Europäische Zentralbank: „Hu-Hu-Hubschraubereinsatz“

Europäische Zentralbank: „Hu-Hu-Hubschraubereinsatz“

, aktualisiert 18. März 2016, 08:57 Uhr
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„Helikopter-Geld↨: Ein Gedankenexperiment das Realität werden könnte.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Bislang galt Helikopter-Geld als akademische Spielerei. Doch EZB-Chef Mario Draghi nennt es ein „sehr interessanten Konzept“ und ein EZB-Direktor hält es für ein mögliches Werkzeug. Kommt der EZB-Scheck für jedermann?

FrankfurtEs ist ein Schlachtruf, der sonst über Fußballfelder schallt: „Hu-Hu-Hubschraubereinsatz“ skandieren Fans ironisch, wenn sich ein Spieler der gegnerischen Mannschaft mit gespielter Theatralik auf dem Feld wälzt. Mittlerweile erreicht der Ruf andere Sphären.

Manche Ökonomen richten die Forderung an Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank. Die Notenbank solle „Helikopter-Geld“ einsetzen – also im Prinzip gleichmäßig Geld über den Euro-Staaten abwerfen, so den Konsum ankurbeln und die Inflation wieder in die Nähe des Zielwerts von mittelfristig knapp unter zwei Prozent bewegen. Zuletzt betragt die Preissteigerung in der Euro-Zone minus 0,2 Prozent.

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Am Donnerstag vergangener Woche hatte sich Draghi auf Nachfrage eine Überraschung entlocken lassen. Ob zu den Instrumenten der EZB auch Helikopter-Geld gehöre, wird Draghi am Ende der Pressekonferenz gefragt. Seine Antwort:  „Das ist ein sehr interessantes Konzept, das jetzt von Wirtschaftswissenschaftlern diskutiert wird.“ Es sei allerdings mit rechtlichen und buchhalterischen Komplexitäten verbunden. Ein klares Dementi war das nicht.

Bislang geht Draghi nicht so weit. Der Italiener hatte angespannt und konzentriert gewirkt als er am vergangenen Donnerstag die Ergebnisse der Ratssitzung der Europäischen Zentralbank vortrug. Der Notenbankchef hatte einige Überraschungen parat. Er stellte ein ganzes Bündel von Maßnahmen vor, das weiter geht, als Experten im Vorfeld erwartet hatten: Höhere Strafzinsen für Banken, der Leitzins auf null Prozent gesenkt, das umstrittene Anleihekaufprogramm um Hunderte Milliarden Euro ausgeweitet.

Doch das Problem der EZB: Mit ihren Mitteln stößt sie zunehmend an Grenzen. Der Leitzins ist jetzt bei 0,0 Prozent, der Einlagenzins für Banken sogar bei minus 0,4 Prozent und selbst die langfristigen Zinsen für Anleihen sind so niedrig, dass es nur noch wenig Spielraum nach unten gibt. Mario Draghi gehen die Alternativen aus. So kommt nun der Vorschlag vom Hubschraubereinsatz auf den Tisch, der lange allein als akademische Spielereien galt.

In einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Republica“ hat sich EZB-Direktor Peter Praet dazu geäußert. Die aktuellen Mittel seien ausreichend und es sei nicht angemessen, über weitere Schritte zu diskutieren. Doch er bekräftigte auch, dass der Werkzeugkasten der Notenbank noch nicht leer sei. „Wir sagen: Das ist nicht wahr“, so Praet.

Alle Zentralbanken verfügten über das Werkzeug, Währung auszugeben und an Menschen zu verteilen. „Das ist Helikopter-Geld“, so Praet. Doch es handele sich um ein extremes Mittel und es sei eine Frage, wann und ob überhaupt es angemessen sei.


Verschiedene Varianten denkbar

Als der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke – damals noch Wirtschaftsprofessor in Princeton – den Vorschlag in den Mund nahm, brachte ihm das noch den Spitznamen „Helicopter Ben“ ein. Ursprünglich geht das Konzept auf den US-Ökonomen Milton Friedman zurück. Dieser hatte argumentiert, dass Inflation immer letztlich von der Geldmenge abhänge. Sprich: Eine Notenbank könne durch Gelddrucken immer Inflation erzeugen. Als Gedankenexperiment schlug er vor, die Notenbank solle 1000-Dollar-Scheine per Hubschrauber abwerfen. Und jeder Bürger würde gleich viel aufheben.

Der Charme dabei: Der Bankensektor ließe sich umgehen. Bislang hat die EZB das Problem, dass sie zwar viel Geld in die Wirtschaft pumpt. Jeden Monat kauft sie für 60 Milliarden Euro hauptsächlich Staatsanleihen der Euro-Länder. Ab April werden es sogar 80 Milliarden Euro monatlich sein. Doch das Geld ist weitgehend bei den Banken steckengeblieben. Statt mehr Kredite zu vergeben, parken die Institute ihre überschüssige Liquidität bei der EZB und nehmen dafür sogar Strafzinsen in Kauf.

Bei direkten Transfers an die Bevölkerung gäbe es dieses Problem nicht. Es gibt jedoch verschiedene Varianten. „Dieser Begriff Helikoptergeld kann verschiedene Dinge bedeuten“, sagte Draghi auf der Pressekonferenz.

Eine Möglichkeit wäre: Die EZB stellt jedem Bürger einen Scheck über zum Beispiel 1000 Euro aus. Dies wäre allerdings aus rechtlichen Gründen schwer durchzusetzen. Denn damit würde sich die Notenbank Finanzpolitik betreiben. Die EZB könnte aber auch Anleihen kaufen, um damit ein Konjunkturprogramm zu finanzieren. Der Chefvolkswirt der Citigroup, Willem Buiter, schlägt beispielweise vor, die EZB solle von der Europäischen Union begebene Anleihen kaufen. Damit könne die EU-Kommission dann zusätzliche Ausgaben für die Integration von Flüchtlingen finanzieren.

Je nachdem, was man unter Helikoptergeld genau versteht, hat die EZB am 10. März sogar schon etwas ähnliches eingeführt. Die langfristigen Kredite für die Banken im Euroraum. Oder kurz gesagt: TLTRO II. Dabei zahlt die EZB Banken eine Prämie, wenn sich ihre Kreditvergabe besser entwickelt.

Konkret legt die EZB ab Juni vier Kreditlinien auf. Banken können sich dann bis zu einer Laufzeit von vier Jahren Geld leihen. Dafür zahlen sie den jeweiligen Leitzins zum Zeitpunkt der Zuteilung von aktuell null Prozent. Die Prämie wird fällig, wenn sie bestimmte Bedingungen erfüllen. Dafür muss sich ihre Kreditvergabe zwischen Februar 2016 bis Februar 2018 besser entwickeln, als im vergangenen Jahr.

Quelle:  Handelsblatt Online
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