Erste Ausfahrt im Cadillac CT6: Vorwärts, mit 300 Prozent mehr Rücksicht

Erste Ausfahrt im Cadillac CT6: Vorwärts, mit 300 Prozent mehr Rücksicht

, aktualisiert 14. Juli 2016, 10:40 Uhr
Bild vergrößern

Die Luxus-Limousine steht ab dem 6. September bei 45 deutschen Cadillac-Händlern und kostet zwischen 73.500 und 94.500 Euro. Von außen hat sie ungefähr die Abmessungen eines 7er-BMW, und tritt mit dem Anspruch an, man habe „Luxus völlig neu definiert“.

von Frank G. HeideQuelle:Handelsblatt Online

Wer partout keine deutsche Luxuslimousine in der Einfahrt parken möchte, für den bietet Cadillac nun eine überraschend moderne Alternative. Das neue Flaggschiff CT6 hat einige Extras an Bord, die begeistern können.

BerlinWenn die hierzulande als Exot geltende Marke Cadillac in diesen Tagen gleich zwei neue Modelle vorstellt, dann geht es um Großes. Natürlich sind damit die Abmessungen der Fahrzeuge gemeint, eines SUV, hinter dem man einen Tiguan verstecken kann, und einer Luxus-Limousine, die knapp fünf Meter zwanzig lang ist und auch im Preis an BMW 7er, Mercedes S-Klasse und Audi A8 heranreicht.

Noch gewaltiger sind die Pläne der 114 Jahre alten Marke, es sollen im Rahmen einer 12 Milliarden Dollar teuren Produktinitiative bis 2020 acht neue Fahrzeuge entstehen, die Märkte erschließen und Segmente knacken, in denen sich die Luxusfahrzeuge der GM-Tochter bislang schwer taten.

Anzeige

Und getreu dem groß herausgestellten Motto „Dare greatly“ (Wage Herausragendes) fängt man oben an, mit einer Limousine, wie sie amerikanischer und moderner kaum sein kann. Abgesehen vom SUV-Riesen Escalade ist der CT6 der bislang größe Cadillac, der je in Deutschland offiziell angeboten wurde. Und sein Design wird bestimmt polarisieren.

Die langestreckte und flache Stufenheck-Form zeigt eine schnörkellose Präsenz, aus der bewusst die LED-Tagfahrlichter senkrecht hervorstechen. Sie sind mittlerweile ein echtes Cadillac-Marken-Statement und ziehen gemeinsam mit dem gewaltigen Chrom-Kühlergrill viel Aufmerksamkeit auf sich. Die Front ist nicht aggressiv, aber sie sagt klar: „Hier kommt der Imperialist unter den Limousinen, Amerikaner und stolz darauf.“

Unter der flachen Motorhaube brummt modernstes Einerlei: Es gibt bislang für den CT6 nur einen einzigen Motor, und das ist ein großvolumiger Benziner. Zwar kein V8, aber immerhin ein V6 mit drei Liter Hubraum. Zwangsbeatmet von zwei Turboladern wuchtet das Fronttriebwerk 417 PS an die Kurbelwelle. Das satte Drehmoment von 555 Newtonmeter wird von einer selbst entwickelten 8-Gang-Automatik in allen Fahrsituationen so perfekt verwaltet, dass der Fahrer kaum in die Magnesium-Paddles hinter dem Lederlenkrad greifen möchte.

Zu den modernen Zutaten der Antriebstechnik zählt das aus dem Escalade bekannte Magnetic-Ride-Control-Fahrwerk, dazu kommt ein stufenlos variabler Allradantrieb, die Möglichkeit, sich per Tastendruck zwischen drei Fahrmodi entscheiden zu können. Das Fahrgefühl ist - vor allem gestützt auf PS und Drehmoment - jederzeit souverän, der Antritt beim Ampelstart presst mich auf Wunsch zentimetertief ins feine Leder. Und natürlich reicht die Power um extrem entspannt zu cruisen.

Voll auf der Höhe der Zeit ist der CT6 in Sachen Lenkung, denn er kann auch die hinteren Pneus um bis zu 3,5 Grad schräg stellen. Die aktive Hinterachslenkung steuert die Hinterräder bei geringen Geschwindigkeiten in entgegengesetzter Richtung zu den Vorderrädern, um den Wendekreis zu verkürzen, wodurch das Parken und das langsame Fahren bei starkem Verkehrsaufkommen viel einfacher wird.

Bei Autobahngeschwindigkeiten steuern vordere und hintere Räder in dieselbe Richtung, was stabilere Spurwechsel und Notfallmanöver ermöglicht. In erster Linie gewinnt der CT6 durch die neue Lenkung an Agilität, die für ein so großes Fahrzeug vor allem in der Stadt überraschend hoch ist.

Und Cadillac verspricht nach eigenen Testerfahrungen, dass vor allem die Kombination aus Magnetic-Ride, variablem Allradantrieb und aktiver Hinterachslenkung das Handling auf Schnee und Eis geradezu dramatisch verbessert.

Um den Spritdurst des großen Wagens im Zaum zu halten, werden automatisch zwei der sechs Zylinder abgeschaltet, wenn ihre Kraft nicht gebraucht wird. Im Stadtverkehr schaffe ich es aber dennoch nicht, den Verbrauch meiner 2.025 Kilo schweren Platinum-Testversion unter 14 Liter zu drücken.

Eine kleine Revolution hält Cadillac im Innenraum parat. Es ist nicht das Head-up-Display, das von den Amerikanern erfunden wurde, sondern der Rückspiegel. Auf Knopfdruck wird sein vertrautes Bild durch das ersetzt, was eine hochauflösende Farbkamera liefert. Der Effekt beim Umschalten ist so spektakulär wie damals, als man zum ersten Mal in einen Ultra-HD-Fernseher guckte, plus Weitwinkel: 300 Prozent mehr Sichtfläche, so gestochen scharf, das selbst einzelne Regentropfen sichtbar werden!

Und man sieht nun auch, wenn sich von hinten auf einer vierspurigen Straße Fahrräder oder Motorräder nähern. In Berlin ist das nicht unterinteressant, denn deren Fahrer fürchten scheinbar weder Tod noch Testwagen-Blech.

Einige Nebeneffekte hat das Kamera-Spiegel-System: Nicht jeder Fahrer kann die Entfernungen richtig einschätzen, es bedarf der Eingewöhnung. Ein Riesenvorteil: Ich kann die Rückbank bis unter die Decke volladen, und habe trotzdem perfekte freie Sicht nach hinten, denn die Kamera sitzt im Heck. Nun ist der CT6 kein typischer Packesel, aber getreu dem „top to bottom-Ansatz der Amerikaner wird man das System bald auch in preiswerteren Modellen sehen.


Standesgemäß befördert

Nicht alle Extras des CT6 sind so atemberaubend effektvoll wie der Kamera-Rückspiegel, aber an modernster Unterstützung der Insassen in Sachen Komfort und Sicherheit herrscht kein Mangel. Herausragend ist die „Enhanced Night Vision“, die auf der Basis von per Infrarot gemessenen Wärmesignaturen den Fahrer bei Dunkelheit vor schlecht zu sehenden Fußgängern oder großen Tieren warnt.

An den in dieser Preisklasse elektronischen Helfern gefiel mir, dass sie ihre Arbeit fleißig und unermüdlich verrichten, ohne zu nerven wie quengelnde Kinder. Egal ob Spurhalte-Assistent, der automatisch von der weißen Fahrbahnmarkierung weg lenkt, Abstandsradar, Fernlichtautomatik für das LED-Licht, Notbremsfunktion auch beim Rückwärtsfahren, Einparkautomatik, oder Totwinkelwarner: Jede Funktion ist leicht auffindbar, individuell regel- und schaltbar. Den Assistenten ganz easy einfach mal schweigen zu lassen, und die Stille im ausgezeichnet gedämmten Fahrzeug zu genießen, auch das kann Luxus sein.

Vor mir im Cockpit erstrahlt standesgemäße LCD-Technik, der 10,2 Zoll große Touchscreen-Monitor im Zentrum des CUE-Systems (Cadillac User Experience), die induktive Aufladestation, und der integrierte WLAN-Hotspot, das alles macht auch jüngeren und technikaffineren Menschen Spaß, denn er zeigt die Symbole von Apple Car, Android Auto und einem guten Dutzend weiterer Zutaten ohne die der Homo Smartphonicus heute nicht mehr aus der Garage kommt. Als Ortsfremder in Berlin fand ich die die Bedienung des Navi einwandfrei, schnell, problemlos, aber die Kartendarstellung vergleichsweise bescheiden.

Echtes Oberklasse-Gefühl vermitteln mir innen die gesteppten Ledersitze mit feiner Perforation für die mehrstufige Sitzkühlung, lederne Bespannung von Armaturenbrett, Türverkleidungen, Mittelkonsole und vieles mehr. Ein kleiner Wermutstropfen: Einige Elemente, wie die üppige Armauflage über dem Kardantunnel, geben Knarzgeräusche von sich, das hört in der Preisklasse ab 73.500 Euro aufwärts niemand gern. Abhilfe schafft dann die gewaltige Akustik des Bose-Surround-Systems, das 34 Lautsprecher bespielt. Panaray heißt das Audio-System, es sieht edel aus und wurde extra für Cadillac entwickelt.

Schon im Escalade sorgen intelligent erzeugte Vibrationen dafür, dass man Musik und Motor hört, nicht aber unerwünschtes wie Fahrwerksbollern oder Blechschwingungen. Natürlich ist es beim Spitzenmodell CT6 nicht anders. Mit einem Unterschied allerdings: Alle Testfahrer, die die Musik aus dem Panaray leise laufen ließen, empfanden sie aufgrund der enormen Basslastigkeit des Systems als zu dumpf empfinden. Erst im Party-Modus zeigte das System seine Stärke.

Wer sich ganz visuellen und audiophilen Genüssen hingeben möchte, nimmt am besten hinten Platz. Dort warten dank mehr als drei Meter Radstand eine unglaubliche Beinfreiheit, auf Wunsch gnadenlos knetende Massagesessel, und in den Rückenlehnen versenkbare Monitore auf weitere Befehle, wie sie den Chauffierten wohl am besten unterhalten oder entspannen können.

Zwar muss man eine kleine Verbeugung vor dem Design machen, wenn man einsteigt, denn die Limousine ist wirklich flach. Doch innen angekommen gefällt das enorme Raumgefühl und die Bewegungsfreiheit, die auf Oberklasseniveau keinen Vergleich scheuen muss. Wenn in diesem entspannten Moment voller Ruhe der Blick wieder in den Rückspiegel fällt, sieht man vielleicht, wie der Chauffeur gerade das Gepäck in den Kofferraum lädt. Er braucht keine Hand mehr, um die Klappe über dem üppigen Stauraum zu öffnen. Auch beim CT6 reicht dafür mittlerweile ein Tanzschritt im Wirkbereich des entsprechenden Sensors.


Ganz weit weg von „grandfather´s car“

Die ausgedehnte Tour durch Berlin und Hinterland vermittelte eines deutlich: Vorurteile sind unangebrachter denn je. Der Begriff Straßenkreuzer wäre trotz Gewicht, Benzindurst, Preis und Abmessungen falsch, denn die Amerikaner können tatsächlich sehr moderne Limousinen bauen. Mit dem CT6 als neuen Flaggschiff schafft Cadillac es, sehr viel Lifestyle mit souveränen Fahrleistungen und provozierend eigenständigem Design auf die Straße zu bringen.

Natürlich wird nun kein Automanager in Ingolstadt, München oder Stuttgart deswegen unruhige Nächte verbringen. Denn die Versuche der Amerikaner einer wirklich nennenswerten Zahl von deutschen Fahrern den american way of drive zu vermitteln, sind Legende. Das Verharrungsmoment der Premiummarken-Stammkunden ist hierzulande offenbar so gewaltig wie das Drehmoment eines Achtzylinder-Diesel.

Aber man wird gespannt beobachten müssen, wie gerade jüngere wohlhabende Kunden auf den CT6 reagieren, denen die üblichen Angebote vielleicht zu angestaubt wirken. In China ist die Marke zwar auch in der Nische, aber auch schon den entscheidenden Schritt weiter: Dort liegt das Durchschnittsalter der Cadillac-Käufer deutlich unter 40 Jahren. Mit einem Auto nach Art des Großvaters wäre das nicht zu schaffen.

Fazit: Weil Cadillac fährt traditionell bei der Restwertentwicklung den Nachteil aller Exoten mit sich herum, und muss an einigen Stellen noch nachbessern, um tatsächlich an das Niveau von 7er BMW oder S-Klasse heranzureichen. Stichpunkte sind Navigation, Audio-System und knarzende Kunststoffe, sowie eine unsinnige Tempodrosselung auf 240 km/h. An anderer Stellen fahren die Amis aber auch den angeblich besten Autos der Welt einfach davon: Stichwort Rückspiegel und Raumgefühl.

Wer 94.500 Euro für die vollausgestattete Platinum-Version auf den Tisch legt, bekommt bei aller überraschenden Modernität des CT6 auch eine traditionell große Projektionsfläche fürs Ego: Wer partout nicht das übliche aus deutschen Landen in der Einfahrt parken möchte, für den ist die CT6-Probefahrt Pflicht.

Cadillac CT6 – Technische Daten:
Länge: 5.184 mm
Breite: 1.880 mm
Höhe: 1.472 mm
Radstand: 3.109 mm
Wendekreis; 12,2 m Basis, 11,3 m mit ARS
Leergewicht: 1.950 - 2.025 kg Platinum, 1.879 - 1.954 kg Luxury
Gewichtsverteilung: 53,5 zu 46,5 % (v./h.)
Radstand: 3,11 m
Kofferraumvolumen: 433 Liter
Tankinhalt: 72,7 Liter
Antrieb: Sechszylinder-Benziner mit Twinturbo
Hubraum: 2.997 ccm, 307 kW / 417 PS
maximales Drehmoment: 555 Nm bei 5.100 U/min
Achtgang-Automatik, Allradantrieb und Allradlenkung
Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h, Beschleunigung: 0 - 100 km/h: 5,7 Sek.
Normverbrauch: 9,8 l/100 km, CO2: 223 g/km, Euro 6
Grundpreis: ab 73.500 Euro, Platinum-Version: 94.500 Euro

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige

Twitter

Facebook

Google+

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%