
Nummer 60 Wall Street ist 227 Meter hoch und rangiert damit auf Platz 23 der Wolkenkratzer von Manhattan. Nichts Besonderes also. Für Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist der wuchtige, im griechisch-neoklassischen Stil gebaute und mit moderner Kunst vollgestopfte Komplex ein Geschenk des Himmels. 2001 kaufte er das Gebäude für 600 Millionen Dollar, in diesem Jahr stieß er es für mehr als eine Milliarde wieder ab. Mit dem Gewinn, im letzten Quartal umgerechnet rund 200 Millionen Euro, kann er seine von den Folgen der Finanzkrise in Mitleidenschaft gezogenen Quartalszahlen aufhübschen. Dass er in Zukunft Miete überweisen muss – wen kümmert das heute schon. Die Anleger schluckten den Brocken, die Deutsche-Bank-Aktie stieg; und mit ihr der Dax. Ist die von den US-Immobilienmärkten ausgehende Finanzkrise schon ausgestanden? Oder haben die Aktienmärkte jeden Bezug zur Realität verloren? Eine Mehrheit der Anleger konzentriert sich zur Zeit auf die positiven, Erleichterung versprechenden Faktoren. Bedrohliches, das nach wie vor unter der Oberfläche lauert, wird hintenan gestellt. Börsen können sich an schlechte Nachrichten gewöhnen. „Der Keimherd der Infektion, also die Krise der US-Subprime-Hypothekenkredite, hat sich zwar verschärft. Aber die Immobilienkrise in den USA schwelt schon über ein Jahr, ist also kein brandneues Phänomen“, sagt Dennis Nacken, Kapitalmarktexperte von Allianz Global Investors in Frankfurt. Und hofft: „Immer noch begrenzt sich die Krise weitestgehend auf den Finanzsektor.“ Und dem traut die Börse wohl zu, damit fertig zu werden. So zog auch die Aktie der Schweizer UBS an, obwohl die Bank gerade den ersten Quartalsverlust seit neun Jahren meldete. Vier Milliarden Franken muss sie auf marode Hypothekenpapiere abschreiben. Bankchef Marcel Rohner feuert 1500 Leute, allen voran den Finanzchef und den obersten Investmentbanker. „Ich musste bitter lachen“, sagt Gérard Piasko, Chef-Aktienstratege der Bank Julius Bär in Zürich: „Da sind Riesenfehler passiert, aber der Markt sagt, alles wird gut.“ Gerald Blank, Geschäftsführer von Blank Asset Managers in München, ist misstrauisch: „Die Credit Suisse kommt mit einem Rekordergebnis, bei UBS rollen Köpfe. Waren die beiden Banken so unterschiedlich positioniert? Wem soll man glauben?“ Sein Fazit: „Die Banken wissen immer noch nicht, welche Leichen in ihren Kellern liegen und nehmen es mit der Bewertung nicht so genau“. Banken bewerten angeschlagene Papiere in ihren Portfolios angeblich zu Marktpreisen („mark to market“). Doch Skeptiker zweifeln diese an, weil zur Zeit in vielen Papieren kaum Handel stattfindet. „Echte Geldkurse, die ein Käufer sofort bezahlen würde, sind das nicht“, vermutet Blank. „Aber die Hauptsache ist offenbar, dass Aktien nicht weiter fallen und man Zeit gewinnt“. Für Piasko ist die Finanzkrise deshalb noch nicht ausgestanden: „Die berichteten Bewertungen können sich noch ändern.“ Klarheit gibt es wohl erst im Frühjahr 2008: „Erst wenn wir die testierten Bilanzen der Kreditinstitute sehen, wird den schwarzen Schafen das Fell geschoren“, sagt Nacken von der Fondsgesellschaft der Allianz. Bei der Deutschen Bank stieß sich kaum ein Investor daran, dass die Zahlen nur oberflächlich gut sind. In den vergangenen Wochen hatte Ackermann nur Andeutungen über Verluste, nicht jedoch über deren Höhe gemacht. Die Spekulation wucherte. Allein im Geschäft mit fremdfinanzierten Übernahmen schätzten Analysten den Abschreibungsbedarf auf 1,7 Milliarden Euro. In diesem Bereich rechnet die Bank nun mit Belastungen von 700 Millionen Euro. Bei ihrem derzeitigen Bestand von 29 Milliarden Euro entspricht das einem Abschlag von 2,4 Prozent. Das scheint wenig, denn aktuelle Kreditpakete, etwa aus dem Verkauf des IT-Dienstleisters First Data an Finanzinvestor KKR, reichten die Banken mit Abschlägen von gut vier Prozent weiter. Hat die Deutsche wirklich so viel besser verkäufliche Kredite?
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Am angepeilten Jahresergebnis von 8,4 Milliarden Euro vor Steuern hält Ackermann fest. Allerdings unter der Einschränkung „funktionierender Märkte.“ Die Analysten von JP Morgan halten die 8,4 Milliarden deshalb für „unrealistisch“. Trotz der verbliebenen Unklarheit – vor allem: Wann und wie lange werden die Kreditmärkte „funktionieren“ – trieben die Zahlen der Finanzwerte eine Erleichterungsrally im Dax. Binnen vier Wochen legte er um sechs Prozent zu, tastet sich wieder an die Marke von 8000 Punkten heran. Krisen sehen anders aus. Viele Profis, die sich in den vergangenen Wochen abgesichert hatten, indem sie auf fallende Kurse wetteten, mussten ihre Sicherungspositionen eindecken, damit ihre Verluste nicht aus dem Ruder liefen. Short-Squeeze heißt so etwas im Börsenjargon: Die Bären, die niedrigere Kurse befürchten, werden aus dem Markt gedrückt. „Den vorsichtigen Investoren werden ihre Absicherungen um die Ohren fliegen, und die meisten werden genau dann nicht mehr abgesichert sein, wenn die Kurse richtig fallen“, erwartet Fondsmanager Blank. Die US-Börsen markierten bereits wieder Allzeithochs. Der schwache US-Dollar, der deutschen Unternehmen zunehmend Probleme bereitet, verschafft den US-Unternehmen auf den Weltmärkten Wettbewerbsvorteile. Sie können billiger anbieten und verdienen besser. „Die 300 größten US-Unternehmen machen gut 40 Prozent ihrer Umsätze außerhalb der USA“, sagt Nacken. „Sie profitieren massiv von der Globalisierung“. Die Gewinne der US-Unternehmen außerhalb des Finanzsektors sind robust, das treibt die Kurse. Weil deutsche Anleger traditionell auf die Wall Street schauen, werden deutsche Aktien mitgezogen.








