EZB-Ratsmitglied Nowotny: „Kein Mensch will das Bargeld abschaffen”

EZB-Ratsmitglied Nowotny: „Kein Mensch will das Bargeld abschaffen”

, aktualisiert 11. Mai 2016, 17:10 Uhr
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„Es besteht keine Notwendigkeit, die vergrabenen 500-Euro-Scheine irgendwo gegen etwas anderes umzutauschen.“

von Hans-Peter SiebenhaarQuelle:Handelsblatt Online

Österreichs oberster Notenbanker kritisiert das Ende des 500-Euro-Schein als „unnötige Irritation“. Der Zeitpunkt seiner Abschaffung sei psychologisch ungünstig. Die EZB ziele nicht auf die Abschaffung des Bargeldes ab.

WienUm ein offenes Wort ist Ewald Nowotny selten verlegen. Der Chef der Österreichischen Nationalbank versucht derzeit, Befürchtungen um ein drohendes Ende des Bargeldes zu bekämpfen. „Kein Mensch will das Bargeld abschaffen“, sagte das Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB) vor der Auslandspresse in Wien. Als Beleg führte der 71-jährige Finanzwissenschaftler an: „Die EZB ist gerade dabei, eine Serie von neuen Banknoten mit höheren Sicherheitsmerkmalen herauszugeben. Die EZB will sicherlich nicht das Bargeld abschaffen.“

Ausgelöst wurde die Diskussion durch den jüngsten EZB-Beschluss, künftig keine 500-Euro-Scheine mehr zu drucken. Neben Deutschland stimmten auch Österreich und Estland gegen die Entscheidung im EZB-Rat. Nowotny sprach von einer „unnötigen Irritation“ durch die Entscheidung. EZB-Kritiker begreifen die Abschaffung des 500-Euro-Scheins als den Einstieg in eine bargeldlose Zeit.

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„Psychologie ist auch ein Faktor. Deshalb habe ich den Zeitpunkt für die Abschaffung des 500-Euro-Scheins nicht für gut geheißen“, sagte der Währungshüter. Die Österreichische Notenbank stellt unterdessen eine erhöhte Nervosität bei den Bürgern fest. Ohne konkrete Zahlen zu nennen, bestätigte Nowotny einen erhöhten Umtausch von 500-Euro-Scheinen. „Es gibt derzeit die Entwicklung, dass Leute 500-Euro-Scheine eintauschen. Das sehen wir in unseren Zahlen“, sagte der Notenbanker in Wien.

Einen Grund diese Scheine bereits schon heute umzutauschen, gebe es nicht. „Der 500-Euro-Schein ist unbegrenzt gültig“, sagte Nowotny vor der Auslandspresse. „Es besteht keine Notwendigkeit, die vergrabenen 500-Euro-Scheine irgendwo gegen etwas anderes umzutauschen.“ Der 500-Euro-Schein werde nicht mit einem Schlag abgeschafft, sondern er laufe aus. Er werde einfach nicht mehr neu gedruckt.

Die Entscheidung der EZB auf den 500 Euro-Schein zu verzichten setzt die Notenbanken im Euroraum unter Druck. Sie müssen jetzt sehr viel mehr andere Geldscheine drucken. „Die Notenbanken haben dadurch erhebliche Mehrkosten“, kritisierte Nowotny. „Der Nutzen durch die Abschaffung des 500-Euro-Scheins in der Bekämpfung der Kriminalität ist geringer als die Kosten“, sagte der seit 2008 amtierende Chef der österreichischen Notenbank in Wien.

Ähnlich wie zuvor sein deutscher Amtskollege, Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, verteidigte er EZB-Präsident zugleich Mario Draghi gegen die deutsche Kritik an der Niedrigzinspolitik. Mario Draghi sei in seiner sachlichen Art und aufgrund seines psychologischen Einfühlungsvermögens ein hervorragender EZB-Präsident. „Die europäische und die deutsche Wirtschaft haben ihm sehr viel zu verdanken, auch wenn das nicht allen deutschen Professoren voll bewusst ist“, sagte Nowotny. In Anspielung auf die Kritik von Finanzminister Wolfgang Schäuble, dass die Niedrigzinspolitik auch für das Erstarken euroskeptischer Kräfte mitverantwortlich sei, sagte Nowotny. „Wir waren alle erstaunt und schockiert, dass eine Notenbankpolitik mit Erfolgen von rechtsextremen Parteien in Verbindung gebracht wird.“ Das Ziel der EZB sei Stabilisierung, um Radikalisierung zu verhindern. Auch er frühere EZB-Chef Jean-Claude Trichet hatte zuvor den Draghis Kurs verteidigt und wies Angriffe deutscher Politiker auf die EZB scharf zurück. „Ich hätte alles genauso gemacht wie Mario“, sagte Trichet der „Börsenzeitung“.


Nowotny glaubt, dass die Inflation in diesem Jahr steigen könnte

Die EZB strebt bislang vergeblich eine Inflation von knapp zwei Prozent an, um einen ausreichenden Sicherheitsabstand zu deflationären Tendenzen zu haben. Nowotny zeigte sich zuversichtlich, dass die Inflationsrate noch in diesem Jahr steigen könnte, auch wenn das EZB-Ziel von annähernd zwei Prozent nicht erreicht werde. „Ich gehe davon aus, dass wir in der zweiten Jahreshälfte einen nicht unerheblichen Anstieg der Inflation haben werden.“ Die niedrigen Inflationsraten seien vor allem auf die derzeit niedrigen Energiepreise zurückzuführen. „Wir glauben, dass die Energiepreise eine gewisse Bodenbildung erreicht haben. Vielleicht steigen sogar die Preise“, sagt der österreichische Notenbanker. Zudem gebe es in der Eurozone eine „langsame Erholung“. Das Wirtschaftswachstum werde zwischen 1,5 und 1,6 Prozent in diesem Jahr liegen.
Fallende Preise führen in der Regel dazu, dass sich Verbraucher zurückhalten, da sie auf noch billigere Waren setzen. Dadurch sinken die Umsätze und Gewinne von Unternehmen mit den Folgen einer steigenden Arbeitslosigkeit. „Eine Notenbank ist gegen Inflation mächtiger als gegen Deflation“, sagte Nowotny.

Für eine Erhöhung der Zinsen sieht Nowotny unterdessen noch keinen Spielraum. „Bei schwacher Wirtschaft eine Zinserhöhung zu machen, wäre ein Schuss ins Bein der Wirtschaft“, warnte Nowotny. Das würde eine „willkürliche Rezession“ bedeuten.
Natürlich habe eine Politik niedriger Zinsen „Nebenwirkungen“ beispielsweise für Sparer. Man müsse aber zwischen nomineller und realer Verzinsung unterscheiden. Die negativen Realzinsen seien beispielsweise in den Siebziger Jahren nach dem Öl-Schock habe es in Deutschland und Österreich eine Inflationsrate von neun Prozent gegeben. Das Sparbuch sei aber damals mit drei Prozent verzinst worden. Die reale Verzinsung habe sich damals zwischen minus vier und fünf Prozent bewegt. „Es gibt ein Problem in der langfristigen Kapitalaltersversicherung“, sagte Nowotny in Anspielung auf die Nöte der Lebensversicherungen mit garantierten Nominalzinsen. „Man muss klar sagen, kapitalgedeckte Versicherungen sind ein Risikoelement.“ Das könne entsprechende „soziale Aspekte” haben.

Quelle:  Handelsblatt Online
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