Arbeitswelt: Lasst mich bloß alleine!

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Arbeitswelt: Lasst mich bloß alleine!

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Die besten Lösungen und Gedanken scheuen die Geselligkeit.

von Ferdinand Knauß

Durch das Gerede von der Teamfähigkeit geht in der heutigen Arbeitswelt der Sinn für den Wert des Alleinseins verloren. Manch einer hat ein ganz handfestes Interesse daran.

Das Wort fehlt in kaum einem Bewerbungsanschreiben: Teamfähig. In jeder fünften Stellenanzeige wird Teamfähigkeit sogar explizit eingefordert, wie das Jobportal Monster ausgezählt haben will. Natürlich ist es ein ebenso schwammiges Schwafelwort wie zum Beispiel „Belastbarkeit“. Und dennoch: Was eine Gesellschaft laufend schreibt und liest, zeigt, was in ihr für wichtig und richtig – oder falsch und unwichtig - gehalten wird.

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Kreativität ist auch so ein Wort. Kreativ sollen und wollen alle sein. Angeblich wünschen sich auch die meisten Arbeitgeber einen kreativen Arbeitnehmer. Neues erschaffen, das ist natürlich gut, ja, sogar unabdingbar in einer Gesellschaft, die kein anderes Ziel mehr kennt als die Erzeugung und den Konsum immer neuer und zahlreicherer Waren und Dienstleistungen.

Aber so richtig ernst können es die meisten Arbeitgeber dann wohl doch nicht damit meinen. Denn wenn der Begriff der Kreativität nicht nur als ausgelutschte Business-Phrase missbraucht, sondern seine Voraussetzungen wirklich ernst genommen würden, dann stünde in Stellenbeschreibungen seltener das Team  und stattdessen ein Wort, das da fast nie auftaucht: Allein. Man würde dann vielleicht solche Anzeigentexte lesen:  „Wir erwarten von Ihnen schöpferisches Arbeiten mit klugen, neuen Gedanken. Wir werden Sie daher möglichst viel allein lassen.“

Jeder, der wirklich etwas Neues schaffen will, sei es ein Computerprogramm, ein Kochrezept oder einen Zeitungstext, der weiß aus eigenem Erleben, dass das nur gut geht, wenn man zumindest in gewissen entscheidenden Momenten allein sein kann. Man kann die Kunst- und Literaturgeschichte ebenso durchforsten wie die der großen Erfindungen. Meist wird man feststellen, dass die entscheidenden Momente in der Entstehungsgeschichte großer Werke einsame Momente sind. Zumindest die zündende Idee, die am Anfang aller großen Werke steht, entstand meist in einem einzigen Gehirn, das nur mit sich selbst und der Sache beschäftigt war. Forscht man nach den Umständen, unter denen diese Idee aufkam, so liest und hört man selten: „Ich saß gerade in einem Meeting,“ oder: „Ich arbeitete gerade mit den Kollegen im Team zusammen“.

In vielen Unternehmen hält man Brainstorming für das Mittel der Wahl, gute Ideen zu generieren. Was kann aber dabei herauskommen, wenn jeder aus einer Gruppe das erstbeste, was ihm in hektischer Atmosphäre durch den Kopf schießt, ausruft oder an eine Tafel schreibt? Nichts anderes als eine Sammlung der Banalitäten. Ist der Computer das Ergebnis eines Brainstormings? Nein, es waren geniale Einzelgänger wie Konrad Zuse, Bill Gates, Steve Wozniak. Hat ein Team den Otto-Motor erfunden? Nein es war Nikolaus August Otto allein.

Gesellschaft Strebt nach eurem Werk!

Nicht die Erschöpfung sollte der Arbeit ihren Sinn verleihen, sondern der Werkstolz des Schöpfers. Ein Plädoyer gegen die Überhöhung von Arbeit und Umfeldern, in denen wir nur funktionieren sollen.

Geschafft: In einer U-Bahn-Station in Tokio. Quelle: dpa

Die besten Lösungen und Gedanken scheuen die Geselligkeit. Archimedes saß in der Badewanne, als ihm das nach ihm benannte Prinzip des Auftriebs einfiel. Danach soll er nackt und laut „Heureka! – Ich hab’s gefunden!“ rufend durchs alte Syrakus gelaufen sein. Die anderen Menschen waren ihm halt wurscht. René Descartes saß nach eigenem Zeugnis in seinem kalten Winterquartier allein am Ofen, als er zum ersten Mal einen der berühmtesten Sätze der Geistesgeschichte dachte: „Cogito, ergo sum“ – „Ich denke, also bin ich“. Isaac Newton soll grübelnd unter einem Baum gelegen haben, als ein Apfel ihm auf den Kopf fiel, und den entscheidenden Wink zum Gravitationsgesetz gab.

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