Was halten Sie von Telearbeit? Lässt sich damit Karriere machen? Wir lieben sie. Dank Telearbeit können wir jede Woche diese Kolumne schreiben, ganz egal, ob wir uns in Boston oder Buenos Aires befinden, oder wo auch immer uns das Schicksal hinführt. Unser Verlag ist gerade einen Telefonanruf oder eine E-Mail entfernt, und die Kommunikation gestaltet sich ebenso einfach, als befänden wir uns in einer Telefonzelle im New Yorker Foyer des Verlagsgebäudes. Alles in allem ist Telearbeit also die perfekte Lösung – zumindest für uns. In Ihrem Fall könnte Telearbeit ebenso ideal sein oder aber eine totale Katastrophe – dann nämlich, wenn Sie den Wunsch haben sollten, auf der Karriereleiter nach oben zu klettern. Denn obwohl die Technologie verbreitet ist und flexible Arbeitsregelungen weitgehend akzeptiert werden, kostet Telearbeit einen Preis: weniger Präsenz im Unternehmen. Am Anfang Ihrer Karriere wird Ihnen das sicher nicht das Genick brechen. So lange Sie ein Einzelkämpfer mit genügend Talent sind, werden Sie so gut wie jede Arbeit von zu Hause aus erledigen können: Programme schreiben, juristische Unterlagen prüfen, Merchandisingartikel entwerfen oder Finanzdienstleistungen verkaufen... Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Und sie wird auch jeden Tag länger, während sich das Geschäft mit geistigem Eigentum und der elektronische Handel immer weiter ausbreiten. Was Sie aber von zu Hause aus nicht gut können, ist Führungsaufgaben wahrzunehmen. Um Mitarbeiter zu führen, können Sie nicht einfach nur zu wichtigen Meetings und strategischen Wochenenden aufkreuzen. Sie müssen auch zwischendurch mit ihrer Truppe im Schützengraben liegen. Die Leute müssen wissen, wie souverän Sie mit einer PR-Krise umgehen, wie anständig Sie sich gegenüber neuen Mitarbeitern verhalten, die den Dreh noch nicht heraushaben, wie sehr Sie bei einem kniffligen Abschluss schwitzen und wie hart Sie arbeiten, ohne sich über eine unerwartet enge Deadline zu beklagen. Was uns zurückbringt zum Thema Präsenz: Unternehmen befördern selten jemanden, den man bisher weder gesehen noch gespürt hat. Das hat sowohl mit Bekanntheitsgrad als auch mit Vertrauen zu tun. Damit wollen wir nicht andeuten, dass nur die befördert werden, die sich in jeder Krisensituation im Büro als Feuerwehrmann hervorgetan haben. Aber zumindest sind es Leute, die sich im Büro aufhalten. Und ihre Präsenz signalisiert: Die Arbeit hat für mich oberste Priorität. Ich fühle mich diesem Unternehmen verpflichtet. Ich möchte Führungsaufgaben übernehmen und ich bin dazu in der Lage. Ein Telearbeitsplatz vermittelt eine andere Botschaft. Er sagt, dass die eigene Lebensqualität Vorrang vor der Karriere hat. Wohlgemerkt, das kann völlig in Ordnung sein. Vor Kurzem trafen wir eine Anwältin, die zwölf Jahre lang von ihrem Zuhause in New Jersey für die Zentrale ihres Unternehmens in Illinois gearbeitet hat. „Mein Mann hat einen tollen Job in Manhattan, und meine Kinder lieben ihre Schule. Mir macht es Spaß, mit den Kollegen zusammenzuarbeiten, selbst wenn es am Telefon ist“, sagt sie. „Und wer will schon Vorstandsvorsitzender sein?“ Tja, diese Anwältin offensichtlich nicht und vielleicht Sie ebenso wenig. Aber jeder, der ernsthaft eine Führungsposition anstrebt, kann mit Telearbeit nur bis zu einem gewissen Punkt gelangen. Das muss Ihnen klar sein. In meinem Unternehmen wird im Zusammenhang mit der jährlichen Leistungsbewertung viel Wert auf ein Feedback durch die Kollegen gelegt. Das führt dazu, dass es bis zu 30 anonyme Kommentare zu einer Person gibt. Das Ganze frisst so schrecklich viel Zeit. Ist es das wert? Wahrscheinlich beziehen Sie sich auf das, was unter dem Namen 360-Grad-Feedback zum ersten Mal vor etwa 20 Jahren auftauchte und sich seitdem überall in der Unternehmenswelt eingebürgert hat – aus gutem Grund: Das 360-Grad-Feedback ist eine recht unverblümte Methode, Menschen wachzurütteln und sie auf ihre von Kollegen und Untergebenen unerwünschten Verhaltensweisen aufmerksam zu machen. Das große Problem beim 360-Grad-Feedback ist jedoch, dass das System spätestens ab dem zweiten Mal unvermeidlich manipuliert wird. Aus der ganzen Sache wird ein Kuhhandel. Das funktioniert wie bei der nuklearen Abschreckung: Zum Schluss klingt das Feedback-Ping-Pong der Kollegen völlig gleich – das heißt: positiv. Vielleicht ist ein solches Verhalten nur allzu menschlich, aber der Prozess wird auf diese Weise völlig nutzlos. Okay, wir wissen natürlich, dass die Anhänger des 360-Grad-Feedback – und das sind nicht wenige – behaupten, für diesen Fall seien Vorkehrungen getroffen worden, und das ist sicher teilweise auch richtig. Sie jedoch wollen wissen, ob sich diese umfangreiche Prozedur insgesamt lohnt. Hier die Antwort: Unserer Ansicht nach tragen die traditionellen Leistungsbewertungen – von Chef zu Mitarbeiter – nach wie vor zweifellos den Sieg davon. Sie lassen sich immer anwenden, sparen Zeit und sind nur schwer manipulierbar. Daher schlagen wir vor, dass Ihr Unternehmen sich nicht komplett vom 360-Grad-Feedback verabschiedet, sondern es nur alle paar Jahre zum Einsatz bringen sollte. Der größte Wert dieser Methode liegt darin, das Unausgesprochene „offensichtlich“ zu machen. Danach weiß fast jeder, wie der Hase läuft.
Welchs Welt: Ohne Präsenz keine Karriere
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