Europäischer Bankenstresstest: Monte Paschi bildet das spektakuläre Schlusslicht

Europäischer Bankenstresstest: Monte Paschi bildet das spektakuläre Schlusslicht

, aktualisiert 29. Juli 2016, 23:58 Uhr
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Die Europäische Zentralbank, im Bild die Zentrale in Frankfurt, und die EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA haben Europas Geschäftsbanken einem Stresstest unterzogen. Die Ergebnisse sind nur teilweise beruhigend.

von Yasmin Osman und Katharina SlodczykQuelle:Handelsblatt Online

Zeugnistag für Europas Banken: Beim Stresstest offenbaren italienische und irische Institute Schwächen. Und welches Geldhaus in Deutschland am schlechtesten abschneidet, dürfte den einen oder anderen überraschen.

Frankfurt, LondonDer Stresstest unter den europäischen Banken kennt einen klaren Verlierer: Die italienische Bank Monte dei Paschi hat im Stresstest der Europäischen Bankenaufsicht Eba am schlechtesten abgeschnitten. Im härtesten Szenario kam bei dem ältesten Kreditinstitut der Welt eine negative Eigenkapitalquote von 2,4 Prozent heraus, wie die Eba am späten Freitagabend mitteilte. Monte Paschi hatte quasi in letzter Minute vor Veröffentlichung der Stresstest-Ergebnisse ein Rettungspaket geschnürt, das eine Kapitalerhöhung von fünf Milliarden Euro und den Verkauf von notleidenden Krediten im Umfang von gut neun Milliarden Euro vorsieht.
Insgesamt mussten 51 Großbanken aus 14 EU-Ländern und Norwegen beweisen, dass sie eine drei Jahre anhaltende Rezession, einen Absturz der Börsenkurse, des Euros und der Immobilienpreise ohne größere Blessuren überstehen können. Über Monate haben dazu die Banken gut 100 000 Daten gesammelt und an die Aufsichtsbehörden weitergeleitet.
Monte die Paschi mag Klassenletzter gewesen sein. Doch andere europäische Banken, darunter die irische AIB sowie die britische Royal Bank of Scotland, haben bei der Eba-Prüfung ebenfalls massive Schwachstellen bei ihrer Kapitalausstattung offenbart. Auch die italienische Großbank Unicredit schrammte an einer Blamage nur knapp vorbei: Die Eigenkapitaldecke des größten italienischen Geldhauses schrumpfte im Härtetest auf gerade einmal 7,1 Prozent.
Der Schwelle von sieben Prozent an hartem Eigenkapital wird eine wichtige Signalwirkung zugeschrieben, denn dort liegt das gesetzliche Kapital-Minimum für eine voll funktionsfähige Bank. Insgesamt kamen fünf Geldhäuser auf eine harte Eigenkapitalquote von unter sieben Prozent. Unicredit erwägt ebenfalls eine Kapitalerhöhung in Höhe von fünf Milliarden Euro, hatte vor kurzem die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet.

Im Gegensatz zu vorausgegangenen Stresstest konnten die Banken dieses Mal nicht durchfallen. Denn die Institute mussten nicht eine bestimmte Kapitalhürde nehmen. Vielmehr fließen die Ergebnisse in die Entscheidungsgrundlage der Aufsichtsbehörden für die individuelle Kapitalausstattung der Banken ein. Kleiner Trost für die Geldhäuser: Das Stresstestergebnis wird nicht die Grenzwerte beeinflussen, ab der Banken einem automatischen Verbot für Dividenden- oder Bonuszahlungen unterliegen.
„Wir erkennen durchaus an, dass eine Kapitalbeschaffung im großen Ausmaß stattgefunden hat“, räumte Eba-Chef Andrea Enria ein. Immerhin haben Europas Banken ihre Kapitaldecke seit 2013 um 180 Milliarden Euro gestärkt. Dennoch könne man nicht in jedem Fall eine gesundheitliche Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellen, denn es gebe noch einiges zu tun.

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Im Vorfeld des Stresstests hatte es vor allem Sorgen über das Abschneiden des italienischen Bankensektors gegeben. Schließlich schieben die Geldhäuser der Apenninhalbinsel faule Kredite im Umfang von 333 Milliarden Euro vor sich her, das entspricht einem Drittel der Problemdarlehen der gesamten Europäischen Union. Es ist das zweite Mal, dass italienische Banken bei einem Stresstest negativ auffallen. Sieht man aber einmal von Monte dei Paschi und Unicredit ab, schlugen sich andere italienische Institute wacker: Banco Popolare und UBI Banca lagen bei neun Prozent oder knapp darunter, Intesa lag mit 10,2 Prozent sogar über dem europäischen Durchschnitt.

Damit schnitten diese drei italienischen Banken besser ab als die beiden großen deutschen Geschäftsbanken: Die Commerzbank erreichte im schlimmsten Stressszenario gerade einmal eine harte Kernkapitalquote von 7,4 Prozent und damit knapp über der symbolisch wichtigen Sieben-Prozent-Marke. Die Deutsche Bank lag mit 7,8 Prozent sogar knapp davor. Das ist einigermaßen überraschend, schließlich sind die Rechtsrisiken und das Kapitalmarktgeschäft der Deutschen Bank, die beide erstmals bei einem Stresstest eine Rolle spielten, wesentlich größer als bei der Commerzbank.

Andere deutsche Stresstest-Teilnehmer wie etwa die Landesbank Baden-Württemberg, die Landesbank Hessen-Thüringen, Volkswagen Financial Services oder der Sparkassendienstleister Dekabank erreichten Werte, die über dem europäischen Durchschnitt von 9,2 Prozent lagen. Zumindest die Landesbanken profitieren allerdings auch davon, dass sie zum einen weniger Rechtsrisiken haben als etwa Deutsche Bank oder Commerzbank, die im vergangenen Jahr wegen umstrittener Iran-Geschäfte eine hohe Strafe erhalten hatte. Außerdem haben Commerzbank und Deutsche Bank ein breiter aufgestelltes Geschäftsmodell – und bieten daher bei einem Stresstest auch mehr Angriffsfläche.

Die irische AIB kam im Stresstestszenario auf eine harte Eigenkapitalquote von 4,3 Prozent. Das dürfte die Hoffnungen der irischen Regierung auf eine baldige Reprivatisierung der Bank, die im Zuge der Finanzkrise mit Steuergeldern gerettet wurde, vorerst zunichte machen. Ähnliches gilt für die britische Royal Bank of Scotland (RBS). Sie kommt zwar auf eine harte Eigenkapitalquote von acht Prozent, verliert aber im Stresstest mehr als sieben Prozentpunkte. Das ist deutlich mehr als die durchschnittliche Verschlechterung bei dieser Eba-Prüfung. Auch die britische Großbank Barclays kann nicht überzeugen. Die harte Eigenkapitalquote verschlechtert sich von 11,4 auf 7,3 Prozent im Stresstestszenario.

Der Stresstests offenbart die Schwäche der europäischen Banken und steht im starken Gegensatz zu einer ähnlichen Untersuchung in den USA vor einem Monat. Dieser hatte den Banken auf der anderen Seite des Atlantiks bescheinigt, dass sie widerstandsfähig und auch im ausreichenden Maße kapitalstark sind. Lediglich zwei Institute, die Deutsche Bank und die spanische Santander, sind dabei durchgefallen.

Generell stehen die europäischen Stresstests in der Kritik, weil sie stets die Krisenszenarien der Vergangenheit zu prüfen scheinen. Beispielsweise werden in diesem Jahr erstmals die Rechtsrisiken berücksichtig – und das zu einem Zeitpunkt, an dem der Höhepunkt der milliardenschweren Geldstrafen Analysten zufolge bei vielen Instituten überschritten ist.

Im Gegensatz dazu wurden die gravierenden Folgen der negativen Zinsen in der Eurozone für die Gewinne nicht in die Szenarien eingebaut, obwohl dies vielen Bankern derzeit als die größte Bedrohung gilt.


Die Ergebnisse der 51 getesteten Banken

Land

Bank

Kernkapitalquote


2015 ("fully loaded CET1")

nach


Basisszenario 2018

nach adversem


Szenario 2018

Differenz 2015


vs adv. Szenario 2018


(in Basispunkten)

ATErste Group Bank AG12.25%13.55%8.02%-423
ATRaiffeisen Landesbanken Holding GmbH10.20%12.33%6.12%-408
BEBelfius Banque SA14.65%17.60%11.41%-323
BEKBC Group NV14.88%16.18%11.27%-361
DEBayerische Landesbank11.99%12.41%8.34%-365
DECommerzbank AG12.13%13.13%7.42%-471
DEDekaBank - Deutsche Girozentrale13.50%14.17%9.53%-397
DEDeutsche Bank AG11.11%12.08%7.80%-332
DELandesbank Baden-Württemberg15.98%15.58%9.40%-658
DELandesbank Hessen-Thüringen Girozentrale13.11%14.42%10.10%-301
DENorddeutsche Landesbank Girozentrale12.09%13.16%8.62%-347
DENRW.BANK42.54%39.44%35.40%-714
DEVolkswagen Financial Services AG11.67%12.90%9.55%-211
DKDanske Bank15.48%17.66%14.02%-147
DKJyske Bank16.00%19.84%13.99%-201
DKNykredit Realkredit19.19%22.03%13.86%-533
ESBanco Bilbao Vizcaya Argentaria S.A.10.27%12.03%8.19%-208
ESBanco de Sabadell S.A.11.72%12.81%8.04%-369
ESBanco Popular Español S.A.10.20%13.45%6.62%-358
ESBanco Santander S.A.10.19%13.17%8.20%-199
ESBFA Tenedora de Acciones S.A.U.13.74%14.42%9.58%-417
ESCriteria Caixa, S.A.U.9.65%10.97%7.81%-184
FIOP Financial Group19.16%20.92%14.61%-455
FRBNP Paribas10.87%12.09%8.51%-236
FRGroupe BPCE12.78%14.36%9.47%-331
FRGroupe Crédit Mutuel15.55%16.62%13.38%-216
FRGroupe Crédit Agricole13.68%14.81%10.49%-319
FRLa Banque Postale14.51%14.95%9.82%-470
FRSociété Générale S.A.10.91%11.61%7.50%-341
HUOTP Bank Nyrt.12.94%14.56%9.22%-372
IEAllied Irish Banks plc13.11%13.90%4.31%-880
IEThe Governor and Company of the Bank of Ireland11.28%15.03%6.15%-513
ITBanca Monte die Paschi di Siena S.p.A.12.07%12.24%?2.44%-1451
ITBanco Popolare - Società Cooperativa12.39%14.61%9.00%-339
ITIntesa Sanpaolo S.p.A.12.47%12.80%10.21%-226
ITUnicredit S.p.A.10.38%11.47%7.10%-329
ITUnione Di Banche Italiane Società Per Azioni11.62%13.01%8.85%-277
NLABN Amro Group N.V.15.44%16.20%9.53%-591
NLCoöperatieve Rabobank U.A.11.97%13.33%8.10%-387
NLING Groep N.V.12.70%12.50%8.98%-371
NLN.V. Bank Nederlands Gemeenten26.17%28.05%17.62%-855
NODNB Bank Group14.31%16.56%14.30%-1
PLPowszechna Kasa Oszczędności Bank Polski SA13.42%14.73%11.44%-198
SENordea Bank - group16.45%18.60%14.09%-236
SESkandinaviska Enskilda Banken - group18.85%21.55%16.60%-225
SESvenska Handelsbanken - group21.25%23.09%18.55%-270
SESwedbank - group25.08%27.47%23.05%-203
UKBarclays Plc11.35%12.48%7.30%-405
UKHSBC Holdings11.87%12.41%8.76%-312
UKLloyds Banking Group Plc13.05%16.44%10.14%-291
UKThe Royal Bank of Scotland Group Plc15.53%15.89%8.08%-745

AT=Österreich, BE=Belgien, DE=Deutschland, DK=Dänemark, ES=Spanien, FI=Finnland, FR=Frankreich, HU=Ungarn, IE=Irland, IT=Italien, NL=Niederlande, NO=Norwegen, PL=Polen, SE=Schweden, UK=Großbritannien

Quelle: European Banking Authority

Quelle:  Handelsblatt Online
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