Bilanzregeln: Deckmantel für schlechte Zahlen

Bilanzregeln: Deckmantel für schlechte Zahlen

Banken rufen nach neuen Bilanzregeln, die ihre Fehlinvestitionen verdecken sollen.

Rund 200 Milliarden Dollar Abschreibungen haben Banken weltweit bisher in ihre Bilanzen gebucht. Auf der Suche nach den Schuldigen für das Jahrhundert-Desaster sind die Banker in den eigenen Reihen nicht fündig geworden, bisher jedenfalls. Erst sollten vermeintlich irrationale Marktturbulenzen schuld an der Misere sein. Dann stellten die Banker die Ratingagenturen an den Pranger, die Bestnoten für obskure Papiere vergeben hatten. Beide Schuldzuweisungen funktionierten nicht so recht – darum haben die Banker jetzt eine neue Variante ersonnen: Die Bilanzregeln seien an der Verschärfung der Krise schuld, so die plötzliche Idee; prominent platziert in Artikeln großer Wirtschaftszeitungen und von US-Bankern längst wichtigen Politikern wie dem Vorsitzenden des Finanzdienstleistungsausschusses im US-Repräsentantenhaus, Barney Frank, eingeflüstert. Demokrat Frank, die für den US-Wahlkampf wichtige Wall Street im Hinterkopf, will nun die Bilanzregeln „neu überdenken“. Dabei „sind die Vorschriften sicher nicht Ursache der Krise“, sagt Isabel von Keitz, Professorin für Internationales Rechnungswesen an der Uni Münster.

Die geltenden Regeln schreiben vor, Bilanzposten möglichst nah am aktuellen Marktwert oder -preis zu bewerten. Das führte in den vergangenen Jahren zu steigendem Bilanzvermögen und vorher nie gekannten Gewinnen der Banken, da die Kurse von nahezu allen Anlagen wie Anleihen, Aktien oder eben auch von komplizierten Produkten auf Hypothekenkredite und andere verbriefte Schulden in die Höhe gingen.

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Weidlich nutzten die Bankchefs die Regeln der marktnahen Bewertung aus und bauschten so ihre Gewinne auf. Nun, da die Kurse in die Knie gehen, müssen die Banken eben regelkonform entsprechende Abschreibungen vornehmen. Wo es keinen Preis gibt, weil viele Papiere in der Finanzkrise nicht gehandelt werden, wird der Wert der Anlagen geschätzt. Das Problem: „Bei den Banken geht mit der marktnahen Bewertung nun das Eigenkapital zurück, deshalb müssen sie die Kreditvergabe teilweise einschränken“, so Bernhard Pellens, Professor für Internationale Unternehmensrechnung an der Ruhr-Uni Bochum.

Schätzungen führen dabei naturgemäß zu unterschiedlichen Bewertungen. Analysten des Londoner Dienstleisters CreditSights haben Bilanzen verglichen und ermittelt, dass beispielsweise die Royal Bank of Scotland, Barclays und die Société Générale strukturierte Papiere nur zu 30 Prozent abgewertet haben, während die belgische Fortis gleich 45 Prozent abschrieb. Bestimmte vergleichbare Tranchen dieser Papiere wertete die eine Bank um 20, die andere gleich um 80 Prozent ab.

Banker wie Gunter Dunkel, Vorstand bei der Nord/LB, fordern jetzt, mitten im Spiel die Regeln zu ändern und die in vergangenen Jahren so gewinngünstige Methode der marktnahen Bewertung „zu überprüfen, bevor die Risse in der Finanzarchitektur irreparabel werden“. Auch Ex-Bundesbankpräsident Hans Tietmeyer will mehr Bewertungsspielraum bei der Bilanzierung.

Eine Neuregelung, die aber marktnahe Abschreibungen zunächst vermeidet, könnte dazu führen, dass Hoffnungswerte bilanziert werden, die bei weiter schwachen Märkten früher oder später dann zu umso größeren Verlusten und zu noch mehr Pleiten führen könnten.

Der Ruf nach solchen neuen Regeln, löst deshalb in der Fachwelt Stirnrunzeln aus. „Mit der marktnahen Bewertung sind die Gewinne in guten Phasen an den Märkten ja auch nach oben gegangen, da hat niemand protestiert“, sagt Hans-Joachim Böcking, Professor für Wirtschaftsprüfung an der Uni Frankfurt. „Jetzt, wo es bergab geht, werden lediglich frühere Fehlinvestitionen der Banken aufgedeckt“, sagt Böcking. Der Experte hält die Debatte „für eine Scheindiskussion“, die „von interessierter Seite“ angestoßen worden sei: „Offensichtlich wird versucht, Druck auf die Wirtschaftsprüfer auszuüben.“ Die sollen wohl bei Abschreibungen eher gnädig vorgehen.

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