
"Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen", bekennt Sun Wenjie, Vorstandschef der Baufirma China State Construction, als er heute Morgen die Shanghaier Börse betritt. Sun ist gekommen, um den Börsengang seines Unternehmens zu feiern.
Der Mann ist sichtlich aufgeregt, denn es ist das weltweit größte IPO seit März vergangenen Jahres. Die Ausgabe der Aktien in der vergangenen Woche hatte rund 5,1 Milliarden Euro in die Kassen von China State Construction gespült.
Zunächst läuft alles nach Plan. In den ersten Handelsminuten steigt der Kurs der Aktie um rund 90 Prozent. Sun: „Ich bin sehr glücklich mit dem Eröffnungskurs.“
Doch am Ende des Handelstages verzeichnet das Papier ein Plus von "nur" 50 Prozent – für chinesische Verhältnisse eine Enttäuschung. Beim Börsengang des chinesischen Autobahnbetreibers Sichuan Expressway an Montag dieser Woche konnten sich die Anleger am Ende des Tages noch über einen Kurszuwachs von mehr als 200 Prozent freuen.
Prompt ging der Shanghaier Aktienindex heute mit einem Minus von fünf Prozent aus dem Handel.
Anleger blicken skeptisch auf chinesische Aktien
Die Skepsis der chinesischen Anleger hat einen einfachen Grund: Sie fürchten, die Regierung könnte die Rallye an den chinesischen Börsen schon bald durch eine Einschränkung der Kreditvergabe und eine rigidere Geldpolitik beenden. „Spekulationen, die Zentralbank könnte Schritte unternehmen, die Liquidität zu drosseln, haben die Märkte in Sorge versetzt“, sagt Gabriel Gondard, stellvertretender Chief Investment Officer bei Fortune SGAM Fund Management.
Seit Jahresanfang haben die Börsen in China um 80 Prozent zugelegt. Seit dem Tiefststand im November liegen sie sogar bei 100 Prozent im Plus.
Ursache für den starken Anstieg ist weniger der Glaube daran, dass China die Krise dauerhaft überwunden habe und die Wirtschaft des Landes wieder auf solidem Fundament stehe, sondern vielmehr die massive Ausweitung der Liquidität.
Als Ende vergangenen Jahres klar wurde, dass das Reich der Mitte, anders als zunächst angenommen, sehr wohl von der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen ist, gab die Kommunistische Partei (KP) ihren Staatsbanken eine Anweisung: Sie mögen bitteschön den Kredithahn aufdrehen, und zwar recht weit.
Chinas Firmen und Lokalregierungen, so das Kalkül der KP, sollten in neue Fabriken, Bahnhöfe, Straßen und Flughäfen investieren, um die Folgen der Krise zu mildern.
Die Banken ließen sich nicht lange bitten: In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gaben sie etwa 760 Milliarden Euro an neuen Krediten aus, doppelt so viel im Vorjahreszeitraum. Die Summe entspricht in etwa einem Viertel der chinesischen Wirtschaftsleistung im ersten Halbjahr 2009.
Etwa 20 Prozent der Kredite, die größtenteils an staatliche Unternehmen und Behörden gingen, flossen, chinesischen Schätzungen zufolge, direkt in die Aktienmärkte statt in Infrastruktur und Fabriken. Mit weiteren 30 Prozent, so Schätzungen eines Analysten aus Hongkong, haben die Staatsfirmen an den Immobilien- und Rohstoffmärkten spekuliert.
So hat etwa ein Manager eines Staatsunternehmens kurzfrisitg 40000 Tonnen Nickel gekauft und wenige Tage später, als der Preis gestiegen war, wieder verkauft. „Chinas wirtschaftliche Erholung findet auf dem Rücken eines verwilderten Bankensystems statt“, kritisiert Derek Scissors, Chinaexperte bei der Washingtoner Heritage Foundation, die mangelhafte Finanzaufsicht.
Chinas Regierung will den jüngsten Aufschwung nicht vorzeitig abwürgen
Angesichts solcher Exzesse wächst in der chinesischen Regierung der Unmut.
Am Montag warnten Bankenaufsicht und Zentralbank, man wolle den Kreditinstituten in Zukunft stärker auf die Finger schauen. Neue Kredite müssten in die Realwirtschaft fließen und dürften nicht zur Spekulation an Aktien- und Immobilienmärkten missbraucht werden.
Privatanalysten wie Jun Ma von der Deutschen Bank in Hongkong und Wang Tao von UBS in Peking weisen schon seit längerem daraufhin, die massive Ausweitung der Kreditvergabe sei im zweiten Halbjahr nicht durchzuhalten.
Mit Zinserhöhungen in den kommenden Monaten rechnen sie gleichwohl nicht.
Chinas Regierung, heißt es, wolle den jüngsten Aufschwung nicht vorzeitig abwürgen.














