Es ist nicht schwer. Aber es erfordert eine gewisse Geisteshaltung – und zwar eine, die Sie möglicherweise nicht besitzen. Falls dem so sein sollte, dann sind Sie nicht allein. Wir bekommen jede Woche diverse E-Mails mit genau diesem Tenor. Die Formulierungen sind natürlich andere, die Details ebenfalls, aber die Frage dahinter ist immer dieselbe: Warum bin ich die einzige Person in dieser Firma, die weiß, was zu tun ist? Natürlich ist uns klar, dass es Tage gibt, an denen man den Eindruck hat, nur noch von unfähigen Nichtskönnern umgeben zu sein. Es ist nun mal so: In Unternehmen arbeiten Menschen und Menschen machen Fehler und geben sich mit Mittelmäßigkeit zufrieden. Aber die Alle-sind-doof-außer-mir-Perspektive ist gefährlich. Sie ist ein Karrierekiller – und falsch. Wie käme es sonst zu dieser boomenden Industrie der Finanzdienstleistungen? Oder den wagemutigen Biowissenschaften? Dafür, dass da draußen jeder Boss ein Vollidiot sein soll, machen heutzutage viele Unternehmen Milliardenumsätze, indem sie Millionen von Produkten und Dienstleistungen entwickeln, herstellen, verkaufen und vertreiben. Das passt einfach nicht zusammen. Darum schlagen wir vor, dass Sie sich zunächst Gedanken über Ihre eigene Einstellung machen und nach dem Grund für Ihre düstere Sicht auf die Arbeitswelt suchen. Um es ganz deutlich zu sagen: Wir fragen uns, ob Sie nicht ein Chef-Hasser sein könnten. Gut, die wenigsten Leute würden jemals auf die Idee kommen, sich selbst als Chef-Hasser zu bezeichnen. Typischerweise betrachten sie sich als edles Opfer, das es wagt, den Mächtigen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen. Vergessen Sie das! Chef-Hasser sind eine Klasse für sich. Es spielt keine Rolle, wo sie arbeiten – ob in einem Großkonzern, einem kleinen Familienbetrieb, einer Personengesellschaft, einer Wohltätigkeitsorganisation, einer Zeitung oder einer Behörde. Chef-Hasser unterwandern jedes Autoritätsgefüge mit kaum verhohlenem Zynismus und tief verwurzelter negativer Einstellung gegenüber dem System. Und obwohl die Gründe für eine solche Haltung sehr unterschiedlicher Natur sein mögen, haben alle Chef-Hasser etwas gemeinsam: die Unfähigkeit, den Wert jeder Person anzuerkennen, die sich hierarchisch über ihnen befindet. Interessanterweise scheinen sich die Chef-Hasser, egal, in welcher Organisation, stets zu suchen und zu finden. Und sobald sie das getan und eine gewisse Zahl erreicht haben, werden sie meist ausgesprochen direkt. Außerdem neigen Chef-Hasser dazu, einen hohen IQ zu haben. Das ist nun wirklich bedauerlich. Denn diese Leute nutzen ihre Intelligenz nicht etwa dazu, innovative Konzepte zu entwickeln oder Arbeitsabläufe zu optimieren. Stattdessen konzentrieren sie sich ausschließlich auf die kleinen Unvollkommenheiten ihres Unternehmens und die schier unbegreifliche Blödheit der Bosse. Natürlich machen einige Chef-Hasser Karriere, auf Grund der Intelligenz, über die sie verfügen. Kurzzeitig. Viel öfter jedoch sorgen die negativen Schwingungen, die sie ausstrahlen, dafür, dass ihre Vorgesetzten es ihnen mit gleicher Münze heimzahlen, indem sie sich von ihnen distanzieren – oder schlimmeres. Vielleicht sind Sie kein Chef-Hasser. Aber diese Verallge-meinerung, die in Ihrer Frage steckt, lässt etwas anderes vermuten. Darum schlagen wir vor, dass Sie sich selbst einmal auf den Prüfstand stellen. Kann es wirklich sein, dass jeder einzelne Chef, dem Sie bisher begegnet sind, ein Problem hat? Oder handelt es sich bei dem Problem um etwas, das Sie ganz einfach selbst lösen könnten – indem Sie Ihren Horizont erweitern? Vor Kurzem habe ich eine leitende Position in einem neuen Unternehmen angenommen. Jetzt bin ich versucht, einige meiner ehemaligen Mitarbeiter mitzunehmen; wir arbeiten gut zusammen und sie verfügen über alle erforderlichen Fachkenntnisse. Was denken Sie darüber? Eine verführerische Idee, aber auch eine, die ihre Tücken hat. Die Antwort lautet – in einem Satz: Es kommt darauf an! Wenn Sie ein Unternehmen leiten, in dem eine schnelle Wende in einem sich verändernden Umfeld nötig ist und wenn Sie es mit einer eingeschworenen Belegschaft zu tun haben, die sich diesem Wandel verweigert, dann wäre es klug, fähige Ex-Kollegen mitzubringen, denen Sie blind vertrauen können. Gemeinsam werden Sie die Arbeit schneller und besser erledigen und auf Grund der Verbundenheit wird die Sache auch mehr Spaß machen. Sollten Sie aber ein relativ solides Unternehmen führen, das nur einen Anstoß braucht, könnten Sie sich durch solche Seilschaften viel Chaos bei vergleichsweise wenig Vorteilen einhandeln. Nichts demotiviert eine funktionierende Organisation mehr als eine Truppe von So-haben-wir-das-in-unserer-alten-Firma-gemacht-Sagern. Im schlimmsten Fall führt das zu einer Zweiklassengesellschaft. Unterm Strich bedeutet das: Erkunden Sie das Terrain. Holen Sie Ihr altes Team nur dann ins Boot, wenn Sie schnelle Veränderung benötigen und die Opposition sich nicht beugt. Wenn Sie sich nicht in einer Krise befinden, suchen Sie sich die Besten aus dem Team aus, das Sie geerbt haben und geben Sie ihnen eine neue Daseinsberechtigung.
Welchs Welt: Alle sind doof – außer mir
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