Arbeit und Leben: Stress muss ein Ende haben

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Arbeit und Leben: Stress muss ein Ende haben

von Ferdinand Knauß

Gestresst sind fast alle, manche sind sogar stolz drauf. Doch es mehren sich die Zeichen, dass das Konzept eines permanenten Stress-Managements an seine Grenzen stößt.

Kein Tag ohne Stress. Selbst wenn man ausnahmsweise mal gerade nicht selbst gestresst ist, liest man allerorten von anderer Leute Stress. Nach einer aktuellen Studie kann der sogar schon ausbrechen, wenn man sein Mobil-Telefon nicht griffbereit hat.

Wir sind, so kann man wohl ohne Zweifel feststellen, eine Stressgesellschaft. Und wenn ihn schon nicht alle lieben, so haben sich viele doch damit abgefunden, dass der Stress unser ständiger Begleiter ist.

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Dieses Abfinden hat zur Voraussetzung, dass die Menschen Stress für eine Normalität halten, für einen Teil der menschlichen Natur. Für ein ewig gültiges, unumstößliches Naturgesetz wie den wirtschaftlichen Wettbewerb selbst. Gehört der Stress unabwendbar zu einer kapitalistischen Gesellschaft?

Vielleicht. Aber so wie kapitalistische Gesellschaften einen historischen Anfang und damit vermutlich auch ein Ende haben, so ist auch die gestresste Gesellschaft ein historisches Phänomen, worauf die Fachzeitschrift "Zeithistorische Forschungen" mit einem aktuellen Sonderheft aufmerksam macht. Stress ist ein zeithistorisches, also ein relativ junges Phänomen. Mag sein, dass es auch vor 200 Jahren gestresste Menschen gab. Doch sie scheinen so selten gewesen zu sein, dass man für sie keinen Begriff brauchte.

Wie gehen Sie mit Stress und Ärger um?

  • Den Stress erkennen

    Denken Sie darüber nach, welche Faktoren Stress auslösen und bringen Sie diese in eine Rangfolge. Nicht alle Gründe wiegen gleich schwer. Stressauslöser, die bisher als unumgänglich gelten, könnten zu körperlicher und seelischer Beeinträchtigung führen.

  • Die Gesundheit leidet

    Viele vermeiden es über Jahre, sich Erschöpfung einzugestehen. Ein Burnout kann ein schleichender Prozess sein. Jahrelanger Medikamenten- oder Alkoholmissbrauch, Autoimmunerkrankungen oder psychische Auffälligkeiten weisen auf Erschöpfung hin.

  • Neue Energie gewinnen

    Hinterfragen Sie, wo Sie wie viel Energie investieren und ob es sich lohnt. Hinterfragen Sie Ihre innere Motivation und konzipieren Sie um. Schaffen Sie es, Ihr Energielevel unter Kontrolle zu halten, bleibt mehr für die Freizeit übrig.

  • Sich selbst leiden können

    Eine positive Selbstbewertung senkt das Stresslevel. Fangen Sie morgens an mit einer positiven Grundstimmung und versuchen Sie, dieses Gefühl den Tag über zu halten. Positive Selbstgespräche oder kurze tägliche Rituale helfen dabei. Auch malen, schreiben oder eine freundliche Büroeinrichtung wirken positiv.

  • Lähmenden Ärger loswerden

    Ärger kann in kürzester Zeit zu Antriebslosigkeit führen. Das Take-Care-Prinzip soll helfen, sich weniger zu ärgern: Versuchen Sie zunächst, Ärger von sich fernzuhalten. Nicht jede Meinungsverschiedenheit mit Kollegen oder den Nachbarn ist einen Streit wert. Falls es doch dazu kommen sollte, distanzieren Sie sich innerlich. Einen Witz machen kann helfen. Sollte es doch heftiger kommen, ist es wichtig, sich beim Sport oder über einen Urschrei abzureagieren.

  • Das Leben wieder in die eigene Hand nehmen

    Wer sich aufgibt, wird zum Spielball der Umgebung. Bestärken Sie sich jeden Tag darin, dass Sie über Ihr eigenes Lebens bestimmen. Conen empfiehlt: „Lernen Sie, mitten im Geschehen zu sein und doch darüber zu stehen.“ Sie kommen mit Störungen besser zurecht, wenn Sie sich als freier und selbstbestimmter Mensch fühlen.

  • Intuition nicht verkümmern lassen

    In kritischen Situationen spontan regieren zu können, ist nicht nur auf der Straße wichtig. Auch im Büro sollte die Bedeutung des Bauchgefühls nicht unterschätzt werden. Wer in Situationen mit Kollegen und Kunden zu kopflastig reagiert, kann sie in Sekunden vergraulen. Laut Conen ist Intuition lernbar – und kann wieder erweckt werden, falls man dazu bereit ist.

  • Das Bauchgefühl verbessern

    Lernen Sie ihre Sinne wieder einzusetzen. Riechen und fühlen Sie die Natur oder konzentrieren Sie sich auf die verschiedenen Bestandteile ihres Essens. Verlangsamen Sie eine Aktivität wenn es möglich ist und genießen Sie den Augenblick. Versuchen Sie die Umgebung abzuscannen und sich einzuprägen.

  • Den anderen mit dem Bauch betrachten

    Achten Sie nicht nur darauf, was Personen in Ihrem Umfeld sagen, sondern auch, wie sie es sagen. Die Wechselwirkung mit dem Gegenüber und die Umstände einer Konversation beeinflussen das Ergebnis in hohem Maße.

  • Selbstkontrolle

    Dabei sollte die Selbstbeobachtung nicht vergessen werden. Intuitive Selbstkontrolle hilft, während eines Gesprächs die Reaktionen seines Gegenübers nicht zu übersehen. Wie Sie auf andere wirken, lässt sich leicht bei einem Abschied erkennen. Ist die Situation entspannter, als bei der Begrüßung, hat sich der Gesprächspartner wohl gefühlt.

  • Intuitiv entscheiden

    Egal ob im Beruf oder im Privatleben, eine Entscheidung sollte nicht alleine aus dem Kopf heraus getroffen werden. Beziehen Sie Ihren Bauch mit ein. Auch wenn Sie ein Gefühl rational nicht nachvollziehen können, sollten Sie versuchen, es zu ergründen. Es könnte sein, dass ihre innere Stimme weiser ist, als Sie in diesem Augenblick.

  • Aufbrechen oder Ausharren?

    Jede Veränderung schenkt ein Stück neues Leben. Dennoch ist nicht jeder Unmut Grund genug, alles über den Haufen zu werfen. Veränderung ist kein Allheilmittel. Tiefen durchzustehen ist das eine, chronischer Frust das andere.

  • Das Chamäleon-Prinzip

    Das Chamäleon sollte das Tier dieses Jahrhunderts werden. Es zeigt alle Fähigkeit, die heute notwendig sind. Vor allem kann es sich auf veränderte Bedingungen einstellen. Es geht nicht darum, seine Authentizität zu verlieren. Es geht darum, sich nicht mehr zu wünschen, dass alles wieder so wird, wie es mal war. Das macht unglücklich. Wagen Sie in der Jobkrise den Sprung in eine zweite Karriere.

  • Entdecken Sie alle Ihre Fähigkeiten

    Stellen Sie sich vor, Sie wären Gast im Ratequiz „Was bin ich?“. Welche Eigenschaften, und dazu zählen eben auch die kleinen Fähigkeiten, machen Sie aus? Protokollieren Sie die Bereiche, die bisher noch nicht ausreichend zur Geltung kommen. Da gibt es bestimmt mehrere.

  • Entwickeln Sie sich weiter

    Seminare, lebenslanges Lernen, neue Herausforderungen. Nutzen Sie wirklich alle Ihre Bildungsurlaubstage? Haben Sie wirklich schon alles gelernt, was Sie sich vorgenommen haben? Trainieren Sie, nicht zu schnell zu satt zu sein und fordern Sie von sich selbst, mehr aus sich zu machen.

  • Reagieren Sie schneller

    Seien Sie die Schlange, nicht das Kaninchen. Reagieren Sie schneller als die anderen. Also erwarten Sie stets das Unerwartete, lernen Sie zu improvisieren, lösen Sie sich rasch von Denkmustern. Und vor allem: verändern sie Gewohnheiten.

Das englische Wort Stress, abgeleitet vom lateinischen Verb „stringere“ (stramm ziehen), wurde vor dem 20. Jahrhundert nur in der Physik verwendet. Ein Holzbalken zum Beispiel, auf dem extrem schwere Lasten ruhen, die ihn zu zersplittern drohen, ist „stressed“.

Quälerische Versuche mit Ratten

Dafür, dass Lebewesen und Menschen gestresst genannt werden, ist vor allem der „Vater der Stressforschung“ verantwortlich: der aus Ungarn stammende kanadische Arzt Hans Selye. In den Dreißigerjahren machte er Tierversuche, für die man heute große Schwierigkeiten bekäme: Er setzte Ratten dauerhafter Kälte aus, gab ihnen wiederholt Gifte zu fressen, ließ sie übermäßige Muskelarbeit verrichten und infizierte sie mit Krankheiten.

Dabei stellte Selye fest, dass die Tiere auf all diese anhaltenden Belastungen „unspezifisch“, also immer gleich reagierten. Er stellte drei Stadien dieses „allgemeinen Anpassungssyndroms“ fest, das er später Stress nannte: Während der relativ kurzen „Alarmphase“ unmittelbar nach Eintreten der Belastung mobilisiert der Organismus nach einem anfänglichen Schock und der Einstellung überlebensunwichtiger Funktionen die Kräfte, die ihm dann nach rund 48 Stunden in der „Widerstandsphase“ ermöglichen, die Belastungen zu bewältigen.

In dieser Phase produzieren die Nebennieren auf Hochtouren das Stresshormon Cortisol, während die übrige Hormonproduktion heruntergefahren wird. Cortisol signalisiert dem Körper, salopp gesagt, an die Reserven zu gehen und auf Krankheitserreger nicht mit Entzündungen zu reagieren.

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