EZB-Ratssitzung: „In die Märkte ist wieder Leben eingekehrt“

EZB-Ratssitzung: „In die Märkte ist wieder Leben eingekehrt“

, aktualisiert 20. Juli 2017, 08:58 Uhr
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Die Wirtschaft wächst kräftig, aber die Inflation bleibt niedrig.

von Jan MallienQuelle:Handelsblatt Online

Die Wirtschaftslage im Euro-Raum ist gut. Mario Draghi muss daher die Märkte heute langsam auf eine weniger expansive Geldpolitik vorbereiten. Doch gleichzeitig will der Notenbankchef starke Ausschläge vermeiden.

FrankfurtWenn Mario Draghi an diesem Donnerstag vor die Presse tritt, wird er eines sehr genau im Hinterkopf haben: Seine Rede im portugiesischen Sintra Ende Juni – die ein kleines Beben an den Märkten auslöste. Draghi hatte sich optimistisch über die Wirtschaft im Euro-Raum geäußert und die weiter niedrige Inflation vor allem auf temporäre Faktoren zurückgeführt. Das interpretierten Investoren als Signal dafür, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schneller straffen könnte.

Stimmen aus der Notenbank sprachen später von einem Missverständnis. Draghi habe lediglich zur Sprache gebracht, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte, sagt Achim Stranz, Chefanlagestratege bei Axa Investment Managers. „Das derzeitige Anleihekaufprogramm der EZB ist nicht unendlich“, sagt er.

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Dennoch haben die Märkte sehr sensibel reagiert. Das hängt damit zusammen, dass sich die EZB derzeit in der Phase des Umsteuerns in der Geldpolitik befindet. Das hat bisweilen zur Folge, dass selbst kleine Änderungen eine große Wirkung entfalten können, wenn sie die langfristigen Erwartungen beeinflussen. Auf der Ratssitzung der Notenbank an diesem Donnerstag könnten sich Mario Draghi und seine Kollegen wiederrum ein kleines Stück in Richtung Ausstieg bewegen – doch in der jetzigen Phase ist jeder Schritt ein Balanceakt.

Es sei wieder Leben in die Geldmärkte des Euro-Raums zurückgekehrt, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: „Das ist normal, wenn man bedenkt, dass die EZB bald ankündigen dürfte, ihre Anleihekäufe im kommenden Jahr schrittweise einzustellen.“ Viele Ökonomen rechnen damit, dass die Notenbank dies bei ihrer Sitzung im September verkündet. Bislang kauft die EZB für monatlich 60 Milliarden Euro Staatsanleihen der Euro-Länder. Damit will sie die Inflation im Währungsraum in Richtung des mittelfristigen Ziels von knapp unter zwei Prozent bringen.

Von ihrem Inflationsziel ist die EZB aber noch weit entfernt. Zuletzt stieg die Teuerungsrate im Euro-Raum um nur 1,3 Prozent – und im Juni hatte die Notenbank ihre Inflationsprognosen für die nächsten Jahre gesenkt. Das hatte dazu geführt, dass zunächst die Anleihekurse stiegen und die Renditen sanken. Mit seiner rhetorischen Kehrtwende zur Inflation in Sintra erwischte Draghi dann die Investoren auf dem falschen Fuß, die auf noch länger laufende Anleihekäufe der EZB und somit auf steigende Anleihekurse gewettet hatten.

Der Chefvolkswirt der Berenberg-Bank, Holger Schmieding, erwartet, dass die EZB ihren Stimulus nur sehr gemächlich einschränkt. Dies werde sie wohl auch am Donnerstag klarmachen. Im Vorfeld der Ratssitzung haben sich führende Notenbanker unterschiedlich geäußert.


Chefvolkswirt Praet mahnt zur Vorsicht

Der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau verwies darauf, dass die EZB bereits begonnen habe, ihre Geldpolitik anzupassen. Es gebe Fortschritte beim Erreichen des Inflationsziels und bei der wirtschaftlichen Erholung. „In Zukunft, und das wird unsere Entscheidung im Herbst sein, werden wir damit weitermachen, die Intensität unserer Geldpolitik anzupassen“, sagte er.

Dagegen hob EZB-Chefvolkswirt Peter Praet hervor, dass die EZB mit der derzeitigen Inflationsrate noch nicht zufrieden sein könne und weiter eine „lange Phase“ expansiver Geldpolitik nötig sei.

Experten erwarten, dass die EZB am Donnerstag ihr Eingangsstatement an einigen Stellen anpassen und Passagen weglassen könnte, die als überholt gelten. So könnte sie die zuletzt stets bekräftigte Option streichen, die Anleihekäufe nötigenfalls noch einmal aufzustocken. Dies wäre ein weiteres vorsichtiges Signal an die Finanzmärkte für eine etwas weniger expansive Geldpolitik.

Letztlich muss die EZB immer wieder abwägen: Klare Ansagen reduzieren die Unsicherheit der Märkte über die nächsten Schritte – andererseits schränken sie die Notenbank auch in ihrer Flexibilität ein. Ähnlich wie der Start und die Landung eines Flugzeugs häufig mit Turbulenzen verbunden ist, müssen sich die Märkte auch bei Beginn und Ende der Anleihekäufe auf Schwankungen einstellen. Für Mario Draghi bedeutet dies, dass er sich wohl noch vorsichtiger äußert als sonst.

Quelle:  Handelsblatt Online
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