EZB-Präsident und Renditen: Keine Zinsen? Mario Draghi rät Sparern zu mehr Risiko

EZB-Präsident und Renditen: Keine Zinsen? Mario Draghi rät Sparern zu mehr Risiko

, aktualisiert 28. April 2016, 12:21 Uhr
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Der EZB-Chef wird vermutlich nach der Sommerpause den Bundestag besuchen.

Quelle:Handelsblatt Online

EZB-Chef Mario Draghi verteidigt in einem Interview die Niedrigzinspolitik der Notenbank. Er äußert Verständnis für die Ängste der Sparer. Aber wer keine Zinsen erwirtschafte, sei auch ein bisschen selbst Schuld.

FrankfurtEZB-Präsident Mario Draghi hat Verständnis für die Sorgen deutscher Sparer angesichts der Niedrigzinsen. „Die Lage der Sparer ist uns sehr wohl bewusst. Und nicht nur in Deutschland müssen Sparer mit niedrigen Zinsen leben“, sagte Europas oberster Währungshüter der „Bild“-Zeitung. Sie hätten es mit ihren Anlageentscheidungen aber auch selbst in der Hand, wie hoch ihre Erträge ausfielen. „Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten“, sagte Draghi.

Draghi verwies auch darauf, dass der reale Zins – also der Zins minus aktueller Inflationsrate – gar nicht so niedrig sei. „Derzeit liegt der reale Zins höher als im Durchschnitt der 90er-Jahre. Zu der Zeit hatten Sie höhere Zinsen auf dem Sparbuch, aber zugleich meist Inflation, die weit darüber lag und alles auffraß“, so Draghi. Der Zins habe damals also nur auf den ersten Blick gut ausgesehen, in Wahrheit seien die realen Erträge aber viel geringer gewesen als derzeit.

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Finanzminister Wolfgang Schäuble hatte vor wenige Wochen dazu allerdings gesagt: „3 Prozent Zins bei 3 Prozent Inflation ist nicht dasselbe wie 0 Prozent Zins bei 0 Prozent Inflation.“

Im März hatte die Notenbank den Leitzins auf null Prozent gesenkt. Zu den beschlossenen Maßnahmen gehören auch mehr monatliche Anleihekäufe der EZB, ein höherer Strafzins für Banken und eine Prämie für Institute, die mehr Kredite vergeben. All das drückt die langfristigen Zinsen und soll die Inflation im Euro-Raum anfachen.

Im März stagnierten die Preise im Währungsraum – die Notenbank strebt aber eine Preissteigerung von mittelfristig knapp zwei Prozent an. Dieses Ziel verfehlt sie jedoch schon seit drei Jahren, was die Sorge vor Deflation nährt, also einer Spirale aus fallenden Preisen und schrumpfender Wirtschaft.

Die Niedrigzinspolitik der EZB steht in Deutschland massiv in der Kritik. Schäuble hatte die Geldpolitik der EZB und ihres Chefs Mario Draghi jüngst sogar für das Erstarken der rechtspopulistischen AfD mitverantwortlich gemacht. Mehrere Unionspolitiker forderten außerdem eine Intervention der Bundesregierung gegen die EZB-Politik.

Im Gespräch mit der Zeitung verteidigte Draghi die Unabhängigkeit der EZB gegen Einmischungen aus der Politik. „Die EZB gehorcht den Gesetzen, nicht den Politikern.“ Einer seiner Vorgänger habe einmal gesagt: „Es ist normal, dass Politiker unser Tun kommentieren. Aber es wäre unnormal, wenn wir darauf hörten.“


„Eine höfliche Debatte ist willkommen“

Draghi kündigte zudem an, sich seinen Kritikern in der Berliner Politik zu stellen. Politiker von Union und SPD hatten sich in den vergangenen Tagen dafür ausgesprochen, Draghi in den Bundestag einzuladen. Eine offizielle Einladung gibt es noch nicht. Sie soll vom Europaausschuss ausgesprochen werden. Vermutlich wird der EZB-Chef den Bundestag aber erst nach der Sommerpause besuchen.

Er werde eine entsprechende Einladung annehmen und freue sich darauf, sagte Draghi. „Eine höflich und konstruktiv geführte Debatte ist durchaus willkommen und hilft uns sogar, unsere Politik zu erklären.“ Für Draghi wäre es bereits der dritte Besuch bei einer größeren Gruppe von Bundestagsabgeordneten. Bereits im Oktober 2012 hatte er den Bundestag besucht. Der erste Besuch kam zu einem ähnlich delikaten Zeitpunkt wie jetzt.

Damals hatte Draghi in seiner Londoner-Rede angekündigt, die EZB werde alles in ihrem Mandat stehende tun, um den Euro zu retten. Außerdem legte die Notenbank ihr umstrittenes Anleiheprogramm OMT auf, mit dem sie im Notfall unbegrenzt Anleihen einzelner Euro-Länder kaufen darf. Draghis Wort gelten als Wendepunkt in der Euro-Krise. Der Kurs der EZB war aber auch damals in Deutschland scharf kritisiert worden. Im April 2014 wiederrum traf sich der Notenbankchef am Petersberg bei Bonn die Spitzen der Fraktionen von Union und SPD.

Kritiker aus Deutschland werfen Draghi vor, die Niedrigzinspolitik hauptsächlich für die überschuldeten südeuropäischen Staaten zu verfolgen. CSU-Politiker Markus Söder hatte beispielsweise gefordert, der nächste EZB-Chef müsse ein Deutscher sein. Dazu sagte Draghi, auch wenn ein Nicht-Italiener jetzt im Amt wäre, würde er oder sie „denselben Kurs verfolgen wie wir“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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