Euro vs. US-Dollar: Die Teile im Währungspuzzle passen nicht

Euro vs. US-Dollar: Die Teile im Währungspuzzle passen nicht

, aktualisiert 03. Mai 2016, 14:35 Uhr
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Die Teile scheinen zu passen. Doch das Bild will sich einfach nicht zusammenfügen.

von Matthias StreitQuelle:Handelsblatt Online

Der Euro steigt und steigt und steigt. Im Moment notiert er bei fast 1,16 Dollar – so viel wie seit acht Monaten nicht mehr. Trotz Niedrigzins. Trotz lockerer Geldpolitik. Die Devisenmärkte sind außer Rand und Band.

Frankfurt am MainDer Euro klettert auf neue Höhen. Mehr als 1,16 Dollar werden derzeit am Devisenmarkt für einen Euro fällig. Das ist der höchste Stand seit Ende August 2015. Allein seit Jahresbeginn wertete er gegenüber der US-Währung um fast acht Prozent auf. Und zwar trotz historischer Niedrigzinsen und lockerer Geldpolitik im Euroraum. Trotz der eingeleiteten Zinswende in den USA. Ersteres sollte die europäische Gemeinschaftswährung der Theorie nach schwächen. Letzteres sollte den Dollar stärken.

Doch am Währungsmarkt herrscht eine neue Realität. Bei den großen Währungen  der Industrieländer hat der Leitzins seine Steuerungsfunktion verloren. Niedrigzinsen allenthalben hebeln altbekannte Theorien aus.

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Seitdem Janet Yellen am 17. Dezember 2015 das erste Mal seit fast zehn Jahren die Zinsen anhob, hat sich der Dollar gegenüber dem Euro verbilligt. Wurden vor dem Entscheid noch 1,09 Dollar für einen Euro fällig, sind es heute schon 1,16 Dollar. Eigentlich, so waren sich Ökonomen fast einstimmig einig, sollte das Investorengelder in die USA ziehen. Der Dollar würde teurer werden. Wurde er aber nicht.

Der Rentenfondsmanager von Union Investment, Frank Engels, schreibt die Stärke des Euros und des Yens vor allem der Schwäche des Dollars zu. Die Händler zeigen sich enttäuscht ob der offenbar ausbleibenden Zinsschritte in den USA. Ließ die Fed sie zunächst mit vier Aufwärtsschritten in diesem Jahr rechnen, gehen sie nun allenfalls noch von insgesamt zwei aus.

Doch es ist nicht nur das Verhältnis Euro-US-Dollar, das gestört ist. Ähnlich ergeht es der US-Währung gegenüber dem Yen. Der ist derzeit so teuer wie seit September 2014 nicht mehr. Für einen Dollar zahlen die Japaner heute 105 Yen. Mitte Januar waren es noch mehr als 120 Yen. Seitdem hat die Währung um knapp 13 Prozent aufgewertet. Und das, obwohl die japanische Notenbank, die Bank of Japan, ihren Leitzins auf minus 0,1 Prozent gedrückt hat. Die Puzzleteile – die Instrumente der Zentralbanken – scheinen zu passen. Doch das Bild will sich einfach nicht zusammenfügen.

Auch Øystein Olsen, der Chef-Notenbanker Norwegens, versteht den Markt nicht mehr. Nachdem er im März den Leitzins des Landes auf ein historisches Tief von 0,5 Prozent gesenkt hat, räumte er auf Nachfrage ein, verteuerte sich die Landeswährung. Auf die Frage warum, musste er eingestehen: „Ich weiß nicht, warum die Krone aufgewertet hat.“

Geht es an den internationalen Finanzmärkten turbulent zu, konnte in der Vergangenheit meist Gold profitieren. Das Edelmetall gilt als sichere Anlage in Krisenzeiten. Und so verwundert es nicht, dass Gold in diesem Jahr ein fulminantes Comeback feiert. Rauschte der Preis zur Jahreswende noch auf ein Sechs-Jahres-Tief von 1.058 Dollar je Feinunze (31,1 Gramm), greifen die Anleger seitdem wieder kräftig zu. Derzeit kostet die Feinunze fast 1.300 Dollar – ein sattes Plus von mehr als 22 Prozent. Ausgelöst hat diese Rally der China-Crash im Januar. Doch seitdem ebbt der Kursanstieg nicht ab.


Geldpolitische Chaostage

Besonders gefragt sind in unsicheren Zeiten ebenfalls Investments in Japan. Der Yen gilt als sicherer Hafen. Seit Januar wertet er beständig auf. Das allerdings bringt den japanischen Finanzminister Taro Aso in Rage. Die Entwicklung sei eine „einseitige spekulative Bewegung“, sagte er und drohte mit Interventionen, falls sie sich fortsetzt. Seit mehr als zwei Jahrzehnten wollen die Konjunktur und die Inflation in Japan nicht anspringen. Wertet der Yen so drastisch auf wie momentan, fürchtet die Regierung um eine entscheidende Stütze für ihr Konjunkturprogramm „Abenomics“.

Dabei hätte die Notenbank des Landes, die Bank of Japan, die Aufwertung zumindest dämpfen können, hätte sie ihre Geldpolitik am vergangenen Donnerstag ausgeweitet. So hatten es Analysten weltweit erwartet. Die Japaner haben sie aber überrascht. Die Commerzbank jedoch sieht die Verantwortung für die weitere Aufwertung voll und ganz bei der Bank of Japan (BoJ). „Jeder halbwegs aufgeweckte Schülerpraktikant an jedem FX-Desk dieser Welt hätte vor der BoJ-Entscheidung vorhersagen können, dass der Yen aufwertet, wenn die BoJ nichts tut“, kommentiert der Chef-Devisenstratege der Commerzbank, Ulrich Leuchtmann. Japans Verantwortliche veranstalten „geldpolitische Chaostage“.

Direkte Eingriffe in das Wechselkurssystem in Form von Devisenkäufen gelten derzeit allerdings als unwahrscheinlich. Schon Ende Februar haben die Finanzminister und Chef-Notenbanker der G7-Länder, also der größten Industrie- und Schwellenländer, sich in Schanghai darauf verständigt, keinen Währungskrieg ausbrechen zu lassen.

Wie unklar die Lage nicht zuletzt mit Blick in die Zukunft ist, lässt sich an den Prognosen der Wechselkurse ablesen. So reicht die Bandbreite der Voraussagen zum Euro-Dollar-Kurs von der Parität, also einem Tausch eins zu eins (zum Beispiel Morgan Stanley) – bis hin zu 1,15 Dollar, wie es JP Morgan voraussieht.

Weit darüber hinaus sollte es aber nicht gehen, glaubt auch der Devisenstratege von der Helaba, Ralf Umlauf. Bei den aktuellen Kursniveaus seien „Verbalinterventionen der EZB-Vertreter wohl nur eine Frage der Zeit“. Schließlich sei der Zentralbank nicht an einer dauerhaften Aufwertung gelegen.

Die Verbalinterventionen blieben am Dienstag von EZB-Direktor Benoît Cœuré aus. Auf einer Veranstaltung in Paris sagt er, dass die Kapitalmärkte die niedrigen gut verkraftet hätten. Auch der Übergang zu negativen Zinssätzen auf kurzfristige Bankeneinlagen, der derzeit minus 0,4 Prozent beträgt, sei reibungslos erfolgt, sowohl am Kapital- als auch am Geldmarkt. „Oder, wie ich anderswo gesagt habe, es gibt ein Leben unter Null“, sagte Cœuré. Dennoch: Vom Zwei-Prozent-Inflationsziel der EZB ist der Euroraum aktuell weit entfernt. Im April sanken die Preise um 0,2 Prozent.

Die Konsequenzen des aktuell starken Euros bekommen zugleich die Börsianer zu spüren. Denn neben den schwachen Zahlen deutscher Konzerne sei auch die Gemeinschaftswährung für die heutigen Verluste im Dax verantwortlich, erklären Händler. Bis zum Mittag hat der deutsche Leitindex 170 Punkte eingebüßt und fiel damit erneut unter die 10.000-Punkte-Marke. Schließlich verteuert ein starker Euro die Exporte deutscher Unternehmen.

Einige US-Reisende aus Europa dürften die aktuellen Kuriositäten am Währungsmarkt freuen: Für sie wird der Urlaub dank des schwachen Dollar nämlich günstiger.

Quelle:  Handelsblatt Online
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