Europachef von Willis Re: „Hurrikans haben keinen fundamentalen Einfluss auf Preise in Europa“

Europachef von Willis Re: „Hurrikans haben keinen fundamentalen Einfluss auf Preise in Europa“

, aktualisiert 12. September 2017, 15:27 Uhr
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Laut dem Topmanager des britischen Rückversicherer-Maklers Willis Re verdient die Branche immer noch gutes Geld.

von Carsten HerzQuelle:Handelsblatt Online

Der Europachef von Willis Re, Dirk Spenner, zur Situation der Rückversicherer, den Auswirkungen der diesjährigen Hurrikan-Saison auf die Preise für Policen und warum sich die Branche jedes Jahr in Monte Carlo trifft.

Monte CarloDraußen schaukeln sanft die Schiffe im Jachthafen von Monte-Carlo, doch Dirk Spenner findet kaum Zeit, um auf dem Branchentreffen in Monte Carlo sich der Kulisse zu widmen. Der 49-Jährige Topmanager des britischen Rückversicherer-Maklers Willis Re muss sich auf das Geschäft konzentrieren, denn Spenner ist Chef für die Region EMEA (Europa, Naher Osten, und Afrika, Anm. der Red.) Nord-Ost des Maklers mit Hauptsitz in London. Mit dem Handelsblatt sprach er über seine Sicht auf die Entwicklung der Branche, die Folgen des Sturms Irma und ob er mit mehr Übernahmen rechnet.

Herr Spenner, wie erklären Sie einem Laien, was die internationale Rückversicherungsbranche während ihres Jahrestreffens in Monte Carlo tut?
Nun, in Monte Carlo treffen die globalen Versicherungsträger, Makler, Ratingagenturen und Berater zusammen, um nach dem Sommer eine Bestandsaufnahme zu machen, wo die Branche steht. Der Fokus für das internationale Geschäft liegt dabei vor allem auf der großen Erneuerungsrunde für die Prämien am 1. Januar des kommenden Jahres. Man schaut also, wo liegt der Bedarf und wo liegen die Kapazitäten. In der Regel werden hier aber noch keine Deals abgeschlossen, sondern nur vorbereitende Gespräche geführt.

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Seit Jahren beschwört die Branche eine Wende bei den sinkenden Preisen für Rückversicherungs-Policen. Glauben Sie daran, dass der Wunsch dieses Jahr Realität wird?
Da muss man sicherlich abwarten, wie sich der Hurrikan Irma entwickelt. Vom Hurrikan Harvey hat die Branche inzwischen eine ungefähre Vorstellung. Harvey allein wird vermutlich – was die Summe angeht – kein wirklich großes Rückversicherungsthema sein. Wenn man sich die kolportierten Summen anschaut, wird dies vielleicht die Ausschüttungen der Rückversicherer treffen – die Konzerne aber nicht fundamental beeinflussen. Was Irma angeht, ist es dagegen noch zu früh zu prognostizieren, welches Schadensausmaß er verursachen wird. Das wird sicher noch einige Zeit dauern, bis wir das beurteilen können.

Und was heißt das jetzt für die Preise?
Nun, wenn wir uns anschauen, wie sich der Markt in den letzten zehn Jahren verhalten hat, dann muss schon viel passieren, dass sich die Preise fundamental ändern. Das letzte Mal als ein Ereignis global Einfluss auf die Preise genommen hat, war 2001 nach den Anschlägen auf das World Trade Center. Danach wurde der Markt noch einmal 2005 getestet, als Katrina den bisher größten finanziellen Schaden in den Büchern hinterließ, den eine Naturkatastrophe bisher je verursacht hat. Aber was ist passiert? Die Preise haben sich zwar in Nordamerika, aber nicht international erhöht. Viel spricht dafür, dass auch die jüngsten Hurrikans keinen fundamentalen Einfluss auf die Rückversicherungspreise in Europa haben wird.

Aber in Florida steckt überdurchschnittlich viel alternatives Kapital in Katastrophen-Bonds. Kann es sein, dass ein Teil der Hedgefonds sich verabschiedet, wenn diese sich nun eine blutige Nase holen?
Es sind 13 solcher Katastrophen-Bonds, die davon betroffen sein könnten – das ist öffentlich bekannt. Aber aus den Diskussionen mit Investoren, die wir zuletzt gehabt haben, würden wir eher davon ausgehen, dass die Investoren schauen werden, ob es Preiskorrekturen in gewissen Segmenten gibt und gegebenenfalls dann sogar mehr Kapital in den Markt reingeben werden. Ich glaube also nicht, dass dieser Markt, also der sogenannte ILS-Markt, wegen Irma deutlich kleiner wird, sondern das die Hedgefonds und Pensionskassen das eher als Gelegenheit sehen werden. Viel hängt aber natürlich davon, wie groß der Schaden sein wird, den Irma anrichtet.

Die Schaden-Kosten-Quoten der Rückversicherer laufen allerdings immer mehr in Richtung 100 Prozent. Wie lange können die Konzerne das aushalten?
Es war nicht ganz so. Wenn Sie sich unseren Willis-Re-Marktreport ansehen, dann sehen Sie, dass die Schaden-Kosten-Quoten im ersten Halbjahr 2017 etwas über 95 Prozent lagen und im ersten Halbjahr 2016 etwas unter 95 Prozent. Es wird also immer noch sehr gut Geld verdient. Das Problem ist eher, dass bereinigt – also ohne Berücksichtigung der Auflösung stiller Reserven – die Eigenkapitalrendite inzwischen unter vier Prozent liegt. Das ging bisher gut, weil unterdurchschnittlich wenige Schäden eingetreten sind. Aber das könnte sich nun ändern.

Werden wir vor diesem Hintergrund mehr Fusionen und Übernahmen sehen?
Nun, eigentlich passieren M&A-Aktivitäten vor allem, wenn die Anteilseigner frustriert sind, dass sie nicht mehr die Rendite bekommen, die sie eigentlich haben wollen. Oder wenn sie neue Geschäftsmöglichkeiten wittern. Aber das Problem ist, dass die Rückversicherer einen enorm hohen Anteil ihrer Gelder wieder an die Aktionäre ausschütten – was die Investitionssummen verringert. Außerdem sind die Preise sehr hoch, selbst wenn manche Firmen unter Buchwert notieren. Doch für die, die auf den Markt kommen, müssen Sie vergleichsweise hohe Multiple zahlen.

In den USA hat die Zinswende bereits begonnen, in Europa könnte es 2018 soweit sein. Wie wichtig ist das für die Rückversicherer?
Also, traditionell haben wir immer argumentiert, dass wenn die Zinsen hoch gehen, es für die Pensionskassen und Hedgefonds nicht mehr interessant ist, in Rückversicherungen zu investieren. Das ist von der Theorie sicher weiter richtig. Aber ich glaube nicht, dass sich das Umfeld jetzt fundamental ändert, nur weil sich die Zinsen in der nächsten Zeit etwas bewegen sollten. Dafür hat dieses alternative Kapital im sogenannten ILS-Markt längst ein Zuhause gefunden.

Herr Spenner, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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