_

Welchs Welt: Diener zweier Herren

von Jack und Suzy Welch

Obwohl ich sowohl in großen wie auch in kleinen Unternehmen gearbeitet habe, leuchten mir die Vorteile einer Matrix-Organisation immer noch nicht ein. Ist das ein Problem, das mit der Matrix als solcher zusammenhängt oder liegt es nur an schlechtem Matrix-Management?

Wenn es eine Sache gibt, bei der sich fast alle, die im Geschäftsleben stehen, einig sind, dann die, dass die Idee mit der Matrix in der Theorie großartig klingt – es aber die Hölle ist, sie in die Praxis umzusetzen. Ganz sicher ziehen auch wir eindimensionale Organisationsformen vor. Bei ihnen ist klar, wer an wen berichtet, sodass jeder Mitarbeiter für sein Ergebnis verantwortlich ist. Das macht die strategische Fokussierung und die Verteilung der Ressourcen einfacher. In solchen Unternehmen gedeiht der Nachwuchs für das Topmanagement besser. Und es ist leichter, Neugründungen aus den alten Unternehmen hervorzubringen. Dagegen führen Matrix-Organisationen oft dazu, dass den Unternehmen die Klarheit verloren geht. Immer wenn jemand an zwei Chefs berichten muss – an den Funktionsvorgesetzten und den Geschäftsverantwortlichen –, stehen die Chancen gut, dass die Verantwortlichkeiten verwischen. Das Ergebnis ist jede Menge Ungemach – von Machtspielen bis Missverständnissen. Matrix-Organisationen sind auch dafür verantwortlich, dass Menschen, die es im Grunde gut meinen, genau das Gegenteil erreichen. Ein typisches Matrix-Szenario ist etwa der Manager aus der Produktion, der versucht, seine Lagerhaltung auf Kosten der Verfügbarkeit und damit des Produktmanagers zu minimieren. Dennoch sind Matrix-Organisationen kein kompletter Unfug. Sie haben zwei Vorteile. Der erste liegt darin, dass sie einen Quell herausragenden Expertenwissens darstellen. Nehmen Sie zum Beispiel ein Unternehmen für Düsentriebwerke, das mehrere unterschiedliche Baureihen herstellt. In einer eindimensionalen Gewinn-und-Verlust-Struktur hätte jede Baureihe ihren eigenen Metallurgen. Aber keiner von ihnen hätte wohl das Kaliber der Spezialisten, wie sie in einer Matrix-Organisation arbeiten. Denn funktionale Unternehmen – mit ihren Gehältern, ihrer Sichtbarkeit und ihrem Prestige – sind eher in der Lage, hochkarätige Talente anzuziehen. Der zweite Vorteil ist finanzieller Natur. Wegen des großen Bestellvolumens sind die Produktions- und Marketingleiter in einer Matrix besser als in einer eindimensionalen Struktur dafür gerüstet, mit Lieferanten und Zwischenhändlern zu verhandeln. Matrix-Organisationen sind viel schwerer zu leiten als eindimensionale Strukturen. Die Arbeit als Diener zweier Herren erfordert mehr Toleranz in Bezug auf unklare Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten. Hinzu kommt ein höheres Vertrauensniveau. Die Verantwortlichen für die Produktlinien müssen davon überzeugt sein, dass alle Funktionen für das Unternehmensziel arbeiten und nicht nur ihr eigenes Süppchen kochen wollen. Es mag schon sein, dass Matrix-Organisationen in der Praxis nie so großartig sind wie in der Theorie. Und es ist auch richtig, dass es in einer Matrix-Organisation immer schwieriger zu arbeiten ist als in einer eindimensionalen Struktur. Aber verteufeln Sie sie nicht. Wenn die Chefs Vertrauen schaffen und alles daran setzen, so viel Transparenz wie möglich zu sichern, funktionieren auch Matrix-Organisationen. Ich bin ein 29-jähriger Biochemiker und arbeite in einem kleinen Unternehmen, das mein Vater vor 32 Jahren gegründet hat. Unser Wachstum stagniert, und ich habe Angst, dass wir vielleicht komplett vom Markt verschwinden werden. Mein Vater und ich verfügen über keine Managementerfahrung. Soll ich einen MBA erwerben oder mein technisches Fachwissen auf den neuesten Stand bringen? Ihr Problem ist zu groß und die Zeit zu kurz. Sie haben einen Punkt erreicht, an dem Sie der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen. Das ist typisch für viele Gründer oder Familienunternehmer. Eine einzigartige Technologie, ein geniales Produkt und unternehmerische Leidenschaft können einen nur bis zu einem bestimmten Punkt bringen. Ab dann brauchen Sie Hilfe – von außen. Suchen Sie sich einen externen Topmanager, dem sie die Leitung anvertrauen. Dieser Schritt kann ein Gräuel für Inhaber sein, aber meist tut es nur am Anfang weh. Danach kann es aufwärts gehen, wenn die Außenstehenden mit ihrer Erfahrung den rechten Weg zum Wachstum finden. Der Manager, den Sie brauchen, könnte aus Ihrem eigenen Industriezweig stammen. Die Pharmagrößen haben derzeit mit eigenen Wachstumsproblemen zu kämpfen. Es gibt eine Menge talentierter Führungskräfte, die gerne die Chance ergreifen, ein ins Schwimmen geratenes Biotechnologie-Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Natürlich müssen Sie sich von etwas trennen, wenn Sie einen Veränderer ins Boot holen. Sie und Ihr Vater könnten das Tagesgeschäft, die Einstellungen und die strategische Planung aufgeben. Auch auf einen Teil des Firmenkapitals werden Sie wohl verzichten müssen. Ansonsten können Sie keinen guten Manager von außerhalb an Land ziehen. Aber Sie werden alle davon profitieren, wenn das Unternehmen wächst. Loszulassen kann beängstigend sein. Aber Sie haben nichts zu fürchten, wenn Sie und Ihr Vater die Mehrheitskontrolle behalten. Stellen Sie nur sicher, dass Sie diese Kontrolle mit Sinn und Verstand ausüben. Denken Sie stets daran: Sie haben den Manager nicht eingekauft, damit er Ihnen gehört – sondern damit er Sie rettet!

Anzeige
weitere Fotostrecken

Blogs

Die Geldklammer - Gastbeitrag von Frank Dopheide zur Serie "Aussterbende Insignien der Macht"
Die Geldklammer - Gastbeitrag von Frank Dopheide zur Serie "Aussterbende Insignien der Macht"

Teil 8 – Die silberne Geldklammer. Geld regiert die Welt, das war so und das bleibt so. Nur das Geld verändert seine...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.