Essay von Timotheus Höttges: „Wir sind kein Spielball der Digitalisierung“

Essay von Timotheus Höttges: „Wir sind kein Spielball der Digitalisierung“

, aktualisiert 21. März 2017, 06:43 Uhr
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Viele Menschen haben Angst, dass Roboter ihnen die Arbeit wegnehmen.

Quelle:Handelsblatt Online

Telekom-Chef Timotheus Höttges plädiert in einem Handelsblatt-Essay für Optimismus im Umgang mit neuen Technologien. Probleme können zwar nicht wegdigitalisiert werden. Doch nie ging es uns so gut wie heute.

Die Lust am Untergang hat in der öffentlichen Debatte großen Raum. Gerade auch beim Thema Digitalisierung. Das Internet wurde schon als „Wüste“ (Clifford Stoll) bezeichnet, in dem die „Stunde der Stümper“ (Andrew Keen) geschlagen habe. Die einen sagen, es sei kaputt (Sascha Lobo), während andere „Big Data“ immer noch als „Massenvernichtungswaffe“ (Cathy O’Neill) sehen. Die alte Weisheit, dass nur schlechte Nachrichten gute Nachrichten sind, hat den Nachteil, dass nicht nur Panik verbreitet wird, sondern irgendwann auch Panik herrscht.

Angst vor Robotern, die einem die Arbeit wegnehmen. Angst vor Ausspähung. Angst vor Überforderung durch ständige Erreichbarkeit. Alles da. Alles berechtigt.

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Aber daneben gibt es auch die andere Wahrheit: Wir leben in der besten aller Gegenwarten. Nie waren wir so reich wir heute. Nie so gesund. Wir werden älter als jede Generation vor uns. Mehr Kinder besuchen Schulen. Mehr Menschen können lesen und schreiben. Wir können friedlich Grenzen überschreiten und sehen dadurch so viel von der Welt wie keine Generation vor uns. Nie zuvor war es so leicht, sich mit anderen Menschen zu verbinden. Wir kommunizieren über Smartphones, und wir können über sogenannte Virtual-Reality-Brillen ohne Reisen Orte besuchen, die weit von uns entfernt sind. Auch in der Arbeitswelt hat sich viel zum Guten entwickelt. Mein „Vati“ gehörte samstags nicht mir, sondern der Firma. Heute haben wir die Produktivität deutlich gesteigert und die Arbeitszeit verkürzt. Viele körperlich anstrengende und krank machende Arbeiten haben uns Maschinen abgenommen.

Nie zuvor ging es uns also so gut. Und das verdanken wir technischem und zivilisatorischem Fortschritt. Aber diese Tatsche wird viel zu selten offen ausgesprochen. Als habe man die Sorge, bei jedem Glück warte das nächste Unglück schon um die Ecke. Dabei müssen wir aufpassen, dass wir nicht vergessen, uns zu freuen und wertzuschätzen, was wir haben. Oder ganz simpel: zu leben.

Meine „guten Nachrichten“ sind empirisch belegbar. Der Politikwissenschaftler Johan Norberg hat mit „Progress“ sogar ein ganzes Buch darüber geschrieben. Aber Statistiken helfen natürlich denen nicht weiter, denen es auch bei uns in Europa nicht gutgeht. Die arbeitslos sind oder in prekärer Beschäftigung, wie leider auch viele junge Menschen. Oder die, die sich durch ständige Anpassung an eine sich immer schneller wandelnde Gesellschaft überfordert fühlen. Diese Menschen dürfen wir natürlich nicht aus dem Blick verlieren. Im Gegenteil.

Die Digitalisierung nicht überhöhen

Das Versprechen der Sozialen Marktwirtschaft, „Wohlstand für alle“ zu schaffen, muss auch in der digitalen Wirtschaft eingelöst werden. Dazu gehört aber die Erkenntnis, dass Wohlstand eben nicht durch Abschottung und Abkopplung von technischem Fortschritt erreicht werden kann. Ganz im Gegenteil!

Deutschland ist das Paradebeispiel. Unsere Wirtschaft ist global vernetzt. Und genau das macht unseren Erfolg aus. Unsere Arme müssen darum offen sein. Dazu passt auch das Motto der Telekom: „Life is for sharing“. Genau so handeln wir. Unsere Netze machen nicht Halt an Landesgrenzen. Sondern sie verbinden Menschen und Unternehmen und immer mehr Geräte des „Internets der Dinge“ über Grenzen hinweg.
Was können wir also tun, um mehr Offenheit zu erreichen, auch beim Thema Digitalisierung?

Vielleicht ist es ein erster Schritt, die Digitalisierung nicht zu überhöhen, sondern nüchtern zu sehen. Digitalisierung wird heute als Beschreibung der Folgen von Computerisierung und elektronischen Netzwerken verwandt. Aber es handelt sich im Kern um ein wesentlich älteres Prinzip der Verwendung von Codes und Zeichen. So gesehen ist das erfolgreichste Projekt der Digitalisierung in unserem Kulturkreis die Erfindung und Nutzung des griechischen Alphabets. Es wurde zunächst durch die Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg und später durch das World Wide Web erheblich dynamisiert. Wir müssen also lernen, Digitalisierung als historische Evolution zu begreifen, nicht als Revolution. Und in diesem Sinne auch zukünftige Entwicklungen in den Blick nehmen. Quantencomputing, Biocomputing und Nanotechnologien werden noch ganz andere Datengeschwindigkeiten und Verarbeitungskapazitäten mit sich bringen.

Unseren heutigen technologischen Zustand vergleichen einige Experten bereits rückblickend mit der Situation im 19. und frühen 20. Jahrhundert, als die Dampfmaschine die Industrialisierung in Gang brachte und elektrische Systeme die Beleuchtung mit Kerzen und Gaslaternen ersetzte und uns dadurch ungeahnte Lichter aufgingen.

Zweitens müssen wir begreifen, dass die Digitalisierung ein großer Helfer ist. Auch wenn die Zeiten für das individuelle Wohlergehen gut sind, stehen wir als Gesellschaft doch vor großen Herausforderungen. Der Klimawandel, soziale Ungleichheit und die Bekämpfung von Seuchen oder Krankheiten wie Krebs, Demenz oder Alzheimer zählen dazu. Und es spricht viel dafür, dass wir diese Herausforderungen meistern, wenn wir genau die Technologien nutzen, die uns nun die Digitalisierung an die Hand gibt. So ist zum Beispiel Big Data eben nicht dasselbe wie „Big Brother“ aus Orwells „1984“. Sondern es ist eine Chance, um beispielsweise in der Medizinforschung meilenweit voranzukommen.

Nur mal zur Verdeutlichung ein kleiner Kieselstein auf dem Weg: Im vergangenen Jahr hat die Telekom in Zusammenarbeit mit führenden Wissenschaftlern das Computerspiel „Sea Hero Quest“ veröffentlicht. Bei diesem Spiel geht es – verkürzt gesagt – um die Orientierungsfähigkeit der Spieler. Über 2,5 Millionen Spieler haben zusammen anonym bislang so viele Daten für die Demenzforschung erzeugt, wie sie ein Forscherteam in herkömmlicher experimenteller Forschung nur in Hunderten von Jahren erheben kann. Und gerade in der Medizin gibt es viele weitere Beispiele für Fortschritt. Deshalb spreche ich lieber von „Smart Data“ anstatt von „Big Data“.


Das Wachstumskonzept, das wir kennen, passt nicht mehr

Auch bei der Bekämpfung des Klimawandels hilft Digitalisierung. Denn die spart Ressourcen. Ein Beispiel: Aus einem Schlüssel wird eine App. Kein Metall mehr nötig. Keine Maschine zur Herstellung. Keine Energie dafür. Oder der Brockhaus in 24 Bänden. Für den Druck waren Tonnen von Papier nötig. Die Energie, die der Betrieb von Servern, Leitungen, Sendern und Empfängern verbraucht, um die Daten in Wikipedia zu speichern, beträgt Studien zufolge nur ein Zehntel im Vergleich zum Produktionsaufwand für die Bücher. Und online lebt ja auch der von mir wegen Qualität und Faktentreue geschätzte Brockhaus weiter.

Die Digitalisierung ist auch die Basis für die „Sharing Economy“. Sie steigert die Nutzung der vorhandenen Güter erheblich. Ein Auto zum Beispiel ist in erster Linie zum Fahren da. Aber zu 92 Prozent parkt es irgendwo. Der Sinn und Zweck eines Bohrers ist das Bohren. Aber in der Regel beschäftigt ihn das Schaffen von Löchern nur elf Minuten seiner Lebensdauer. Ist es also besser, sich einen eigenen Bohrer zu kaufen oder sich das Werkzeug mit anderen zu teilen? Ist es sinnvoll, in ein Auto und den entsprechenden Unterhalt zu investieren, wenn Sie sich eins mit Freunden oder Nachbarn teilen können? Und wäre das weniger ökologisch, ökonomisch und sozial oder mehr? Blablacar, Gett oder Lyft machen das Ganze auch noch einfach. Genau wie das Teilen von Büros bei wework. Oder sogar das Teilen des Internetanschlusses mit Fon.

Die beschriebenen Beispiele haben übrigens einen interessanten Nebeneffekt. Weil Carsharing oder die Nutzung von Wikipedia mehr oder weniger kostenlos sind oder zumindest deutlich preiswerter als das, was sie ersetzen, erkennt man den Zuwachs an Wohlstand und die Steigerung des Lebensstandards gar nicht am Bruttoinlandsprodukt. Das Wachstumskonzept, das wir aus der Vergangenheit kennen, passt nicht mehr. Wir zählen falsch. Das Wachstum ist da, aber es zeigt sich nicht mehr in den Kennziffern, die wir verwenden. Digitalisierung steht also auch für etwas, das man als „ungemessenes Wachstum“ bezeichnen könnte. Sie steht für neue Dimensionen der Effizienz und extrem hohe Produktivität.

Unterm Strich spricht also viel dafür, dass der weitere technische Fortschritt dazu beitragen wird, dass die Gegenwart von morgen noch besser sein wird als unsere heutige. Und sie wird auch dazu beitragen, dass viele Anwendungen aus unserem Alltag sehr viel einfacher und angenehmer werden. Wie das vernetzte Zuhause. Mit Sensoren und Kameras lassen sich die eigenen vier Wände sicherer machen. Manchmal hilft „Alarm machen“ eben doch. Gegen Einbrecher. Die Nachfrage ist enorm. Allein die Telekom hat bereits 14. 000 Smart-Home-Pakete verkauft.

Aber auch wir behaupten nicht, dass damit das ganze Leben smarter wird oder smarter werden muss. Es gibt Wahlfreiheit. Und jede Technik trägt die Antithese sozusagen in sich. Die Vinyl-Schallplatte war nie weg und kommt gerade wieder groß heraus. Und neben Amazon gibt es auch Manufaktum.

Vor allem aber müssen wir uns bewusst machen, dass geopolitische und ökonomische Probleme nicht „wegdigitalisiert“ werden können. Das wäre eine trügerische und zu romantische Hoffnung. Das Internet bringt uns nicht von selbst die Demokratie. Also sollte man es nicht daran messen. Vielmehr bieten jeweils neue Technologien neue Lösungen, aber bringen jeweils auch neue Probleme mit sich, die nur politisch und zivilgesellschaftlich angegangen werden können.
Was gehört also auf die Agenda, um technologischen und zivilisatorischen Fortschritt zu schaffen?

Erstens und immer: Bildung. Die Digitalisierung muss Einzug in die Klassenzimmer und Hörsäle halten. Es wird in Zukunft noch stärker darauf ankommen, Daten analysieren und Computer programmieren zu können. Die Förderung der MINT-Fächer, also Naturwissenschaften, Informatik und Mathematik, muss darum ausgeweitet werden. Es ist kein Zufall, dass die Telekom Stiftung mit einem Stiftungskapital von 160 Millionen Euro sich dieses Themas angenommen hat. Darüber hinaus muss in meinen Augen Programmieren Teil der Lehrpläne sein. Ebenso alles, was die Kreativität fördert. Denn das ist Voraussetzung für erfolgreiches Unternehmertum. Musik und Sport sollte man vor diesem Hintergrund sehr wertschätzen. Angesichts der eingangs erwähnten Debatten über enttäuschte Erwartungen an das Internet und die Digitalisierung plädiere ich darüber hinaus aber für eine noch sehr viel breiter angelegte Bildungsinitiative. Nicht nur an den Schulen und Universitäten, sondern vielleicht auch in Form einer „neuen Erwachsenenbildung“, die jedem Bürger Kenntnisse über Zukunftstechnologien und soziotechnische Systeme vermittelt.

Ein weiteres, wichtiges Feld ist die Wirtschaftspolitik. Das verrät der Blick auf die Lage Europas. Denn natürlich sind es leider nicht allein die Werte wie Frieden und Freiheit, die Europa zusammenhalten. Das, was stärker ist als die Zentrifugalkräfte des Nationalstaatsdenkens, ist die Teilhabe an dem Wohlstand, den ein vereinigtes Europa schafft. Und dieser Wohlstand wiederum fußt nicht auf Abschottung, sondern auf freiem Handel, freiem Wettbewerb und wirtschaftlicher Vernetzung, die das Ergebnis der Globalisierung ist. Und dafür braucht es Deregulierung.

Wir brauchen Innovationsanreize

Das sehe ich auch in meiner Branche. Wir haben bei den Breitbandnetzen inzwischen in Europa ein Investitionsdefizit von zig Milliarden Euro. Das liegt ausdrücklich nicht an den Unternehmen. Sondern es liegt daran, dass die Innovationen der Netzbetreiber sozialisiert werden, weil wir sie den Wettbewerbern zugänglich machen müssen, die nichts investieren. Was würde wohl BMW sagen, wenn ihr teuer entwickelter E-Motor am Tag der Markteinführung aus gesellschaftlichem Gesamtinteresse auch VW zur Verfügung gestellt werden müsste? Genau so etwas passiert täglich mit unseren Netzen. Warum sollte ein Unternehmen in innovative Infrastrukturen investieren, wenn diese sofort von allen Wettbewerbern genutzt werden können?

Ein Kontinent, der Innovationen braucht, braucht auch Innovationsanreize. Die Telekom plant in diesem Jahr zwölf Milliarden Euro an Investitionen. Damit bauen wir Netze – und zwar nicht nur in den Metropolen, sondern vor allem in kleinen Städten und auf dem Land, wo die Menschen auf schnelles Internet warten. Aber allein in Deutschland gibt es über 1 000 verschiedene regulierte Wholesale-Produkte beziehungsweise Produktvarianten. Die Regulierung ist 20 Jahre alt, aber sie reflektiert nicht mehr die Situation auf dem Telekommunikationsmarkt. Auf der einen Seite gibt es eine Gruppe der Willigen, die investieren wollen und ausbauen. Und auf der anderen Seite eine Gruppe der Billigen, die kritisieren, aber nicht bereit sind, selbst umfangreich Infrastruktur aufzubauen. Das ist weder fair noch unternehmerisch.

Bei all dem müssen wir die Teilhabe am erarbeiteten Wohlstand sicherstellen. Was passiert, wenn durch Maschinen Arbeitsplätze wegfallen? Macht dann ein Grundeinkommen Sinn, finanziert durch die Gewinne der voll automatisierten Unternehmen? Und würde das nicht vielen die Chance geben, selbst unternehmerisch, künstlerisch oder kreativ tätig zu werden? Oder werden Maschinen einfach zu neuen Kollegen, die uns Lästiges und Gefährliches abnehmen und uns mehr Freiraum verschaffen zum Beispiel für soziale Tätigkeiten in Pflege, Bildung oder Medizin?

Dass alte Jobs verschwinden, aber neue entstehen, sehen wir auch bei der Telekom. Früher war sie, wie wenig bekannt, zum Beispiel ein großer Arbeitgeber für Fotografen. Die fotografierten die Zählerstände in den „grauen Kästen“, auf deren Basis die Rechnungen gestellt wurden. Alles längst digital. Dafür entstehen bei uns neue Berufe wie der des „Cyber Security Professional“. Denn die Sicherheit im Netz ist eines der ganz entscheidenden Themen für den Erfolg der Digitalisierung – und die Telekom hat dafür inzwischen eine Abteilung mit 1 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Angesichts der vielen Chancen und der offen zu diskutierenden Risiken, die die Digitalisierung mit sich bringt, werbe ich daher für Optimismus. Wie gut die deutsche Industrie bereits teils digitalisiert ist, kann man auf der Cebit sehen. Spucken wir also in die Hände und gestalten weiter den Fortschritt, der unser Leben besser macht. Wir sind kein Spielball der Digitalisierung. Sondern wir sind das, was wir sein wollen.

Als das Handelsblatt Timotheus Höttges um einen Essay über die Folgen der Digitalisierung bittet, da zögert der Telekom-Chef nicht. Das Thema Zukunft ist dem 54 Jahre altem Rheinländer ein ganz besonderes Anliegen. Nicht nur rein, aber auch beruflich. Die Telekom steht als Infrastrukturbetreiber im Mittelpunkt der Digitalisierung und ist gleichzeitig auch stark von ihr betroffen. Doch Höttges macht in seinen Gedanken nicht beim eigenen Unternehmen halt. Der Chef des Dax-Konzerns, der als Mann klarer Worte gilt, befürwortet zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen. Höttges will ein faires Modell zu schaffen um das Sozialsystem zu erhalten. Finanziert werden könne dies womöglich durch die Besteuerung von vollautomatisierten Unternehmen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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