WirtschaftsWoche: Herr Bilgri, kaufen Sie Aktien? Bilgri: Selbstverständlich. Das tun übrigens auch viele kirchliche Einrichtungen. Haben Aktionäre gesellschaftliche Verantwortung? Jeder, der Vermögen hat, hat auch Verantwortung für die Gesellschaft, in der er lebt. Also darf ich nicht Aktien von jedem Unternehmen kaufen? Beachten Sie die goldene Regel, das älteste und simpelste moralphilosophische Instrument überhaupt: Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu. Ein Unternehmen, in das ich investiere, sollte die Unantastbarkeit und die Würde des Menschenlebens akzeptieren. Das ist eine der letzten Bastionen, auf die man sich in einer postchristlichen Gesellschaft zurückziehen kann. Es gibt Anleger, die bewusst in Alkohol-, Tabak- und Rüstungsaktien investieren, weil die besser laufen als andere Papiere. Ob man diese Aktien kauft, hängt vom Wertesystem des Einzelnen ab. Eindeutig Gut und Böse gibt es nicht. Ich rauche gern Zigarren, trinke gelegentlich Alkohol und war 20 Jahre Chef einer Brauerei. Wenn ich strikter Nichtraucher und Alkoholgegner wäre, würde ich diesen Unternehmen kein Kapital geben. Waffen sind auch ein zweischneidiges Thema. Die Bundeswehr hat ohne Zweifel einen Verteidigungsauftrag, den sie nur mit Waffen erfüllen kann. Die müssen gebaut werden. Einen Marktmechanismus, mit dessen Hilfe Anleger gute Unternehmen honorieren und moralisch verwerfliche bestrafen, gibt es nicht. Aber über ihre Nachfrage können Anleger schon Druck ausüben. Wenn Fondsgesellschaften das Signal bekommen, dass Anleger zu ethischen Investments umschwenken, werden sie neue Produkte auflegen. Der kleinste Schritt zu mehr Verantwortung zählt. Es gibt immer mehr Möglichkeiten, verantwortlich zu investieren. Ökofonds oder Nachhaltigkeitsfonds bringen schon heute bemerkenswerte Renditen. Trotzdem interessieren vor allem Zahlen. Geld verdienen ist an der Börse Selbstzweck. Ist das ethisch ein Problem? Erst mal nicht. Ein Problem wird es nur, wenn Sie nichts Vernünftiges mit dem Geld machen. Geld soll zur Sinnstiftung des Menschen beitragen, hat also nur dienende Funktion. Wir lassen uns leider zu leicht vom Geld beherrschen. Finanzinvestoren, die bei ihren Investments rabiat vorgehen, spenden bei Wohltätigkeitsveranstaltungen und über eigene Stiftungen Millionenbeträge. Kann ich als Anleger mein schlechtes Gewissen beruhigen, indem ich einen Teil meiner Gewinne an Brot für die Welt und SOS Kinderdorf spende? Spenden ist immer gut. Auf Dauer funktioniert ein solcher Ablasshandel aber nicht. Wichtigster Grundsatz für ein erfülltes Leben ist, dass ich authentisch und aufrichtig handle. Wenn ich munter gegen mein eigenes Gewissen drauflos spekuliere – offensichtlich rührt sich das Gewissen ja, wenn ich Spenden als Krücke brauche –, dann ist das unehrlich. Seine ethischen Grundsätze sollte man in allen Lebensbereichen durchsetzen. Wie kann ich das an der Börse tun? Im Auge behalten, in was ich investiere. Vor allem Anonymität sprengt die ethisch-moralischen Grenzen, die man sich gesetzt hat. Überall, wo wir Entscheidungen anonymisieren, werden deren Konsequenzen nicht sichtbar. Ein US-Rentner würde womöglich lieber auf die letzten Pünktchen Rendite verzichten als dazu beizutragen, dass sein Private-Equity- oder Hedgefonds in Europa Unternehmen ausplündert und Arbeitsplätze verschwinden lässt. Also lieber Unternehmen aus der näheren Umgebung kaufen, die man kennt? Ein breit gestreutes Portfolio kann man so nicht aufbauen. Aber trotzdem auf Sicht von mehreren Jahren erfolgreich investieren. Ich verstehe die Produkte, kenne im Idealfall Menschen, die dort arbeiten. Wenn es mal Probleme gibt, springe ich nicht so schnell ab, sondern toleriere ein Jahr schwächere Zahlen und profitiere umso mehr, wenn die Zahlen im folgenden Jahr besser sind. Schnelle Spekulationsgewinne sind da aber nicht drin. Warum muss es denn unbedingt schnelles Geld sein? Ich kenne Börsensüchtige, die frühmorgens den Rechner anwerfen, um dann mit Papieren zu jonglieren. So etwas ist gefährlich und verdirbt den Charakter. Außerdem sind diese Anleger selten erfolgreich. Darf ich überhaupt nicht spekulieren? Börse ist doch kein Spiel. Hinter den Aktien stehen Unternehmen, Arbeitsplätze, Existenzen. Es ist besser, zu investieren, anstatt zu zocken. Wer investiert, am besten generationenübergreifend, übernimmt Verantwortung, sowohl für sein Geld als auch für das Projekt. Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn meine Aktie ihren Kurs innerhalb von einem Jahr verzehnfacht? Nein, Sie dürfen sich freuen, denn in der Regel werden Sie dafür zuvor ein hohes Risiko eingegangen sein. Die Gegenleistung stimmt dann.
Anselm Bilgri im Interview: „Letzte Bastion“
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