Facebook und Trump: Zuckerbergs fragwürdige Verteidigung

Facebook und Trump: Zuckerbergs fragwürdige Verteidigung

, aktualisiert 11. November 2016, 08:34 Uhr
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Der Facebook-Chef hat sich erstmals seit dem Sieg von Donald Trump zur Rolle seines Netzwerks im US-Wahlkampf geäußert.

von Britta WeddelingQuelle:Handelsblatt Online

Welchen Anteil hat Facebook am Sieg von Donald Trump? Erstmals nach der US-Wahl versucht Mark Zuckerberg, die Vorwürfe gegen sein Netzwerk zu entkräften. Den wichtigsten Fragen weicht er bei seinem Auftritt jedoch aus.

Half Moon BaySchon lange bevor Mark Zuckerberg die Bühne betrat, war im Ritz Carlton, dem Luxus-Ressort in Half Moon Bay, eine gute Autostunde von San Francisco entfernt, die Anwesenheit des Facebook-Chefs spürbar. Radikal hatten die Veranstalter die Temperatur im Konferenzraum heruntergeregelt, auf gefühlt jenseits der Kühlschranktemperatur. Der Facebook-Chef, der stets im grauen T-Shirt auftritt, komme leicht ins Schwitzen, hieß es zur Begründung.

An diesem Donnerstag gab es durchaus Grund dazu. Seit der Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten debattiert das Silicon Valley, debattiert die Welt, wie es zu dem Ergebnis kommen konnte, das keiner, angeblich nicht einmal Trumps Partei selbst, vorausgesehen hatte. Eine Frage ist dabei, welche Rolle Facebook spielte. Ohne das Zuckerberg-Netzwerk wäre der Sieg des Republikaners so kaum möglich gewesen wäre.

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Wie kein anderer wusste der Immobilien-Mogul die Reichweite der sozialen Medien zu nutzen, zum Verbreiten von Parolen wie einem Einreisestopp für Muslime. Ungefiltert, kritiklos, direkt ans Publikum – bei Facebook konnte er das alles senden. Nebeneffekt für Facebook: Je mehr Aufregung, desto mehr Werbeeinnahmen. Zehntausende klickten „Gefällt Mir“, kommentierten oder teilten Falschmeldungen, die sich weiterverbreiteten und aufgrund der Popularität im Newsfeed noch weiter nach oben gespült wurden.

Facebook war zum Ort der Desinformation geworden, zu einer Matrix, in der Nutzer in einer Filterblase vor sich hin schaukeln und ein Algorithmus Altbekanntes präsentierte, aber nichts Neues mehr oder gar Vielfalt. Statt Menschen in einem politischen Diskurs zu vernetzen, hatte die Technologie sie getrennt, auf lautlose, kaum spürbare Weise.

Bislang fühlt sich Facebook für all das nur bedingt zuständig, erst recht nicht für Hassreden. Nutzer könnten Verstöße melden, man sei schließlich eine Plattform und kein Medienunternehmen. Die Haltung ist jedoch wenig konsequent, greift man an anderer Stelle dann aber doch ein, löscht Posts nach teils fragwürdigen Kriterien. Über die Zahl der Mitarbeiter, die entsprechende Anträge bearbeiten, hüllt sich das Netzwerk in Schweigen.

An diesem Nachmittag, als Gast bei der Branchenkonferenz Techonomy, führt Facebook seine seltsame Kommunikationsstrategie fort. Konzernchef Zuckerberg tut alles, um die Vorwürfe und die Macht seines Unternehmens kleinzureden. Hat das Netzwerk den Sieg des Populisten kommen sehen? „Nicht wirklich“, behauptet Zuckerberg. „Es gibt keinen Weg, dass unsere Firma so etwas gewusst hätte.“

Das ist wenig glaubwürdig. Schließlich erfasst Facebook die Vorlieben und Ansichten seiner Mitglieder ganz im Gegenteil sogar und nutzt sie zu Werbezwecken, so wie auch den Rest aller Informationen. Nur wenn es um politische Meinungsäußerung geht, sollen qualitative Aussagen angeblich nicht möglich sein? „Wir können das machen“, sagt Zuckerberg. „Aber das hätte auch jeder andere tun können.“ So als hätte jedermann Zugriff auf die Daten von zwei Milliarden Nutzern weltweit.


Ist der Wert von Facebook überschätzt?

Der Frage nach der gesellschaftlichen Verantwortung seiner Firma weicht Zuckerberg ebenfalls aus. Auch von einem Problem mit Desinformation oder mangelnder Transparenz des Unternehmens will er nichts wissen. „Ich denke, wir sind sehr transparent. Jedes Mal, wenn wir ein neues Feature im Newsfeed einführen oder eine Änderung machen, veröffentlichen wir das, wir erklären, warum wir das machen.“

Er habe Artikel mit den Vorwürfen zur Wahl gesehen, sagt Zuckerberg. „Die Menschen versuchen, sich den Ausgang der Wahl zu erklären. Aber ich sehe einen gewissen Mangel an Empathie darin zu behaupten, dass der einzige Grund, warum jemand gewählt hat, wie er gewählt hat, darin liegt, dass er Fake-News gesehen hat.“ Es gebe Falschmeldungen auf Facebook so oft wie im Internet. Für immer mehr Menschen jedoch ist Facebook wichtigste Nachrichtenquelle. Laut einer Studie von Pew Research konsumieren 40 Prozent der Amerikaner Nachrichten über das soziale Netzwerk.

Einzig den Vorwurf, Facebooks Algorithmus erzeuge eine Blase, wischt der Facebook-Chef weniger schnell beiseite. „Ich weiß nicht, was man da machen soll. Ich denke, wir müssen daran arbeiten.“ Er erklärt: „Das Problem ist nicht, dass die Vielfalt der Informationen nicht da ist, es gibt sie bei Facebook mehr da als in traditionellen Medien. Aber wir haben die Menschen noch nicht dazu gebracht, mit diesen Inhalten stärker zu interagieren.“

Die meiste Zeit würden Facebook-Nutzer hingegen damit verbringen, Bilder ihrer Kinder zu teilen, nicht ihre politische Meinung. „Auch wenn eine Wahl nicht so ausgeht, wie man sich das vorstellt, denke ich immer noch, dass den Leuten eine Stimme zu geben auf lange Sicht zu einer offeneren und besseren Gesellschaft führt."

Vielleicht hat Silicon Valley den Wert von Facebook überschätzt, als Medium der Aufklärung, vielleicht ist die Enttäuschung über Desinformation und Filterblasen nur Enttäuschung überzogen. Vielleicht war Facebook tatsächlich vor allem immer hauptsächlich eine Plattform, über das Menschen Videos ihrer Kinder oder Hunde teilen. Klar gezeigt hat die US-Wahl jedoch, dass Facebook, ob gewollt oder ungewollt, mehr soziale Verantwortung hat als jede andere Firma zuvor. Es wird die Frage sein, wie lange ihr Chef mit derartigen Statements aus der Affäre ziehen kann.

Quelle:  Handelsblatt Online
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