Fakten zum Aktiencrash: Kommt eine neue Finanzkrise?

Fakten zum Aktiencrash: Kommt eine neue Finanzkrise?

, aktualisiert 12. Februar 2016, 16:20 Uhr
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Eine Brille liegt einer Zeitung, in der die Kurse der Lehman-Titel verzeichnet sind. Kommt es an den Märkten zu weiteren Abstürzen, so wie 2008.

von Jürgen RöderQuelle:Handelsblatt Online

Wirtschaftsprobleme in China und den USA, rasant fallende Ölpreise und die Probleme der Banken sind die meistgenannten Gründe für die derzeitigen Marktturbulenzen. Doch sind sie gerechtfertigt? Eine Bestandsaufnahme.

DüsseldorfWenn man die Märkte 2016 in einem Wort zusammenfassen will, fällt das eigentlich gar nicht so schwer: Volatilität. Beispiele gefällig? Der Preis für ein Barrel Öl der Sorte Brent schwankt in den ersten sechs Wochen dieses Jahres zwischen 37 und 27 Dollar. Oder schauen Sie auf die Bankenaktien. Der Stoxx Europe 600 Banks, der die 45 größten Banken Europas listet, verlor seit Jahresbeginn ein Drittel seines Wertes. Allein in dieser Woche schwankt der Kurs der Deutschen Bank kräftig. Die Ausschläge reichen von zeitweisen Tagesgewinnen bis zu 16 Prozent bis hin zu Verlusten im zweistelligen Bereich. Welche Fragen und Antworten in diesem Umfeld jetzt wichtig sind.

Wie entwickelten sich Jahresbeginn die Finanzmärkte?
Zum ersten Mail seit der Finanzkrise 2008 flüchten Anleger wieder in die Staatsanleihen. Aufgrund der sinkenden Renditen stiegen die Kurse der Bonds – seit Jahresanfang weisen diese Anleihen dadurch ein Plus von 4,9 Prozent auf. Im Gegenzug fielen die Aktienmärkte deutlich. Dieser Run auf die Staatsanleihen signalisiert: Investoren wollen kein Risiko im Depot, sondern suchen vermeintlich sichere Anlageformen. Ihr Nerven sind angespannt, weil sie mit schlimmen Entwicklungen rechnen - wie zum Beispiel einer weltweiten Rezession.

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Droht eine weltweite Rezession?
Nein, zumindest nicht wenn dem dafür wohl wichtigsten Vorlaufindikator traut, dem Einkaufsmanagerindex. Dieser globale Index liegt im Januar 2016 bei 50,9. Werte über 50 signalisieren eine wachsende Wirtschaft und umgekehrt. Die Idee dahinter – vereinfacht formuliert: Wer produzieren oder verkaufen will, der muss vorher einkaufen. Dieses Wachstum dürfte vor allem von den Industrieländern mit einem Wert von 52,1 kommen, während die Schwellenländer mit 49,3 etwas schwächeln. Auf Länderebene heruntergebrochen, zeigt dieser Indikator aber auch: Staaten wie Russland (48,7) und Brasilien (45,6) stehen 2016 noch schwere Zeiten bevor.

Wird denn die USA als führende Wirtschaftsmacht Probleme bekommen?
Der Einkaufsmanagerindex geht zwar leicht zurück, liegt aber mit 52,1 noch im positiven Bereich. Auch die Großbank JP Morgan erwartet, dass die USA nach einem Plus von mehr als drei Prozent im Jahr 2015 nun in ein sogenanntes Trendwachstum zurückkehrt, das in diesem Jahr 1,6 bis 1,8 Prozent betragen soll.


Schmiert der Ölpreis weiter ab?

Erhöht die US-Notenbank in diesem Jahr die Zinsen weiter?
Die Einschätzung des Marktes hat sich seit vergangener Woche dramatisch verändert. Ende 2015 glaubten noch 93 Prozent, dass es in diesem Jahr die Zinswende fortsetzt. Nun wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank erst im Dezember 2017 das nächste Mal die Zinsen erneut erhöht. Laut Robert Halver, Leiter Kapitalmarkstrategie der Baader Bank, war die Zinserhöhung im vergangenen Jahr ein Fehler, weil dadurch Investoren Geld aus den Schwellenländern abgezogen haben.

Wird China zu einer Belastung für die Weltwirtschaft?
Das Problem in China ist der Abfluss von Kapital. Viele Chinesen haben beispielsweise ihre Konten von Renmimbi auf US-Dollar umgestellt. Das Reich der Mitte hat aber immer noch ein Leistungsbilanzüberschuss und kann trotz sinkender Reserven ihre Währung im Notfall stützen. Und einige Wirtschaftsindikatoren haben sich in den vergangenen Monaten wieder positiv entwickelt. So stiegen unter anderem der Kfz-Absatz und die Einzelhandelsumsätze seit Mitte 2015. Allerdings bleibt die Industrieproduktion weiter schwach.

Schmiert der Ölpreis weiter ab?
Nach Ansicht vieler Experten ist es noch zu früh, das Ende fallender Ölpreise vorherzusagen. Doch es gibt Anzeichen, dass eine Wende bevorsteht.  Bloomberg-Daten zufolge passt die USA langsam ihre Produktion an. Die Zahl der Bohrtürme ist seit September 2014 von 9318 auf nun 1592 drastisch gefallen. Gefördert wurden im April des vergangenen Jahres noch 9,69 Milliarden Barrel (159 Liter), derzeit sind es nur noch 9,3 Milliarden. Völlig offen ist aber, wie sich das Öl-Kartell Opec weiter verhält. Doch auch beim Öl gilt: Die Märkte preisen eine Rezession ein, in diesem Fall eine geringere Nachfrage nach dem schwarzen Gold. Doch die Daten – wie der Einkaufsmanagerindex – lassen keine Rezession erwarten.

Kann es zu einem Crash des Marktes für Hochzinsanleihen (High Yield) kommen? Solch ein Ereignis dürfte die Probleme der Banken erheblich verschärfen.

Der Markt für Hochzinsanleihen hat sich gewaltig verändert. Die Rendite beim entsprechenden Index der Bank of America liegt mittlerweile bei 20 Prozent. Ein ungewöhnlich hoher Wert. Das würde bedeuten, das rund sechs Prozent der jeweiligen Unternehmen ihre Anleihen nicht bedienen könnten. Nach Ansicht der Bank JP Morgan sind diese sechs Prozent deutlich zu hoch. Sie wird die Hochzinsanleihen in ihren Portfolien nicht verkaufen, sondern hält sie eher für attraktiv bewertet. Außerdem seien die Banken besser aufgestellt als während der Finanzkrise. Die Banken hätten derzeit kein Bilanz-, sondern eher ein Ertragsproblem.  


Was könnte die Wende an den Märkten bringen?

Sind die Aktienmärkte nun teuer oder billig?
Wenn Anleger nur auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) schauen, dann sind die Märkte auf keinen Fall zu teuer. Der US-Auswahlindex notiert bei 14, der Dax bei ungefähr 13. Allerdings ist dieses KGV ein relativer Wert: In einer steigenden Aufholphase des Marktes ist KGV von 14 ein Schnäppchen, bei drohender Rezession eher zu teuer. Sollte die USA aber – wie erwartet – in diesem Jahr um weitere 1,6 bis 1,8 Prozent wachsen – sind die Aktien aus dem S&P 500 eher günstig bewertet.

Können die Aktienmärkte im Laufe des Jahres noch ins Plus drehen?
Ein Blick auf den europäischen Auswahlindex MSCI Europe seit 1980 gibt Entwarnung. Trotz eines durchschnittlichen Rückgangs von 15 Prozent im Jahresverlauf sind die Jahreserträge in 28 von 36 Jahren positiv. Derzeit weist der MSCI ein Minus von mehr als 13 Prozent auf. 2003 verlor der Index 22 Prozent, legt am Jahresende aber insgesamt um 17 Prozent zu. Verloren ist das Aktienjahr also noch lange nicht.

Was könnte eine Wende an den Aktienmärkten bringen?
Sicherlich ein erneut aggressives Auftreten der Notenbanken. Aber es reichen vermutlich auch neue positive Wirtschaftsdaten, die signalisieren, dass es keine Rezession geben wird.

Quelle:  Handelsblatt Online
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