Extreme Smogbelastung: Chinesische Verhältnisse in Polens Städten

Extreme Smogbelastung: Chinesische Verhältnisse in Polens Städten

, aktualisiert 23. Januar 2017, 12:32 Uhr
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Atemschutz für die Seejungfer: Umweltschützer haben dem Wahrzeichen Warschaus den Mundschutz umgebunden. Polens Hauptstadt wird wie etliche andere Städte des Landes vom Winter-Smog heimgesucht.

Quelle:Handelsblatt Online

Feinstaubschleier und Menschen mit Schutzmasken sind nicht nur in den Metropolen Chinas und Indiens ein alltägliches Bild. Auch Polen kämpft mit extremer Luftbelastung. Die polnischen Behörden lässt das allerdings kalt.

WarschauWie ein Schleier legte sich giftiger Smog zum Jahresbeginn über zahlreiche polnische Städte. Bei Temperaturen von bis zu minus 20 Grad war das Land tagelang in nebelartigen Feinstaub gehüllt. In Warschau gingen viele Menschen mit Schutzmasken auf die Straße.

Die Verschmutzungswerte, die in anderen Ländern wie etwa Italien zu Smogalarm geführt hätten, ließen die polnischen Behörden allerdings kalt. Bei bestimmten Schadstoffen können EU-Länder selbst bestimmen, ab wann Anti-Smog-Maßnahmen wie Fahrverbote oder kostenloser Nahverkehr ergriffen werden. In Polen liegen einige der Grenzwerte bis zu viermal höher als beispielsweise in Frankreich oder Italien.

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„Das ist absurd hoch“, sagt Piotr Siergiej von der Organisation Polnischer Smogalarm (PAS), die die Luftqualität im Land verbessern will. „Die polnische Regierung hält unsere Lungen wohl für weniger anfällig“, stellt er fest. Dabei hat das Land eines der EU-weit größten Probleme mit dicker Luft. 33 der 50 meistverschmutzten EU-Städte lagen laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2016 in Polen.

In einigen südpolnischen Orten werde regelmäßig eine größere Luftverschmutzung gemessen als in Peking oder Neu Delhi, erklärt Siergiej. „Das sind langjährige Versäumnisse“, sagt er und sieht auch vorangegangene Regierungen in der Schuld. Ein Grund könnte die in Polen starke Kohle-Lobby sein, mutmaßt er.

Hauptverantwortlich für Polens schlechte Luft sind nicht Energiewirtschaft oder Verkehr, sondern Emissionen der Privathaushalte. In vielen Häusern wird noch mit Kohleöfen geheizt. Mangelnde Umweltauflagen sind dabei ein Problem: Viele Öfen sind veraltet, die Heizmittel von schlechter Qualität.

Vor allem ärmere Menschen heizten bei anhaltender Kälte mit allem, was brennt, sagt Siergiej. Trotz Verbots oft sogar mit Abfall. Dies verursacht in der Heizsaison besonders viel gefährlichen Rauch. Verschärft wird das Problem durch die mangelhafte Wärmedämmung vieler Häuser. Zur Luftverschmutzung komme so noch unnötige Verschwendung von Energie.


45.000 Tote pro Jahr

Zum Gesundheitsrisiko wird nicht nur der Smog, der laut WHO Atemwegserkrankungen, Herzinfarkte und Krebs verursachen kann und nach PAS-Angaben jährlich zum vorzeitigen Tod von rund 45.000 Polen führt. Die Gefahr äußert sich auch unmittelbar: Allein in diesem Winter starben polnischen Behörden zufolge bereits 30 Menschen an Kohlenmonoxid-Vergiftungen, weil sie giftige Gase aus veralteten Öfen einatmeten.

Inzwischen haben Temperaturanstieg, Wind und Schnee die Smog-Situation in Polen zwar vielerorts etwas entschärft, die schlechte Luft aber bleibt weiter Thema – und führt zu Kontroversen. Die Regierung lehnt es ab, die Menschen im Land bei hoher Feinstaubbelastung früher und damit öfter zu warnen. Dann würden sie die Gefahr bald nicht mehr ernst nehmen, meint das Umweltministerium und verteidigt die von der Regierung festgelegten Grenzwerte.

Anti-Smog-Aktivisten sehen das kritisch. „Smogalarm ist ein gutes Mittel, die Bürger zu informieren, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Siergiej. Doch immerhin lassen ihn Ankündigungen der Regierenden hoffen, mit baldigen Richtlinien für Öfen und Brennmittel gegen die Luftverschmutzung vorzugehen. „Vielleicht hat die lange Smog-Episode nun etwas in Gang gebracht.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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