Herr Neske, freut es Sie, wenn auch Politiker jetzt endlich entdecken, dass die Rente keineswegs sicher ist?
Öffentliche Aufklärung ist absolut notwendig, aber Panikmache hilft niemandem. Politiker oder Wissenschaftler, die jetzt die Angst vor der Altersarmut anheizen, erreichen das Gegenteil von dem, was sie als Ziel vorgeben. Vor lauter Panikmache fallen viele Menschen in eine Schreckstarre oder sie glauben, für Vorsorge sei es zu spät und handeln gar nicht. Das ist menschlich, aber bei der Altersvorsorge fatal. Es ist allemal besser und auch möglich, mit kleinen Beiträgen vorzusorgen.
Politiker fordern eine zusätzlichen private Pflichtvorsorge. Ist das die Lösung?
Nein, um es allen recht zu machen, bräuchten wir wieder Sonderregeln und bekommen eine höhere Komplexität. Noch mehr staatliche Regulierung brauchen wir aber sicher nicht. Wenn wir das Rentenproblem lösen wollen, müssen wir die Diskussion über hohe Arbeitskosten führen: Werden Jobs mit weniger Nebenkosten belastet, entstehen neue Arbeitsplätze, dann fließen mehr Beiträge in die Rentenversicherung.
Bisher sind staatlich flankierte Modelle wie die Riester- und die Rürup-Rente keine Erfolgsstorys.
Man hätte die Menschen nach ihren Wünschen fragen müssen. Mit der Riester-Rente hätte man es klüger anfangen können. Ein Produkt muss in der Kundenberatung erklärbar und verkaufbar sein und dies war die Riester-Rente zu Anfang nicht. Oft führen staatlich konfigurierte Produkte zu einem unüberschaubaren Geflecht aus Förderung und Regulierung. So setzt der Staat Marktmechanismen außer Kraft. Aber die inzwischen vereinfachte Riester-Rente hat Zukunft, und die Rürup-Rente ebenso.
Vom Milliardenmarkt Altersvorsorge wollen die Banken ein größeres Stück. Die Deutsche Bank baut noch einmal 6400 Stellen konzernweit ab, stockt aber um 750 Privatkundenbetreuer auf. Das Geschäft scheint lukrativ zu sein. Was bekommt ein Kunde bei einer Bank, was ihm eine Versicherung nicht böte?
Mehr Produktauswahl zum Beispiel: Aktien, Renten, Fonds und betriebliche Vorsorgemodelle. Und komplexe Beratung, die alle internationalen Anlagemöglichkeiten vom Festgeld bis zu Derivaten umfasst.
Aber leider sind die Deutschen bei Aktienanlagen ein einig Volk gebrannter Kinder.
Wir Deutsche neigen zu Extremen. Dabei ist unbestritten, dass nur die langfristige Teilhabe an den Kapitalmärkten für genügend Rendite sorgt. Auch da spielt Psychologie eine Rolle: Bei uns ist die Skepsis zu Unrecht viel größer als im Ausland.
Welche Fehler beobachten Sie am häufigsten beim Thema Altersvorsorge?
Zum einen die unglaublich hohe Barriere für manche, mit einem Berater konkret die persönliche Situation durchzugehen. Ist das Thema erst mal gedanklich strukturiert und eine Entscheidung getroffen, fühlt sich mancher wie befreit. Zum anderen legen sich viele zu schnell auf einzelne Vorsorgeprodukte fest, statt einen Check über die gesamte finanzielle Lage und mögliche Risiken zu machen. Ein Viertel aller Arbeitnehmer wird beispielsweise berufsunfähig: Wer dann eine Familie, aber keine Berufsunfähigkeitsversicherung hat, ist wirklich arm dran. Manchmal kann ich mich nur wundern: Viele Menschen studieren monatelang Prospekte und besuchen Autohäuser, um einen Wagen zu finden, das machen die Leute bereitwillig. Aber Zeit, um sich selbst und die Familie abzusichern, nehmen sich viele nicht. Und noch was: Viele legen sich ihre Finanzplanung nicht alle paar Jahre auf Wiedervorlage.
Und welche Fehler machen die Banken?
Die können sich auch verbessern: Offen auf die Kunden zugehen, sie nicht mit Fachchinesisch überfordern und sich stärker gesellschaftspolitisch äußern. Wir können unseren Beitrag leisten – nicht marktschreierisch, aber als Teilhaber der Gesellschaft.
Wo bleibt da die vornehme Zurückhaltung der Deutschen Bank?
Wir sind schon lange aktiv, kooperieren mit Universitäten, unterstützen Schulen, fertigen Studien, laden zu Symposien. Aber zur modernen Bank gehört es, sich in gesellschaftliche Diskussionen einzubringen und, wenn notwendig, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
anke.henrich@wiwo.de



















