Geschichte der Arbeit: Schon 1900 wollten Arbeiter lieber Zeit als Geld

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Geschichte der Arbeit: Gute Gefühle statt gutes Geld

Schon 1900 wollten Arbeiter lieber Zeit als Geld

Ist die Machtergreifung der Nazis 1933 auch eine Zäsur für die Arbeitsgefühle?

Nein. Viele Maßnahmen der Arbeitgeber wachsen einfach fort. Die Nationalsozialisten fördern auch die Rhetorik der „Werksfamilie“ und vergeben günstige Kredite, damit die Unternehmen bessere Sanitäranlagen oder Sportplätze bauen können. In den Kriegsjahren, als die Arbeitsmoral leidet, setzt das nationalsozialistische Regime dann aber auf etwas Neues: nämlich psychotherapeutische Verfahren. Viele Vorarbeiter und Meister wurden zu psychologischen Schulungsseminaren geschickt, um sich besser auf das Innenleben der Arbeiter einstellen zu können. Das wird 1943 kriegsbedingt abgebrochen, aber später, in den 50er Jahren setzt man das dann unter dem Oberbegriff „Human Relations“ wieder fort. Das ist also der Versuch, durch die Herstellung einer guten zwischenmenschlichen Atmosphäre die Arbeitsbereitschaft zu heben.

Sind diese Bemühungen auch ein Versuch, die Arbeitsmoral des Unternehmertums – was Max Weber den „Geist des Kapitalismus“ nennt - auf die Arbeiter zu übertragen?  

Max Weber hat selbst in seinen Untersuchungen um 1900 festgestellt, dass Arbeiter, die die Chance hatten, durch einen erhöhten Stücklohn mehr zu verdienen, lieber auf den Zugewinn verzichteten und dafür früher nachhause gingen. Die Arbeiter wollten lieber mehr Zeit als mehr Geld. Max Weber erkannte, dass mit solchen Arbeitern kein Kapitalismus zu machen ist. Wenn man Wachstum will, ist man auf Arbeiter angewiesen, die bereit sind, mehr zu arbeiten, statt früher nachhause zu gehen. Weber erkannte, dass ein „Erziehungsprozess" notwendig sei, um die für den Kapitalismus benötigten Arbeitnehmer hervor zu bringen. Genau das ist in den nachfolgenden Jahrzehnten dann geschehen.

Mittlerweile erziehen sich die Menschen unter Anleitung der Ratgeberliteratur schon selbst zur dauernden Optimierung ihrer Leistungsfähigkeit.

Der Arbeitsmarkt erwartet heute sehr große emotionale Ressourcen von jedem Arbeitnehmer. Die Anforderung ist, dass jeder sich selbst motivieren kann und Begeisterung für die Arbeit mitbringen muss. In einem Bewerbungsgespräch vor hundert Jahren wurde nicht erwartet, dass der Bewerber Begeisterung für das Unternehmen zeigt, sich mit ihm identifizieren will und große Herausforderungen sucht.

Welche Rolle spielten in diesem Prozess der Psychologisierung des Arbeitslebens eigentlich die Gewerkschaften?

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Die Gewerkschaften habe das weitgehend verpasst. Sie waren ganz auf die harten Faktoren Gehalt und Arbeitszeit fixiert und überließen die Ausgestaltung der Arbeitsgefühle den Unternehmen. Auch heute spielen sie in der Diskussion über Burnout und ähnliche Probleme keine große Rolle.  

Was können heutige Arbeitnehmer aus der Geschichte der Arbeitsgefühle lernen?

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Es gibt zwei gegenläufige Tendenzen der Gegenwart. Einerseits suchen gerade junge Menschen der so genannten Generation Y den Sinn des Lebens nicht mehr unbedingt in der Arbeit, sondern in anderen Lebensbereichen. Andererseits haben Investoren ein großes Interesse an höheren Wachstumsraten. Und die sind nur zu erzielen, wenn sie die Arbeitgeber dazu motivieren, mehr zu arbeiten. Ich gönne natürlich jedem Menschen den Spaß an der Arbeit. Aber die Geschichte zeigt: Umso emotionaler die Rhetorik der Arbeitgeber wird, zum Beispiel durch den Begriff der Selbstverwirklichung, desto gefährdeter werden hart erkämpfte konkrete Absicherungen und Abgrenzungen. Ich empfehle darauf zu achten, dass man nicht gute Arbeitsbedingungen gegen vorgeblich gute Gefühle eintauscht.

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