EZB-Konferenz in Sintra: Draghi erwartet breite Erholung der Euro-Zone

EZB-Konferenz in Sintra: Draghi erwartet breite Erholung der Euro-Zone

, aktualisiert 27. Juni 2017, 12:22 Uhr
von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Trotz stärkeren Wachstums in der Euro-Zone bleibt die Inflation hinter den Erwartungen zurück. EZB-Präsident Draghi glaubt, dass sich das wieder ändert – allerdings mit zeitlicher Verzögerung.

SintraMario Draghis Rede auf der Konferenz der Europäischen Zentralbank im portugiesischen Sintra stand in diesem Jahr unter deutlich besseren Vorzeichen als 2016. Vor einem Jahr hatten die Briten gerade für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Draghi musste nach seiner Rede sofort zu einem Krisengipfel nach Brüssel fliegen.

Verglichen damit ist die politische und wirtschaftliche Lage im Euroraum heute deutlich stabiler. „Alle Zeichen deuten nun auf eine Festigung und Verbreiterung der Erholung in der Euro-Zone hin“, sagte Draghi. Im ersten Quartal wuchs die Wirtschaft im Euroraum mit 0,5 Prozent fast doppelt so stark wie in den USA. Selten war das Wachstum in allen Euro-Ländern so ausgeglichen – Griechenland bildet die einzige Ausnahme. Das höhere Wachstum schlägt sich jedoch kaum in der Preisentwicklung nieder. „Die Inflationsentwicklung ist schwächer als man im historischen Vergleich erwarten würde“, sagte Draghi.

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Draghis Rede lässt sich allerdings so interpretieren, dass dies einem baldigen Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik nicht unbedingt entgegensteht. Denn Draghi machte deutlich, dass die schwache Inflationsentwicklung vor allem mit temporären Faktoren zusammenhängt. Durch diese könne eine Zentralbank jedoch „typischerweise hindurchschauen“.

Der Euro reagierte auf die Äußerungen Draghis mit Kursgewinnen. Aus dem Handel wurde dies mit den Aussagen zur Inflation begründet, die früher oder später für eine weniger lockere Geldpolitik sprächen. Wieder steigende Zinsen dürften etwa dazu führen, dass Anleger stärker im Eurogebiet investieren - mit zusätzlicher Euro-Nachfrage.

Derzeit kauft die EZB für monatlich 60 Milliarden Euro Staatsanleihen der Euro-Länder. Damit will sie die Inflation im gesamten Währungsraum in Richtung ihres Ziels von knapp unter zwei Prozent bringen. Die Käufe sind bis Dezember 2017 terminiert. Viele Beobachter rechnen damit, dass die Notenbank im September ankündigen wird, ihre Käufe ab Januar 2018 schrittweise herunterzufahren.

Allerdings waren die Preise im Mai im Euro-Raum lediglich um 1,4 Prozent gestiegen – nach 1,9 Prozent im April. Im Juni hat die EZB außerdem ihre Inflationsprognosen bis 2019 reduziert, gleichzeitig aber die Wachstumsprognosen erhöht. Als wesentlichen Grund nannte Draghi Schwankungen bei Öl- und Rohstoffpreisen.

Außerdem sei das Lohnwachstum überraschend schwach – trotz sinkender Arbeitslosigkeit. Dies hängt aus Sicht von Draghi damit zusammen, dass in der Finanzkrise nicht nur die Arbeitslosigkeit gestiegen sei, sondern auch viele Beschäftigte ihre Arbeitszeit reduziert hätten. Diese Beschäftigten würden nun zunächst ihre Arbeitszeit erhöhen statt auf höhere Löhne zu drängen. Dadurch seien die Lohnzuwächse moderat, was wiederrum die Inflation drücke. Als weiteren Faktor für die schwache Inflation sieht Draghi Strukturreformen, wie etwa Änderungen der Arbeitsmarktgesetze, die zunächst die Lohnentwicklung schwächen.

Anhänger einer strafferen Geldpolitik dürften Draghis Bemerkungen aufmerksam verfolgt haben. Sie argumentieren seit langem, dass Effekte wie der schwache Ölpreis temporär wären und deshalb die Notenbank nicht vom Ausstieg aus der lockeren Geldpolitik abhalten sollten.

Quelle:  Handelsblatt Online
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