Faule Hypothekenpapiere: Vergleich zwischen Banken und US-Behörden zieht sich hin

Faule Hypothekenpapiere: Vergleich zwischen Banken und US-Behörden zieht sich hin

, aktualisiert 07. November 2016, 11:34 Uhr
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Zahlreiche europäische Banken warten weiter darauf, sich mit den US-Behörden auf Strafzahlungen im Zuge des Handels mit faulen Hypothekenpapieren zu einigen. Experten befürchten, dass viele Geldhäuser die Strafen aufgrund geringer Rücklagen nur schlecht verkraften werden.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Pläne europäischer Großbanken, bis Anfang November Vergleiche mit den US-Behörden über faule Hypothekenpapiere auszuhandeln, verzögern sich. Offenbar sollte das Thema aus dem US-Wahlkampf herausgehalten werden.

Frankfurt/New YorkDer Final Countdown dauert länger als gedacht. Eigentlich wollten Europas Großbanken ihre potentiell sehr teuren Vergleiche mit den US-Behörden über faule Hypothekenpapiere bis zur Wahl am 8. November eintüten. Doch danach sieht es jetzt nicht mehr aus. Experten gehen inzwischen davon aus, dass die Vergleiche nach der Wahl, aber vor der Einführung des neuen Präsidenten kommen - also vor Ende Januar.

Denn so wird das Thema nicht im Wahlkampf zerrieben und jeder könnte sein Gesicht wahren, erklärt Professor John Coffee von der Columbia Law School: „Die alte Regierung wird sich noch damit schmücken wollen, dass sie die Fälle abgeschlossen hat und die neue Regierung dürfte froh sein, wenn jemand anderes dafür verantwortlich ist.“

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Also müssen die hiesigen Institute weiter zittern. Neben der Deutschen Bank stellen sich auch andere Häuser auf Strafzahlungen ein: UBS und Credit Suisse in der Schweiz sowie die Royal Bank of Scotland. Ermittelt wird auch gegen die britischen Adressen HSBC und Barclays. Ob es am Ende einen Gruppenvergleich gibt, darüber sind sich Experten uneinig.

Die Banken selbst und das US-Justizministerium, das die Federführung hat, äußern sich nicht zu Details der Verhandlungen. Dass Deutsche Bank & Co billig davonkommen, ist allerdings nicht zu erwarten. Bill Baer, einer der ranghöchsten Beamten im Justizministerium, hatte der Branche erst vor kurzem mangelnde Kooperationsbereitschaft bei der Aufarbeitung der Tricksereien auf dem amerikanischen Immobilienmarkt vorgeworfen.

Die Vorwürfe, die im Raum stehen, haben es in sich: Die Aufsichtsbehörden sehen es als erwiesen an, dass etliche große Investmentbanken maßgeblich zum Ausbruch der weltweiten Finanzkrise 2007/08 beigetragen haben - indem sie faule US-Hypotheken in intransparente Wertpapiere bündelten. Diese wurden auf einen Schlag wertlos, als der Häusermarkt kollabierte, weil viele Familien komplett überschuldet waren.

Für die Käufer der Hypothekenpapiere - darunter viele andere Banken - bedeutete das massive Verluste. Am Ende wusste quasi niemand mehr, wer welche Risiken in den Büchern hatte. Rund um den Globus gab es staatliche Rettungsaktionen für Finanzinstitute in Schieflage, auch in Deutschland.

Der scheidende US-Präsident Barack Obama hatte 2012 eine eigene Ermittlungseinheit aufgesetzt, um in den Trümmern des Immobilienmarktes Ursachenforschung zu betreiben, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und so zumindest einen Teil der Rettungsgelder wiederzubekommen.

Die US-Großbanken haben ihre Rechnung zum überwiegenden Teil schon bezahlt: Zehn Institute haben sich bislang verglichen - es hat sie insgesamt 46 Milliarden Dollar gekostet, die Entschädigung von Kunden und Investoren mit eingerechnet. Allein die Bank of America, die auf dem US-Hypothekenmarkt in den Boomzeiten ein besonders großes Rad gedreht hat, musste fast 17 Milliarden Dollar abdrücken.


Geringe Rücklagen machen europäischen Banken Sorge

In diesem konkreten Fall bremste das zwar ungemein die Aufräumarbeiten. Insgesamt konnten die US-Häuser die hohen Strafen aber gut verschmerzen, weil sie die Finanzkrise schneller hinter sich gelassen haben als die Rivalen in Europa, von denen viele noch immer recht schwach kapitalisiert sind.

Die europäischen Institute könnten sich derartige Sonderbelastungen schlicht nicht leisten, sagt Jacob Kirkegaard von der einflussreichen Washingtoner Denkfabrik Peterson Institute – und verweist auf die Konsequenzen: „Das kann am Ende dazu führen, dass die Europäer an der Wall Street nicht mehr so präsent sein werden wie früher.“

Wenig Reserven – das gilt nach Einschätzung von Analysten insbesondere für die Deutsche Bank. Als Mitte September bekannt wurde, dass die Frankfurter im Hypothekenstreit mit einer Strafforderung von 14 Milliarden Dollar konfrontiert sind - mit dieser Summe hat das Justizministerium die Vergleichsverhandlungen eröffnet - herrschte denn auch Panik an den Märkten.

Die Sorge, die Deutsche Bank müsste am Ende vielleicht vom Staat gestützt werden, wischten zwar sowohl die Bank als auch die Bundesregierung vom Tisch. Doch Kunden und Geschäftspartner von Deutschlands größtem Geldhaus waren zeitweise massiv verunsichert, wie Bankchef John Cryan mit den jüngsten Quartalszahlen einräumen musste.

Seit Wochen versucht er nun, die Hypothekenstrafe herunterzuhandeln. Die Rückstellungen für die Affäre liegen Finanzkreisen zufolge nur bei umgerechnet etwa drei Milliarden Dollar. Der Ausgang ist ungewiss, selbst Experten tun sich mit einer Schätzung schwer. Die Ratingagentur Moody's hat aufgeschlüsselt, dass die Deutsche Bank bei verbrieften Hypothekenpapieren einst auf einen Marktanteil von 6,4 Prozent kam.

Das ist etwas weniger, als Goldman Sachs hatte - und der US-Erzrivale hat sich für rund fünf Milliarden Dollar verglichen. Die Deutsche Bank argumentiert zudem, einen Teil der Strafe für unsaubere Hypothekengeschäfte habe sie vor Jahren schon an andere US-Behörden gezahlt, das müsse jetzt auch angerechnet werden.

Imagetechnisch gibt es aber einen großen Nachteil für die Frankfurter: In einem vernichtenden Ermittlungsbericht des US-Senats aus dem Jahr 2011 wurden die Geschäftspraktiken der Deutschen Bank auf dem amerikanischen Häusermarkt in allen schmutzigen Details beschrieben.

Der Hauptvorwurf: Die Bank habe faule Hypothekenpapiere als sichere Anlagen an Kunden verkauft – und intern zugleich auf einen Absturz des Marktes gewettet. Im Fokus des Berichts stand der Händler Greg Lippmann. Er inspirierte Hollywood später zum Zockerfilm „The Big Short“.

Quelle:  Handelsblatt Online
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