EZB-Entscheidung: Fehlzündung im Währungskrieg

EZB-Entscheidung: Fehlzündung im Währungskrieg

, aktualisiert 11. März 2016, 08:49 Uhr
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Die Fed immer wieder für Überraschungen gut: Notenbank-Chefin Janet Yellen.

von Frank WiebeQuelle:Handelsblatt Online

Die Ohnmacht der Europäischen Zentralbank erleichtert der US-Notenbank das Leben. Zumindest auf kurze Sicht steht die Fed dadurch weniger unter dem Druck des Devisenmarkts.

New YorkZum zweiten Mal innerhalb weniger Monaten hat sich gezeigt, dass Mario Draghi nicht mehr Super-Mario ist. Wenige Minuten nachdem der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) seine geldpolitische Bazooka gezündet hatte, sagte der bekannte US-Ökonom Mohamed El-Erian in New York: „Die Märkte scheinen wie gewünscht zu reagieren. Die Frage ist nur, wie lange das anhält.“

Es hielt nicht lange. Schon während Draghis Pressekonferenz gerieten Kurse und Preise wieder auf Abwege. Er äußerte sich zurückhaltend zu der Frage, ob weitere geldpolitische Schritte zu erwarten seien, um die europäische Konjunktur anzutreiben und die Gefahr sinkender Preise zu bannen. Diese Zurückhaltung führte dazu, dass die Märkte im Laufe des Donnerstags den Glauben an Draghi verloren.

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Die Aktien und Anleihen waren schwächer, der Euro stärker. Damit wurde klar: Während Draghi ein paar Jahre lang die Märkte bewegen konnte, indem er redete ohne zu handeln, folgen Sie ihm jetzt nicht einmal mehr, wenn er handelt.

Wachstum über Wechselkurse

Sie tun eher das Gegenteil von dem, was er ihnen vorgeben möchte. Draghi hatte die Leitzinsen noch weiter gesenkt und eine Erweiterung seines Ankaufs von Anleihen angekündigt – beides im historischen Vergleich, vor allem in Kombination, sehr weitgehende Schritte.

Für die US-Notenbank (Fed) wird das Leben dadurch aber zumindest kurzfristig leichter. Denn auch wenn keiner das Wort ausspricht: Die Welt befindet sich längst in einem Währungskrieg. Die Lesart von El-Erian lautet: „Weil das Wachstum weltweit schwächelt, versuchen die Staaten, sich über die Wechselkurse gegenseitig Wachstum wegzunehmen.“

Genau so interpretiert er Draghis Politik, betont aber gegenüber seinen amerikanischen Zuhörern: „Wir haben das vorher genau so gemacht mit dem massiven Ankauf von Anleihen.“ Wenn Draghi aber den Euro nicht weiter drücken kann, muss sich die Fed weniger wegen eines zu starken Dollars sorgen.

Während Japan und Europa mit Minuszinsen experimentieren, versucht die Fed, die Zinsen zu erhöhen. Nach einem ersten Schritt im Dezember tagt sie erneut in der kommenden Woche. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sie dann nichts unternehmen.

Noch sind die Inflationszahlen nach überwiegender Meinung zu schwach, um eine weitere Zinserhöhung zu rechtfertigen, außerdem sitzen den Amerikanern die Turbulenzen an der Börse noch in den Knochen. Aber für den Rest des Jahres, etwa im Juni oder September, ist wieder alles offen.

Eine Weile kochten in den USA unter dem Eindruck des Einbruchs an der Börse Sorgen hoch, eine Rezession könnte aufziehen, oder eine Wiederholung der Finanzkrise zeichne sich ab. Mit der Erholung der Märkte sind diese Ängste nicht völlig gebannt, aber deutlich in den Hintergrund getreten.

Außerdem zeigt sich, dass die US-Wirtschaft ungerührt von den Ängsten der Börsianer neue Jobs schafft. Dass die Löhne trotzdem kaum anziehen liegt auch daran, dass Leute in den Arbeitsmarkt zurückkehren, die sich schon resigniert daraus verabschiedet hatten.

Damit ist die Lage wieder ähnlich wie im Dezember: Das Wachstum ist mäßig, aber stetig, der Arbeitsmarkt stark und die Inflation niedriger als gewünscht. Damit sind aber weitere Zinserhöhungen denkbar, sobald sich auch nur ein Hauch von etwas mehr Inflation zeigt.


Fed ist mehr denn je von internationalen Entwicklungen abhängig

Die US-Wirtschaft an sich ist also in der Spur, die Gefahr droht von außen. Der relativ starke Dollar hat dafür gesorgt, dass die Importpreise niedrig bleiben, was die Inflation zurück hält. Zugleich drückt er die Gewinne der amerikanischen Export-Unternehmen.

Hätte Draghi mit seiner Bazooka einen Treffer gelandet und den Euro weiter geschwächt, dann wären die Risiken eines – relativ zum Euro – zu starken Dollars noch gewachsen. Das tritt jetzt offenbar nicht ein.

In der kommenden Woche wird Fed-Chefin Janet Yellen möglicherweise etwas deutlicher als von vielen Anlegern erwartet andeuten, dass noch weitere Zinserhöhungen in der Pipeline sind. Yellen hat seit einiger Zeit ein viel diskutiertes Kommunikationsproblem.

Die Fed ist heute mehr als je zuvor von internationalen Entwicklungen abhängig. Sie hat sich in den letzten Monaten sehr stark darauf versteift zu betonen, ihre Entscheidungen seien „datenabhängig“, um sich möglichst wenig festzulegen. Der Ökonom Torsten Slok von der Deutschen Bank meinte vor kurzem mit Blick auf die aktuellen Wirtschaftsdaten sogar, wenn sie tatsächlich „datenabhängig“ sei, dann könne sie sogar im März schon die Zinsen erhöhen.

Aber die Fed will die Märkte auch nicht überraschen, sondern bereitet sie auf Zinserhöhungen vor, wie sich im Herbst gezeigt hat. Yellen und die anderen leitenden Fed-Geldpolitiker schwanken jetzt und sind sich zudem offenbar untereinander in ihren Einschätzungen oft nicht einig. Mal wollen sie sich alle Möglichkeiten offen halten, mal die Märkte schonend auf den nächsten Schritt vorbereiten.

Europa könnte zum Bremsklotz für die Weltwirtschaft werden

Daher ist die Fed immer wieder für Überraschungen gut – weniger für überraschende Schritte als für unerwartete Äußerungen zu ihrer geldpolitischen Linie.

Die andere Frage ist, wie sich die Fehlzündung Draghis langfristig auswirkt. Die Fed hat es geschafft, mit ihrer weichen Geldpolitik die US-Wirtschaft so lange anzuschieben, bis sie aus eigener Kraft laufen kann – zumindest ist das zurzeit der vorherrschende Eindruck.

Wenn Draghi die Munition ausgeht, bevor die Länder Europas wieder Tritt fassen, dann wird der alte Kontinent ein Bremsklotz für die gesamte Weltwirtschaft. Und damit auch für die USA. Die Amerikaner wissen das, hier schaut daher kaum einer mit Häme nach Frankfurt, eher mit Sorgen.

El-Erian mahnte am Donnerstag, nachdem die Notenbank ans Ende ihrer Kräfte gelangte, die Politiker müssten jetzt strukturelle Probleme lösen und für mehr Wachstum sorgen. Das trug ihm vom Moderator der Veranstaltung die Frage ein, ob er unter einer US-Präsidentin Hillary Clinton für das Amt des Finanzministers zur Verfügung stünde. Seine Antwort: „Es gibt wichtigere Probleme.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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