Erste Zinserhöhung seit 2007: Bank von England vor historischem Kurswechsel

Erste Zinserhöhung seit 2007: Bank von England vor historischem Kurswechsel

, aktualisiert 02. November 2017, 07:27 Uhr
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Mit der Erhöhung würde die Bank of England der amerikanischen Federal Reserve folgen.

von Carsten VolkeryQuelle:Handelsblatt Online

Die britische Notenbank wird heute wohl ihren Leitzins erhöhen – zum ersten Mal seit der Finanzkrise. Dabei fühlt sich die Lage alles andere als normal an, die britische Wirtschaft steckt in der Brexit-Falle.

LondonMark Carney kann jetzt nicht mehr zurück. Die Anleger an den Finanzmärkten gehen fest davon aus, dass die Bank von England am Donnerstag ihren Leitzins von 0,25 Prozent auf 0,5 Prozent erhöhen wird. Alles andere wäre eine riesige Überraschung. Sollte es sich der geldpolitische Ausschuss unter Vorsitz des Notenbankchefs doch noch anders überlegen, würde das Turbulenzen auslösen. „Das Pfund würde einbrechen“, sagte Peter Dixon von der Commerzbank dem Nachrichtendienst Bloomberg.

Mit der Erhöhung würde die Bank of England der amerikanischen Federal Reserve folgen. Die US-Notenbank hatte bereits 2015 den Schalter umgelegt, der US-Leitzins liegt inzwischen bei 1 bis 1,25 Prozent. Die Europäische Zentralbank hat ihre Zinsen noch nicht erhöht, aber ihre Anleihenkäufe zurückgefahren und so ein Ende des billigen Geldes signalisiert.

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Zehn Jahre ist es her, dass die Bank von England ihren Leitzins zum letzten Mal erhöht hat. Dann kam die Finanzkrise, und die Währungshüter senkten den Zins auf 0,5 Prozent, um die Konjunktur anzukurbeln. Seitdem wurde immer wieder über eine bevorstehende Normalisierung spekuliert, Carney selbst gab mehrfach Signale. Doch immer fand sich ein Argument, die Zinserhöhung noch einmal aufzuschieben.

Nach dem Brexit-Votum im Sommer 2016 senkte die Bank den Leitzins sogar noch weiter – auf 0,25 Prozent, den tiefsten Stand ihrer dreihundertjährigen Geschichte. So sollte der erwartete Konjunkturschock abgemildert werden.

Nun jedoch scheint es soweit zu sein: Die Inflation liegt mit drei Prozent deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Zentralbank. Daher sieht sie nun den Zeitpunkt gekommen, um gegenzusteuern. Die Befürworter einer Zinserhöhung halten die Risiken für überschaubar: Die britische Wirtschaft wächst besser als erwartet, die Brexit-Depression ist bislang ausgeblieben. Das Wachstum im dritten Quartal betrug 0,4 Prozent. Die Arbeitslosigkeit verharrt auf dem Tiefstwert von 4,3 Prozent.

Nach ihrer letzten Sitzung im September hatte die Bank of England angekündigt, dass die Zinsen „in den kommenden Monaten“ steigen würden. Damit hatte sie Erwartungen geweckt. Als die jüngsten Konjunkturdaten auch noch positiv ausfielen, preisten die Anleger die Zinserhöhung ein. Der Markt rechne zu 90 Prozent mit dem Schritt, sagt Mark Wall, Chefökonom der Deutschen Bank. Die Notenbank wird ihren Worten Taten folgen lassen müssen, wenn sie weiter ernstgenommen werden will.

Der Londoner Thinktank NIESR erwartet, dass die Bank of England jetzt alle sechs Monate einen weiteren Zinsschritt folgen lässt. Andere sind sich da nicht so sicher und nennen als Beispiel die Federal Reserve: Die hatte nach der ersten Zinserhöhung ein ganzes Jahr gewartet, bis die nächste kam.

Für letzteres Szenario spricht, dass die Währungshüter nicht hundertprozentig von der Erhöhung überzeugt scheinen. In dem neunköpfigen geldpolitischen Ausschuss gibt es zwei Denkschulen: Die einen halten die Zinswende für überfällig, die anderen warnen davor, die Konjunktur abzuwürgen. Tatsächlich gibt es erste Anzeichen der Schwäche: Verkäufe im Einzelhandel gehen stark zurück, sogar die Londoner Immobilienpreise fallen erstmals seit der Krise. Offenbar lässt der Brexit die britischen Verbraucher doch nicht kalt. Jede Zinserhöhung belastet die Haushalte zusätzlich: Kredite werden teurer, die Kauflust könnte sinken.

Und die Brexit-Risiken sind erheblich, wie Carney nicht müde wird zu betonen. Von den Verhandlungen in Brüssel hängt auch das weitere Vorgehen der Notenbanker ab: Solange nicht klar ist, wie hart der Schnitt mit der EU ausfällt, müssen sie auf Sicht fahren. Sie stecken in der Brexit-Falle.

Quelle:  Handelsblatt Online
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