EZB-Entscheidung: Heute sinkt der Zins auf Null

EZB-Entscheidung: Heute sinkt der Zins auf Null

, aktualisiert 16. März 2016, 12:04 Uhr
Quelle:Handelsblatt Online

Von heute an ist der Leitzins im Euro-Raum offiziell abgeschafft. Ein kleiner Schritt, doch er hat symbolische Bedeutung. Die Folgen für die Anleger: Sie haben es mit einer neuen Welt zu tun. Doch es gibt auch Gewinner.

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Werbung mit null Prozent Zinsen: Was für Kreditnehmer ein Segen ist, ist Anlegern ein Greuel. Doch die Europäische Zentralbank (EZB) hat in der vergangenen Woche beschlossen, die Zinsen an diesem Mittwoch abzuschaffen. Zum Paket der EZB gehören ein niedriger Leitzins, mehr Anleihekäufe und ein negativer Einlagenzins von minus 0,4 Prozent.

Ab dem heutigen Mittwoch beginnt eine neue Zeitrechnung in der Eurozone. Der Leitzins ist offiziell abgeschafft. Dies hatten die Europäische Zentralbank (EZB) und ihr Chef Mario Draghi bereits in der vergangenen Woche beschlossen. Zum Paket gehören ein niedriger Leitzins, mehr Anleihekäufe und ein negativer Einlagenzins von minus 0,4 Prozent. Letzterer gilt für Banken, die über Nacht Geld bei der Notenbank parken.    

„Das ist das offizielle Ende der Geldpolitik“, sagte Vorstandschef Nikolaus von Bomhard am Mittwoch. „Die Nebenwirkungen haben verheerende Ausmaße angenommen. Hier ist alles aus dem Ruder gelaufen“, sagte der seit 13 Jahren amtierende Münchener-Rück-Chef auf der Bilanzpressekonferenz. Ihm sei „schleierhaft“, wie die EZB die Anleihen auswählen wolle, von denen sie noch mehr aufkaufen will. Sie halte schon jetzt 25 Prozent aller gedeckten Anleihen und werde schon bald zehn Prozent aller europäischen Staatsanleihen halten.

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Letztlich zielt alles, was die EZB beschlossen hat darauf, die Zinsen auf breiter Basis weiter nach unten zu drücken. Während Leitzins und Einlagenzins die kurzen Laufzeiten beeinflussen, lassen sich durch Anleihekäufe die langfristigen Zinsen drücken.

Mit dieser Geldpolitik will die EZB  die Anleger, Investoren und Unternehmen dazu animieren, mehr Risiken einzugehen. Für Sparer bedeutet das: Anlagen mit sehr geringem Risiko werfen auf längere Sicht nichts mehr ab. Das gilt für Bundesanleihen genauso wie für Anleihen großer Unternehmen, mit besonders gutem Rating. Aber auch für Festgeld, Sparbriefe und Lebensversicherungen, die einen Großteil ihres Geldes ebenfalls in Zinsanlagen investiert haben.


Die Gewinner des Zinsverfalls

Für Anleger in dieser neuen Finanzwelt gilt: Fehler ausbügeln ist jetzt das oberste Gebot, gerade in Deutschland. Die Deutschen besitzen laut Bundesbankstatistik ein Geldvermögen von rund fünf Billionen Euro - ohne Immobilien. Davon stecken über zwei Billionen Euro in Bargeld, Festgeld, Sparbriefen, Anleihen oder ähnlichen Einlagen, die in der heutigen Minuswelt kaum noch Rendite bringen. Und es kommt noch schlimmer. Denn die Deutschen sind auch Weltmeister im Erwerb von Lebensversicherungen - und die haben den Großteil ihres Geldes ebenfalls in Zinsanlagen investiert.

Wer positive Renditen erzielen will, muss mit stärkeren Schwankungen leben. Das gilt vor allem für Aktien. Wer sich für eine solche Lösung entscheidet, und vieles spricht dafür, der sollte die wichtigsten Regeln beachten. Dazu gehört: die Risiken eines Produktes - sprich die Höhe der Wertschwankungen in der Vergangenheit - klären. Und dann sollte der Manager des jeweiligen Fonds genau geprüft werden. „Die Fähigkeiten sind nicht gleich verteilt“, sagt Henrik Muhle, Vorstand der erfolgreichen Anlagefirma Gané. Die Mühe lohnt, denn die Qualitätsunterschiede sind gewaltig. So lieferten beispielsweise die besten Mischfonds in den vergangenen Jahren zweistellige Renditen ab - und das jedes Jahr. Die schlechtesten kämpften mit der Nulllinie.

Der große Zinsverfall schafft aber auch zahlreiche Gewinner. Dazu zählten in den vergangenen Jahren etwa die Käufer und Besitzer von Immobilien. Da klassische Sparprodukte keine nennenswerten Renditen abwerfen, sind Investments in Steine und Beton wieder gefragt. Das Transaktionsvolumen im Bereich Wohnen und Gewerbe lag im vergangenen Jahr mit rund 79 Milliarden Euro auf einem Rekordniveau, rechnet Christian Schulz-Wulkow von Ernst & Young Real Estate vor. "Neben den positiven Fundamentaldaten ist vor allem die Niedrigzinsphase der Haupttreiber für die hohen Immobilienpreise", sagt er.

Investoren kalkulieren bei Wohnimmobilien in den deutschen Großstädten mit Renditen zwischen drei und fünf Prozent - bei überschaubaren Risiken. "Man sollte bei Immobilieninvestitionen nach Regionen Ausschau halten, die ökonomisch gesund sind, eine positive demografische Perspektive haben und Mietrenditen von mehr als vier Prozent vorweisen", gibt Manfred Binsfeld vom Analysehaus Feri Euro-Rating als Faustregel vor.


Zinskonten meiden

Solche Gelegenheiten werden allerdings zunehmend rarer. Denn die Folgen des Immobilienbooms sind schon überall spürbar. Davon kann jeder, der zuletzt in einer Metropole eine Wohnung gesucht hat, berichten: Kaufpreise und Mieten scheinen oft utopisch. Laut einer Studie der Marktforscher von Bulwiengesa im Auftrag der Bundesbank stiegen die Preise für Wohnimmobilien in den Städten im vergangenen Jahr im Schnitt um sechs Prozent. Schon 2014 ging es 5,5 Prozent rauf, 2013 sogar 7,5 Prozent.

Sparer jedenfalls sollten Zinskonten ohne nennenswerte Zinsen lieber meiden. Sie taugen nur noch als Cash-Bestand, als eine flexible Reserve für Ausgaben, die in der Zukunft kommen können. Immerhin - negative Zinsen scheinen für Kleinsparer derzeit noch ausgeschlossen. "Minusrenditen wird es wegen der großen Konkurrenz der Institute und des Drucks der Öffentlichkeit nicht geben", prognostiziert Max Herbst, Inhaber der FMH Finanzberatung. Wer die Inflation einrechnet, merkt aber schnell, dass die realen Renditen oftmals längst negativ sind.

Bei der privaten Altersvorsorge können Sparer auch ohne Inflation negative Renditen einfahren - zumindest wenn sie vorzeitig aus ihren Verträgen aussteigen. Das zeigt etwa eine Modellrechnung des Analysehauses Morgen & Morgen für eine klassische Privatrente mit einer monatlichen Einzahlung von 200 Euro. Im Marktschnitt erzielen Sparer, die jetzt einen neuen Vertrag abschließen, erst nach sechs Jahren Laufzeit eine positive Ablaufrendite ihrer Police.

Quelle:  Handelsblatt Online
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