Fensterhersteller Drutex: Guter Ausblick auf Deutschland

Fensterhersteller Drutex: Guter Ausblick auf Deutschland

, aktualisiert 05. Mai 2017, 10:40 Uhr
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„Wir denken über Übernahmen nach, etwa einer anderen guten Marke - für einen guten Preis.“

von Mathias BrüggmannQuelle:Handelsblatt Online

Der Fensterhersteller Drutex ist eines der wenigen polnischen Unternehmen, die in ihrer Branche dominieren. Deutsche Wettbewerber werfen den Polen Dumping vor, doch solche Angriffe wehrt der selbstbewusste Chef ab.

Berlin„Ihr seid zwei große Fußballstars. Aber wer von euch ist der Beste?“, fragt ein Junge die beiden Kicker-Ikonen Philipp Lahm und Andrea Pirlo. Und die zeigen dann gleich im Hörsaal ihre Tricks am Ball. „Große Champions haben eines gemeinsam - Fenster von Europas Marktführer Drutex“, sagt schließlich eine Stimme aus dem Off.

Der Vergleich mit den früheren Champions-League-Siegern Pirlo und Lahm gefällt Leszek Gierszewski, auch er sieht sich in Europas Königsklasse. Als eines der wenigen Unternehmen des Landes reicht die Bekanntheit des von ihm gegründeten Fensterherstellers Drutex weit über die Grenzen Polens hinaus, das Gastland auf der Hannover Messe in der vergangenen Woche war.

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Dabei ist Gierszewski nur durch Zufall zum Fensterbauer geworden: In den 1980er-Jahren - den vom Kriegsrecht überschatteten, schwärzesten Zeiten der kommunistischen Volksrepublik - begann der damalige Dozent an der Militärakademie mit der Produktion von Blumentöpfen. 1985 gründete er im heimischen Slupsk bei Danzig seine Firma Drutex, die Maschendrahtzäune und Fuchskäfige produzierte. „Mein Onkel hatte eine Landmaschinen-Firma in Bytow, und es gab dort viele Maschendrahtfirmen. Aber einen noch größeren Bedarf. Und da habe ich dann auch mit angefangen, das war mit einfachen Maschinen möglich und der Absatz sicher“, erinnert sich Gierszewski heute. Aber er habe dann „auf zwei Beinen stehen wollen“ und sich ein neues Geschäftsfeld gesucht.

„Die Idee zur Fensterproduktion kam mir, als ich beim Bau meines eigenen Wohnhauses versucht habe, gute Fenster in Polen zu bekommen. Beim Umschauen sah ich, dass es einfacher ist, an Maschinen zu kommen, und es leicht mit ihnen ist, Fenster selbst herzustellen“, erzählt Gierszewski. Dabei sei alles sehr schnell gegangen: An einem Donnerstag im Jahr 1994 habe er die Maschinen gesehen und am folgenden Montag schon gekauft. Die ersten Fenster habe er dann in sein Haus eingebaut, „und sie halten noch immer“. Den Namen Drutex - Drut heißt auf Polnisch Draht - behielt sein Unternehmen aber auch nach der Umorientierung der Produktion.

Und obwohl Drutex seit 2003 eine Aktiengesellschaft ist, ist es ein klassisches Familienunternehmen geblieben: Gründer Leszek Gierszewski besitzt nahezu 100 Prozent der Aktien und ist Vorstandsvorsitzender, seine Frau Grazyna Gierszewska ist Aufsichtsratschefin. Tochter Karolina Dobranowska ist stellvertretende Vorstandschefin, die Neffen Bogdan und Rafan Gierszewski sind als General Director beziehungsweise Vertriebsdirektor im Unternehmen. Nur Sohn Jakub ist nicht bei Drutex.

„Entscheidungen treffen wir oftmals innerhalb weniger Minuten, wir brauchen keine stundenlangen Diskussionen. Alles basiert auf Vertrauen, da mache ich mir auch für die Zukunft keine Sorge“, umschreibt Gierszewski senior das Betriebsklima. Und was die Nachfolge des 66-Jährigen angeht? Er lacht breit: „Ich fühle mich sehr gut und denke noch nicht darüber nach. Ich werde ja 120 Jahre alt.“ Er mache sich, „ganz ehrlich“, über seine Nachfolge keine Sorgen: „Denn alle, die dafür infrage kommen, arbeiten ja schon bei mir in der Firma, meine Tochter oder Bogdan, mein Neffe hier“, zeigt er auf den 43-Jährigen, den der Senior als seine rechte Hand auf alle Reisen mitnehme, „ist seit 18 Jahren im Betrieb“. Mit ihm zusammen entwickle er die Drutex-Strategie.


Für deutsche Wettbewerber ein Ärgernis

Und die lautet: Expansion. Nach dem Bau eines großspurig „Europäisches Bauelementezentrum“ genannten neuen Produktionsstandorts stellt Drutex auf über 90.000 Quadratmetern und mit inzwischen 2.800 Mitarbeitern täglich bis zu 7.000 Fenster her. 10.000 Stück am Tag sollen es bald werden. Damit sei Drutex einer der führenden Hersteller für Fenster in Europa. 72 Prozent der gefertigten Fenster, Türen und Rollläden gehen in den Export, der Großteil davon nach Deutschland, aber auch nach Italien, in andere EU-Staaten und in die USA.

Den Umsatz konnte Drutex binnen fünf Jahren von 326 Millionen Zloty im Jahr 2010 auf 620 Millionen 2015 - umgerechnet 145 Millionen Euro - fast verdoppeln. In zwei bis drei Jahren möchte Drutex einen Gesamtumsatz von einer Milliarde Zloty erwirtschaften. „Es gibt bei uns nur eine Bedingung: Jedes Jahr muss besser sein als das vorige. Dies ist eine goldene Regel, die seit Jahren Anwendung findet“, sagt Gierszewski. Die letzten verfügbaren Zahlen, von 2015, weisen zwölf Millionen Euro Gewinn aus. „Ich investiere die Gewinne in mein Unternehmen. Alles Geld geht in unsere Zukunft“, betont Gierszewski. In den letzten drei Jahren wurden über 50 Millionen Euro investiert in die Erweiterung der Anlagen - „ohne einen Cent von der EU“.

Das aber bestreiten deutsche Wettbewerber. Ihnen sind die Fensterbauer in Polen, dem größten Empfängerland von EU-Fördergeldern, längst ein Ärgernis, da die dort aufgebauten Fertigungskapazitäten mehr als viermal so hoch sind wie Polens Bedarf an Fenstern. „Nur und ausschließlich der Preis“ sei der Grund für Drutex' Erfolge, meint Ulrich Tschorn, Geschäftsführer des Verbandes Fenster und Fassaden in Frankfurt. „Wer in Deutschland Fenster braucht, soll sie in Deutschland kaufen, sonst muss er bei Reklamationen Polnisch lernen.“ Es ist der alte Vorwurf: Nur wegen niedriger Löhne seien Unternehmen aus Osteuropa konkurrenzfähig.

Dem widersprechen Gierszewski und sein Neffe, Drutex-Produktionschef Bogdan Gierszewski: Wenn Drutex Dumping betreiben würde, schriebe die Firma nicht seit Jahren steigende Gewinne. „Unser Vorteil ist, dass wir alles in einer Hand haben: Kunststofffertigung, Profilherstellung, die Herstellung von Ummantelungen und die Produktion von Isolierglas.“ Wegen der großen Produktionskapazität könnten alle Bestellungen innerhalb von zwei Tagen abgearbeitet und dank des eigenen, 250 Mercedes-Lkw umfassenden Fuhrparks sieben Tage nach Auftragseingang alle Fenster beim Kunden sein. Und höchste Qualität sei garantiert: „Bisher kommen die meisten Maschinen aus Deutschland oder Österreich. Aber inzwischen haben wir so viel Erfahrung, dass wir auch die Maschinen selbst bauen.“

Ist Drutex bisher vor allem mit Produkten westwärts expandiert, so plant Gründer Leszek Gierszewski nun auch anders den Weg nach Mitteleuropa: „Wir denken vor allem über Übernahmen nach, etwa einer anderen guten Marke - für einen guten Preis“, erzählt der Chef, der seine Fenster von den drei Fußballexperten für Präzision (Lahm), Eleganz (Pirlo) und Zuverlässigkeit (Jakub Blaszczykowski vom VfL Wolfsburg) bewerben lässt. „Aber bisher haben wir nichts Geeignetes gefunden, obwohl wir regelmäßig Angebote bekommen.“

Quelle:  Handelsblatt Online
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