemlich viele - sind erschöpft. Sie sind müde, überfordert und demotiviert. Das belegen zumindest die letzten Arbeitszeitenreports und Gesundheitsstudien großer Krankenversicherungen:

Ende September stellte die Krankenkasse Barmer eine Studie vor, die sich mit steigendendem Leistungsdruck in der Arbeitswelt beschäftigte. Die psychischen Belastungen durch Stress, Druck, Überforderung und "entgrenzte Arbeitszeiten" steigen demnach ins Unermessliche. Immer mehr Deutsche seien in psychologischer Behandlung.
Der DGB forderte darauf die Politik auf, Risiken für die Gesundheit durch das digitale Arbeit einzudämmen. Wenn nichts passiere, würden die Deutschen in kurzer Zeit zu einem Volk der Ausgebrannten, so der Tenor. Vergangene Woche lieferte dann der Arbeitszeitreport des Bundesamts für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weitere Zahlen: Jeder achte fühle sich überfordert, mehr als die Hälfte (51 Prozent) der Deutschen klagt über häufigen Termin- und Leistungsdruck.

Anzeige

Überforderung gehört zum Zeitgeist

Doch wo kommt das her? Nie waren die Arbeitsbedingungen besser als heute, nie wurden die Menschen besser bezahlt, hatten mehr Urlaub und mehr Sozialleistungen. Und trotzdem geht es ihnen zumindest gefühlt schlechter als zu Zeiten der industriellen Revolution. "Das ist ein Symptom unserer Zeit: Die Geschwindigkeit und die Komplexität steigen immer mehr. Das ist für viele so nicht mehr händelbar", sagt Tobias Kruse, Business Design Director bei Fjord, der Innovationsberatung aus dem Hause Accenture.
Damit das Unternehmen im digitalen Wettbewerb den Anschluss nicht verliert, muss auf einmal die Mitarbeiterin aus dem Marketing die Socuial Media-Kanäle des Unternehmens bespielen und auswerten, die Effektivität anderer Strategien und Kanäle überwachen, alles miteinander vergleichen, neue Kanäle suchen und finden - und nebenher noch ihre ganz normale Arbeit erledigen. Das klappt auf Dauer weder mit der gleichen Gelassenheit - noch in der vorgeschriebenen Arbeitszeit. Was auch der Blick auf das deutsche Überstundenkonto anschaulich belegt.

Wer die meisten Überstunden macht

  • Männer

    Frauen leisten weniger Überstunden als Männer. In der Gruppe mit bis zu fünf zusätzlichen Stunden in der Woche kommen Frauen auf 39 Prozent, Männer auf 61 Prozent. Beschäftigte mit 26 bis 30 Überstunden pro Woche sind dagegen zu 80 Prozent männlich.

    Die Datenbank für Vergütungsinformation, Compensation Partner, hat für ihren Arbeitszeitmonitor mehr als 256.000 Datensätze analysiert.

  • Ältere Arbeitnehmer

    Die durchschnittliche Überstundenzahl steigt laut Untersuchung stetig mit zunehmenden Alter und stabilisiert sich ab dem 40. Lebensjahr. Während Unter-20-Jährige etwa zwei Überstunden (1,94) wöchentlich machen, beträgt die Mehrarbeitszeit von Über-40-Jährigen fast vier Stunden pro Woche (3,71).

  • Unternehmensberater

    Unternehmensberater bleiben die Spitzenreiter unter denjenigen, die Überstunden machen. Sie arbeiten 2016 laut Studie etwa 5,5 Stunden pro Woche mehr. Im vergangenen Jahr waren es noch sechs Wochenstunden.

  • Ostdeutsche

    Laut Arbeitsmonitor werden die meisten Überstunden in Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachen gemacht. Dort arbeiten die Angestellten im Durchschnitt sechs Stunden zusätzlich pro Woche.

    Ebenso sieht es in Hessen und im Saarland aus – allerdings werden die Arbeitnehmer dort mit einem überdurchschnittlichen Urlaubsanspruch – 27,7 Tage pro Jahre – belohnt.

  • Gutverdienende

    Je höher das Gehalt eines deutschen Angestellten ist, desto mehr Überstunden macht er. Wer laut Arbeitszeitmonitor mehr als 120.000 Euro jährlich verdient, macht jede Woche fast zehn Überstunden (9,7).

Während die Wochenarbeitszeit, die in den meisten Arbeitsverträgen festgelegt ist, irgendwo bei 35 bis 40 Stunden liegt, arbeiten Vollzeitbeschäftigte im Schnitt 43,5 Stunden pro Woche. Weit über die Hälfte der Betroffenen erreicht Wochenarbeitszeiten von 44 bis 47 Stunden oder länger. Eine Minderheit von vier Prozent verbringt wöchentlich sogar 60 Stunden oder mehr am Arbeitsplatz. Auf Dauer geht das an die Substanz. "Die Mitarbeiter haben den Eindruck: In der Arbeitswelt passt irgendetwas nicht mehr", so Kruse. Und irgendwie stimmt es ja auch: Viele Wissensarbeiter werden von den Anforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, überrollt. "Die Digitalisierung macht es scheinbar schlimmer, obwohl wir heute eigentlich alles entwickeln könnten, was uns das Leben leichter macht", bestätigt Kruse.

Für die Entlastung der Mitarbeiter fehlt das Geld

Es sind nämlich gar nicht so sehr die Dinge, die Mitarbeiter jetzt zusätzlich erledigen oder anders machen sollen. Das Problem ist, dass sie es häufig zu analogen Bedingungen und mit veralteter Technik tun müssen. Es gebe unglaublich viele Möglichkeiten, den Mitarbeitern zu helfen, sich wieder auf ihre Kerntätigkeit zu konzentrieren - sei es durch einfacherer Bedienoberflächen oder mehr Automatisierung von Routinetätigkeiten, so Kruse. Das Bewusstsein für diese Möglichkeiten - er spricht von einer positiven Employee Experience, also Mitarbeitererfahrung - steige bei den Unternehmen, allerdings sei die Umsetzung immer auch eine Frage des Geldes. Schnell, hübsch und einfach ist nun mal teurer, als langsam, nutzerunfreundlich und kompliziert. Also sitzen viele an ihren Steinzeitrechnern und versuchen, mit der Technik von gestern die Arbeit von morgen zu machen. Natürlich unter ständiger Aufsicht - Kontrolle ist alles.

Wertschätzung? Fehlanzeige!

"Die Leute sind durch immer mehr administrative Tätigkeiten stark überfordert", sagt Kruse. Kommen dann noch geringe Wertschätzung und geringe Handlungsspielräume hinzu, wird es kritisch. "Viele kommen aus ihrem Hamsterrad gar nicht mehr heraus und erkennen den Sinn ihrer Arbeit gar nicht mehr."

Das bestätigt auch eine aktuelle Absolventenstudie der Beratungsgesellschaft Accenture, für die 1000 aktuelle Absolventen sowie 1000 Hochschulabgänger der Jahre 2014 und 2015 befragt wurden. Gerade die Berufseinsteiger wünschen sich Freiheiten bei der Gestaltung der Arbeit. "Mitarbeiter sollten gerade im digitalen Zeitalter stärker in den Fokus gerückt werden, indem man sie befähigt, ihr volles Potential zu entfalten, und sie nicht durch starre Regeln ausbremst", sagt Managing Director Tim Good.

Also weg mit starrem Korsett und Zwang, her mit flexiblen Arbeitsmöglichkeiten, Eigenverantwortung, adäquaten Arbeitsmitteln - und ab und an ein bisschen Lob. Die Kosten für geeignete Arbeitsmaterialien, Software und im Zweifelsfall auch mehr Mitarbeiter, lassen sich natürlich nicht klein reden. Aber zumindest Anerkennung kostet kein Geld, genauso wenig wie Flexibilität und Vertrauen. Kruses Fazit: "Unternehmen müssen den Menschen wieder mehr in den Mittelpunkt stellen." Dann klappt's auch mit der Digitalisierung.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%