Exxon, Standard Oil & Co.: Rockefellers verlieren die Lust am Öl

Exxon, Standard Oil & Co.: Rockefellers verlieren die Lust am Öl

, aktualisiert 24. März 2016, 12:02 Uhr
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Während der Titan Atlas aus der griechischen Mythologie das Himmelsgewölbe weiter auf seinen Schultern trägt, wurde dem Rockefeller Family Fund die Last der Investments in fossilen Brennstoffen zu schwer.

von Matthias Streit und Martin DowideitQuelle:Handelsblatt Online

Einst ist John D. Rockefeller dank Öl zum reichsten Menschen der Welt aufgestiegen. Jetzt will sich ein Stiftungsfonds seiner Nachfahren nichts mehr von fossilen Brennstoffen wissen – und folgt einem globalen Trend.

DüsseldorfEs ist nicht irgendeine Familie, die sich am Mittwoch öffentlichkeitswirksam von ihren Investments in Öl und Kohle verabschiedet hat. Es sind die Rockefellers. Der gigantische Reichtum dieser Dynastie fußt auf der Ölindustrie. Das von John D. Rockefeller gegründete Unternehmen Standard Oil und der Nachfolgekonzern Exxon Mobil waren lange die größten Konzerne der USA und auch der Welt. Der Erfolg der Rockefellers hat selbst Eingang in den deutsche Sprachgebrauch gefunden: „Ich bin doch nicht Rockefeller“, sagt, wer vermeintlich verschwenderische Ausgaben ablehnt.

Doch jetzt bricht ein Teil der Familie mit der Branche. Genauer genommen, der von der vierten Nachfahren-Generation gegründete Rockefeller Family Fund. Dieser stößt seine Anlagen in fossilen Brennstoffen ab – und damit auch die an Exxon. Das Ganze solle so schnell wie möglich umgesetzt werden, schreibt der Fonds auf ihrer Homepage. Der Rockefeller Family Fund verwaltet 130 Millionen Dollar, die er vor allem in Werte steckt, die sich auf die Umwelt, Frauenrechte und Zivilrechtsorganisationen. Sechs Prozent der Summe seien bislang in fossilen Brennstoffen angelegt. Künftig soll es weniger als ein Prozent sein.

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Frei übersetzt lautet die Begründung: „Wir können diese Investments mit unserem Gewissen nicht mehr vereinbaren.“ Offiziell liest sich das etwas ausführlicher: „Wir müssen den Großteil der bereits erkundeten Reserven im Boden lassen, wenn wir auch nur irgendeine Hoffnung für das Überleben und Gedeihen der Menschheit sowie der natürliche Ökosysteme in den kommenden Jahrzehnten erhalten wollen“. Deswegen sei der Family Fund „stolz“ auf ihre Entscheidung. Es gebe weder aus ethischer noch aus finanzieller Sicht einen „vernünftigen Grund, weiter nach neuen Kohlenwasserstoff-Quellen zu suchen“.

Die Entscheidung der Rockefellers ist ein Paukenschlag in einer Entwicklung, die unter dem sperrigen Begriff „Dekarbonisierung“ in der Welt professioneller Geldanleger diskutiert wird. Die Idee: Wenn Investoren nicht in klimaschädliche Industriezweige investieren, wächst der Druck, einen CO2-neutralen Wirtschaftskreislauf zu schaffen.

So steckt etwa die Allianz, Deutschlands größter Versicherungskonzern, bereits kein Geld mehr in Kohle. Weltweit verwalten die Münchner ein Vermögen von mehr als 1,7 Billionen Euro.

Mit ihrer Entscheidung folgte die Allianz wiederum einem Beispiel aus Skandinavien, dem größten Staatsfonds der Welt: Der norwegische Ölfonds mit einem Volumen von aktuell 760 Milliarden Euro. Ausgerechnet jener Fonds, der es überhaupt erst mit fossilen Brennstoffen zu Größe gebracht hat, hält Kurs auf die Dekarbonisierung – und will ebenfalls nichts mehr von Kohle wissen. Kurios ist das schon. Schließlich soll der „Statens pensjonsfond utland“ (Staatlicher Rentenfonds Ausland), wie der Staatsfonds offiziell heißt, den Reichtum aus der Ölbranche für zukünftige Generationen sichern.

Kohle sehen die Norweger aber seit Juni 2015 nicht mehr als Zukunftsgeschäft. Deshalb veräußern sie ihre Beteiligungen an Unternehmen, die ihre Einnahmen zu mehr als 30 Prozent mit Kohle erwirtschaften. Das Investment in Öl, dem Hauptquell seiner Einnahmen steht übrigens nicht in Frage. Doch wegen der fallenden Ölpreise steht der Fonds derzeit ohnehin schwer unter Druck. Da kann er sich Kapitalvernichtung durch leidende Kohleinvestments nicht auch noch leisten.

Grundlegend für die Entscheidungen, ob Investments abgestoßen werden, ist ein sogenannter „Ethikrat“. Der hat unlängst auch die brasilianische Ölfirma „Petrobras“ auf die Beobachtungsliste gestellt – allerdings nicht wegen seiner Petroleumsaktivität, sondern aufgrund des Korruptionsskandals, das den Konzern aktuell einwirrt.


Exxons Verhalten sei „moralisch verwerflich“

Egal ob Korruption oder Verantwortungsbewusstsein für die Menschheit und Natur: Professionelle Anleger, die in den Jahren der Rohstoffbullenmärkte reichlich Geld mit Investments in fossilen Brennstoffen verdient haben, sind nun besorgt über ihr Image. Als Klimasünder dastehen, das ist insbesondere nach den Klimaschutzbeschlüssen von Paris im November 2015 längst nicht mehr en vogue. Selbst bei den Rockefellers nicht.

Dabei hat dessen Begründer, John D. Rockefeller Sr., sein Vermögen vor mehr als einem Jahrhundert erst mit Standard Oil, einem Exxon-Vorläufer, aufgehäuft. Das machte ihn damals zum reichsten Menschen der Welt. Doch jetzt kappt der Family Fund seine finanziellen Verbindungen zu Exxon. Dessen Verhalten bei Klimathemen scheine „moralisch verwerflich“ zu sein, hieß es von dem Fonds.

Im November leitete die New Yorker Staatsanwaltschaft gegen Exxon Ermittlungen ein. Dabei ging es um die Frage, ob der Konzern die Öffentlichkeit und Aktionäre durch manipulierte Studienergebnisse über die Folgen des Klimawandels belogen zu haben – und über die Risiken des Klimawandels getäuscht zu haben. Exxon erklärte damals, auf Geschäftsrisiken über Jahre hinweg unter anderem in Quartalsberichten hingewiesen zu haben.

Das nimmt der Rockefeller Family Fund ihnen wohl nicht ab und zieht die Konsequenzen. „Wir wollen nicht mit einem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, dass solch eine augenscheinliche Verachtung für das öffentliche Interesse zeigt.“

Der Fonds folgt damit dem größeren Rockefeller Brothers Fund (der von der dritten Nachfahrengeneration gegründet wurde), der zuletzt über 790 Millionen Dollar (umgerechnet 706 Millionen Euro) verfügte. Die ebenfalls als gemeinnützige Stiftung aufgestellte Organisation hatte bereits im September 2014 angekündigt, sich schrittweise von Anlagen in fossile Energien zu trennen. Nicht zu verwechseln sind die beiden Fonds übrigens mit der Rockefeller Stiftung, welche von der ersten und zweiten Nachfahrengeneration gegründet wurde.

Exxon reagiert wenig erstaunt und konterte: „Es ist nicht überraschend, dass sie sich vom Unternehmen zurückziehen, da sie bereits eine Verschwörung gegen uns finanzieren“, sagte ein Exxon-Sprecher. Der Rockefeller Family Fund stelle Mittel für „gezielt irreführende“ Berichte über Exxons Forschung zum Klimawandel bereit.

Fürsprache gab es hingegen von prominenter Seite: Der ehemalige Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Al Gore, bezeichnete die Entscheidung auf seiner Facebook-Seite als „mutigen Schritt“, der Exxons Leugnung des Klimawandels eine Schelte erteile.

Ein Wermutstropfen bleibt für Klimafreunde jedoch: Den Kohleausstieg kann der Rockefeller Fund zunächst nur für seine selbst gehaltenen Assets garantieren. Anteile, die etwa über Mischfonds gehalten werden, sollen erst in einer zweiten, demnächst beginnenden Phase durch Alternativen ersetzt werden.

Quelle:  Handelsblatt Online
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