EZB-Ratssitzung: Die fünf Erwartungen an Mario Draghi

EZB-Ratssitzung: Die fünf Erwartungen an Mario Draghi

, aktualisiert 10. März 2016, 08:30 Uhr
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Mario Draghi Ende Januar auf einem Empfang bei der Deutschen Börse.

von Jan Mallien und Andrea CünnenQuelle:Handelsblatt Online

Einlagezins senken, Anleihenkäufe aufstocken: Der EZB-Chef steht vor der Ratssitzung am heutigen Donnerstag unter Druck. Wird Mario Draghi diesmal wieder die Kapitalmärkte enttäuschen?

FrankfurtVor der Ratssitzung am Donnerstag steht Mario Draghi unter Zugzwang. Im Februar fielen die Preise im Euro-Raum im Jahresvergleich um 0,2 Prozent. So stark abwärts ging es seit einem Jahr nicht mehr. Was viele Bürger freut, ist für die Notenbank ein Problem. Denn es droht eine Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und wirtschaftlichem Niedergang. Das EZB-Ziel einer Inflation von knapp zwei Prozent rückt in immer weitere Ferne.

„Die Erwartungen der Märkte an die Wundertüte des Chefs der Europäischen Zentralbank sind deshalb hoch“, meint Jens Kramer, leitender Volkswirt bei der NordLB. Investoren rechnen nicht nur mit einer Senkung des Einlagenzinses, sondern auch mit mehr Anleihekäufen. Im Dezember noch hatte Mario Draghi die Märkte enttäuscht, die auf eine deutlichere Lockerung der Geldpolitik gesetzt hatten. „Wir können uns keine weitere Enttäuschung leisten“, sagt Janet Henry, Chefvolkswirtin der britischen Großbank HSBC.

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Vor allem fünf Maßnahmen stehen zur Diskussion:

1. Den Einlagezinssatz senken

Schon jetzt liegt der Einlagezins im Euro-Raum bei minus 0,3 Prozent. Das heißt: Banken, die über Nacht Geld bei der EZB parken, zahlen dafür eine Strafe. Damit will die Notenbank die Geldhäuser dazu animieren, mehr Kredite zu vergeben, statt überschüssige Liquidität bei ihr zu horten. Je höher die Strafe, desto stärker der Anreiz, so das Kalkül. Nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg unter Ökonomen, rechnen die meisten mit einer Senkung um 0,1 Prozentpunkte auf minus 0,4 Prozent. Auch eine deutlichere Senkung auf minus 0,5 Prozent ist möglich. 

Damit rechnet zum Beispiel Commerzbank-Analyst Michael Schubert. „Eine Rücknahme um nur 10 Basispunkte dürfte für viele im Rat in der aktuellen Situation zu wenig sein, auch weil dann eine negative Marktreaktion wie im Dezember zu erwarten wäre.“  Auch Kramer von der NordLB geht fest von einer weiteren Senkung um 20 Basispunkte aus.

Dass sich die Notenbanker darauf einigen, den Einlagezins zu senken, gilt als wahrscheinlich. Die Lösung ist am wenigsten umstritten. Für die Bundesbank etwa, die eine weitere Lockerung der Geldpolitik skeptisch sieht, wäre diese Pille leichter zu schlucken als andere Maßnahmen.

Allerdings würde dies den labilen Bankensektor belasten. Denkbar wäre deshalb auch eine Staffelung des Einlagezinses, ähnlich wie in der Schweiz. Dort greift der Strafzins erst, wenn die bei der Notenbank geparkte Liquidität einer Bank eine Obergrenze überschreitet. Vorher gilt ein Freibetrag mit geringerem Zinssatz.

Dass die EZB Kramer  den Einlagensatz staffelt, glaubt auch Kramer. Um den „Schmerz bei den Banken nicht zu groß werden zu lassen, glaubt auch Jan Holthusen, Leiter des Anleiheresearchs bei der DZ Bank, an einen gestaffelten Einlagensatz,. Dabei kann auch er sich eine Senkung auf minus 0,5 Prozent vorstellen.

Die Staffelung des Einlagezinses würde die Banken schonen. Sie hätten dann aber auch weniger Anreiz zur Kreditvergabe. Dies würde sich auf den Euro auswirken: Dessen Kurs dürfte weiter nachgeben. Dazu reicht es, dass ein Teil der überschüssigen Liquidität der Banken mit einem Strafzins belastet wird.


75 Milliarden Euro pro Monat

2. Mehr Anleihen kaufen

Derzeit kauft die EZB jeden Monat Wertpapiere für 60 Milliarden Euro, darunter hauptsächlich Staatsanleihen der Euro-Länder. Dieses Volumen könnte sie ausweiten. Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding rechnet mit einer Ausweitung auf 75 bis 80 Milliarden Euro. Anleihekäufe seien ein Signal, das der Markt versteht. Allerdings hätten sie auf das Zinsniveau und die Stimmung nur begrenzten Einfluss.  

Die Märkte spiegeln nach Ansicht von Alexander Aldinger, leitender Anleiheanalyst bei der BayernLB schon jetzt eine Erweiterung des Anleihekaufprogramms wider. Der Grund: Die Rendite der zweijährigen Bundesanleihe liegt mit minus 0,53 Prozent schon deutlicher unter dem eintägigen Interbankenzinssatz Eonia von minus 0,23 Prozent. Aldinger glaubt an eine Erhöhung der monatlichen Anleihekäufe um 15 Milliarden auf 75 Milliarden, Kramer von der NordLB geht sogar von einer Anhebung der Käufe auf 80 Milliarden Euro aus.

Ausgemacht ist ein solcher Schritt allerdings noch lange nicht. Einige Ratsmitglieder sehen einen solchen Schritt kritisch. Zudem könnte die EZB dabei an Grenzen stoßen: Ihren selbst auferlegten Regeln zufolge darf sie keine Bonds kaufen, deren Zinsen unter dem Einlagesatz liegen (derzeit minus 0,3 Prozent). Und sie darf auch nicht mehr als 33 Prozent der ausstehenden Anleiheschulden eines Landes erwerben.

Durch eine Ausweitung der Käufe würden diese Limits schneller erreicht. Bei deutschen Bundesanleihen könnte die Grenze beispielsweise noch vor dem geplanten Ende der Anleihekäufe im März 2017 geknackt werden. Deshalb wäre es möglich, dass die EZB das Kaufvolumen zunächst nur vorübergehend aufstockt, etwa für die nächsten sechs Monate. Das wäre im Rat wohl leichter durchzusetzen, außerdem würden die Bonds nicht so schnell knapp.


Mehr Anleihen, Programm ausdehnen, billiges Geld

3. Mehr Flexibilität bei Bondkäufen wagen

Um Knappheit zu verhindern, könnte die EZB außerdem die Auswahl der von ihr gekauften Anleihen erhöhen. Im Dezember hat sie das Sortiment bereits um Anleihen von Regionen und Kommunen im Euro-Raum erweitert.

„Möglich wäre nun, dass sie auch Unternehmensanleihen kauft“, meint Aldinger von der BayernLB. Vorstellen können sich Analysten auch, dass die EZB, die Rendite-Untergrenze senkt, ab der sie Anleihen auf die eigene Bilanz nehmen kann. Das würde das Knappheitsproblem lösen. „Möglich sind hier negative Phantasiezinsen von minus 0,75 oder minus ein Prozent – oder gar keine Grenze“, sagt Kramer von der NordLB.  

Möglich wäre nun, dass sie auch Unternehmensanleihen kauft. Ein noch weitergehender Schritt wäre, dass sie die Anleihekäufe nicht mehr nach ihrem Kapitalschlüssel ausrichtet. Aktuell kauft sie am meisten Bundesanleihen, weil Deutschland den größten Anteil am EZB-Kapital hat. Da die Zinsen hier aber schon sehr niedrig sind, gibt es weniger Spielraum nach unten als in Ländern mit höheren Anleihezinsen wie etwa Italien. „Ein solcher Schritt wäre allerdings politisch nicht durchzusetzen, meint Holthusen von der DZ Bank. Zudem gilt er nach Meinung von Juristen als rechtlich heikel.

4. Anleiheprogramm verlängern

Als die EZB ihr Anleihekaufprogramm im März 2015 startete, hätte es bis September dieses Jahres laufen sollen. Im Dezember haben die Notenbanker das Programm bis März 2017 verlängert. Nun ist eine weitere Verlängerung möglich. Allerdings: "Eine Ausweitung über März 2017 hinaus macht wenig Sinn, da dieser Zeitpunkt noch weit entfernt liegt", schreibt Commerzbank-Analyst Michael Schubert in einer Analyse. Zudem habe die Verlängerung im Dezember kaum einen Effekt gehabt.

5. Banken mit billigen Krediten päppeln

Die EZB könnte außerdem ihr Programm ausweiten, mit dem sie Banken zu sehr günstigen Konditionen langfristig Geld leiht, wenn sie mehr Kredite vergeben. Sie könnte den Banken etwa die Möglichkeit bieten, sich bei ihr Geld für drei oder vier Jahre zum aktuellen Leitzins von 0,05 Prozent zu leihen. Der Effekt wäre aber begrenzt. Viele Banken brauchen gar nicht mehr Liquidität. Dies würde also nur einigen angeschlagenen Instituten helfen.

Anders wäre das wenn die EZB den Banken Geld zu Negativzinsen Geld leihen würde. Kramer von der NordLB kann sich das bei den TLTROs genannten längerfristigen Refinanzierungsgeschäften vorstellen. Bei diesen bekommen die Banken Liquidität von der EZB nur, wenn sie dafür Kredite an Unternehmen vergeben. Eingeführt hatte die EZB die TLTROs im Sommer 2014. Wenn die EZB den Banken dafür nun negative Zinssätze erheben würde, könnten auch die Banken allein mit der Schuldenaufnahme Geld verdienen.

Quelle:  Handelsblatt Online
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