Euro-Clearing: Londons Banker zittern vor der EZB

Euro-Clearing: Londons Banker zittern vor der EZB

, aktualisiert 23. September 2016, 11:58 Uhr
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Das Finanzzentrum der englischen Hauptstadt bangt nach dem Brexit um seine Bedeutung.

von Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Londoner Banker befürchten nach dem Brexit-Votum einen erneuten Anlauf der EZB, die Abwicklung von Wertpapiergeschäften in die Euro-Zone zu holen. Gelingt dies, wäre der Finanzstandort geschwächt – mit schweren Folgen.

LondonEinmal sind sie noch davon gekommen: Vor gut einem Jahr hat der Europäische Gerichtshof Londoner Finanzunternehmen davor bewahrt, einen Teil ihrer Mitarbeiter in die Euro-Zone zu verlagern. Die Richter entschieden, dass die Abwicklung von großen Wertpapiergeschäften in Euro nicht zwangsläufig auf dem Kontinent über die Bühne gehen muss – wie eigentlich von der Europäischen Zentralbank (EZB) gefordert. Das so genannte Euro-Clearing, ein äußerst wichtiger Markt für Europas Finanzhauptstadt, konnte in London bleiben.

„Noch einmal werden wir das Glück wohl nicht haben“, sagt ein britischer Banker, der für ein ausländisches Geldhaus arbeitet. Er und einige andere Branchenkollegen erwarten, dass sich die EZB nach dem Brexit-Votum bei einem erneuten Anlauf durchsetzen und das Euro-Clearing in die Euro-Zone holen wird. „Sobald sich dies abzeichnet, werden Banken die Tätigkeiten und Mitarbeiter in dem Bereich von London auf den Kontinent verlagern“, heißt es in Finanzkreisen.

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Dass das Euro-Clearing von London aus betrieben werden kann, ist einer der Faktoren, die die britische Hauptstadt vor allem für ausländische Banken attraktiv machen. Dazu gehören auch der Zugang zum europäischen Binnenmarkt und die damit verbundenen so genannten Passporting-Rechte. Geldhäuser können so von der Insel aus Geschäfte auf dem Kontinent machen.

Nach dem Brexit-Referendum sind diese Vorteile gefährdet. Eine Reihe von Banken hat daher Umzugspläne geschmiedet, um auf einen Verlust der bisherigen Londoner Vorzüge zu reagieren.

Diese Pläne könnten schneller umgesetzt werden als erwartet, sagen einige voraus. „Wenn die EZB signalisiert, dass sie das Euro-Clearing aus London abzieht, wird das ein Weckruf für die Banken sein und Umzüge auf den Kontinent auslösen“, sagt Graham Bishop, ein ehemaliger Banker. Er arbeitet als Berater in Sachen europäische Integration und engagiert sich in einer neu gegründeten Organisation der britischen Finanzbranche, die die britische Regierung bei ihren Brexit-Verhandlungen mit der EU beraten will.

Bishop befürchtet zudem weitere Konsequenzen: „Es stellt sich die große Frage, ob ein Abzug des Euro-Clearing nicht eine Kettenreaktion auslösen und auch einen Abzug von Bank-Mitarbeitern, die mit US-Dollar-Handelsgeschäften betraut sind, zur Folge haben wird“, sagt der Berater.

Bei seinem Urteil zu Gunsten der britischen Hauptstadt Anfang 2015 argumentierte der Europäische Gesichtshof mit formalen Gründen. Mit der Forderung, große Euro-Wertpapiergeschäfte in der Euro-Zone abzuwickeln, habe die EZB ihre Befugnisse überschritten, so die Richter. Die Notenbank könnte aber problemlos mit den entsprechenden Befugnissen ausgestattet werden, heißt es jetzt in London – zumal Großbritannien nach einem Brexit innerhalb der EU nichts mehr zu sagen hätte und dies nicht verhindern könnte.

Experten wie Charlie Bean, einst stellvertretender Chef der Bank of England, haben wenig Hoffnung. „Ich würde nicht sagen, es ist wahrscheinlich, dass wir das Euro-Clearing verlieren. Ich würde sagen, es ist gewiss“, sagte er bei einem Auftritt vor Parlamentariern.


Der wichtigste Handelsplatz der EU

London ist der wichtigste Handelsplatz für Transaktionen in Euro. Nach Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich werden 75 Prozent des außerbörslichen Derivate-Handelsgeschäfts in Euro auf der Insel abgewickelt. In Frankreich liegt dieser Anteil bei 13 Prozent, in Deutschland bei zwei Prozent.

Londoner Clearinghäuser wickeln an einem durchschnittlichen Tag Handelsgeschäfte mit einem Volumen von mehr als 570 Milliarden Dollar ab. In der britischen Hauptstadt hat das größte Clearinghaus für Derivate seinen Sitz: LCH, eine Tochter der London Stock Exchange, die mit der Deutsche Börse fusionieren will. Die Clearinganbieter in London beschäftigen Experten zufolge direkt etwa 700 Mitarbeiter. Hinzu kommen mehr als 1000 Abwicklungs-Jobs bei Londoner Banken.

Clearinghäuser haben seit der Finanzkrise an Bedeutung gewonnen. Sie wickeln nicht nur Transaktionen zwischen zwei Handelspartnern ab, sie übernehmen auch die Risiken, die dabei entstehen können. Sie seien daher Schlüsselbestandteile des Finanzsystems, hatte die EZB ursprünglich bei der Forderung argumentiert, dass das Euro-Clearing auch in der Euro-Zone stattzufinden habe. Denn die Anbieter, so die europäische Notenbank, bündelten Kredit- und Liquiditätsrisiken, sodass Probleme zu Systemkrisen führen könnten.

Großbritannien wehrte sich damals mit einem anderen Argument: Ein solcher Standortzwang widerspreche dem freien Kapitalverkehr in der EU. Der Europäische Gerichtshof ging auf diese Argumente nicht ein – und konzentrierte sich vielmehr auf die Kompetenzüberschreitung der EZB.

Für einige britische Politiker war damals schon klar: Einen weiteren Sieg dieser Art würde es für London nicht geben: „Außerhalb der EU hätte das Vereinigte Königreich nicht klagen und dieses Ergebnis erzielen können“, sagte damals die britische Liberaldemokratin Catherine Bearder.

Quelle:  Handelsblatt Online
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