Börse: Chinas Märkte auf Tauchstation

Börse: Chinas Märkte auf Tauchstation

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Börse Shanghai: Chinas Kräfte entwickeln sich unabhängig vom Aktienmarkt

Der Börsencrash in China spiegelt die Krise des Systems. Der planwirtschaftliche Kapitalismus stößt an seine Grenzen – mit ihm die Aktieneuphorie.

Schön ist es nicht, im Haus Nummer 729, Guangdonglu, Shanghai. Bleiches Neonlicht, ungefegter Steinboden, montierte Plastikstuhlreihen – eine Mischung aus Wartesaal und Bahnhofskino. Obwohl sich hier alle schon seit Wochen im falschen Film wähnen, kommen sie doch fast jeden Tag her, in den Handelsraum des Brokerhauses Shenyin & Wanguo Securities, starren auf die Anzeigetafel mit den Leuchtdioden, 2 mal 15 Meter groß, grün für Minus, rot für Plus, machen sich Notizen, schütteln ihre Köpfe: Frau Zhang, Herr He, Frau Gu. „Es ist ein Albtraum“, sagt Frau Zhang. „Jeder Tag ein Desaster“, sagt Herr He. „Wann hört es endlich auf?“, fragt Frau Gu.

Die Frage, wann es endlich aufhört, mit den schier endlos fallenden Kursen, plagt nicht nur die Chinesen selbst. Auch Ausländer haben an den Inlandsbörsen Shanghai und Shenzhen mehrere zehn Milliarden Dollar angelegt – exakte Zahlen gibt es nicht.

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Viele Milliarden davon sind schon wieder futsch: Mehr als 20 Prozent hat Chinas Leitindex, der Shanghai Composite, allein im Juni verloren, 45 Prozent in diesem Jahr, 55 Prozent seit seinem Höchststand im Oktober 2007. Es gibt weltweit keine Börse eines halbwegs entwickelten Landes, die zuletzt schlechter gelaufen wäre; der Monatsumsatz an der Börse Shanghai hat sich von 212,5 Milliarden Yuan (19,7 Milliarden Euro) im Mai 2007 auf 98,6 Milliarden Yuan im Mai dieses Jahres mehr als halbiert; die Aktien von 114 Unternehmen sind unter ihren Ausgabepreis zum Börsengang gefallen, darunter Schwergewichte wie Petrochina, China Coal Energy und China Construction Bank.

Was also tun? Frau Zhang, 50, will stoisch bleiben. Sie hält Anteile an drei Stahlkonzernen und will die Misere durchstehen. Herr He, 75, hat die Hälfte seines Vermögens in kleine Privatunternehmen gesteckt, 80 Prozent seines Investments abgeschrieben und wird erst wieder einsteigen, wenn es mal wieder zwei Wochen bergauf gegangen ist. Frau Gu, 54, will einen Schlussstrich ziehen, ihre Anteilsscheine verkaufen, so oder so, am 8.8.2008, „weil die Acht Glück und Reichtum verspricht“.

Chinas Börsen sind Zockerstätten, nicht Marktbarometer

Vielleicht ist das die beste Lösung. Noch immer sind die Börsen in China weit davon entfernt, ein echtes Marktbarometer zu sein: Sie sind vielmehr Zockerstätten für Kleinanleger, anfällig für staatliche Eingriffe, pathologisch in Überschwang und Panik. In Wahrheit ist die ökonomische Bedeutung der Börsen in Shanghai und Shenzhen so gering, dass die immense Kapitalvernichtung seit Januar keinen Einfluss auf die Realwirtschaft hat. Im Gegenteil: Chinas Wachstum bleibt intakt, gerade weil es sich auf Kräfte jenseits der Börse stützt. Und gerade deshalb beunruhigen die Verluste nicht, weil weder eine vitale Finanzindustrie davon betroffen wäre, noch Privatanleger sich je Vermögensillusionen hingegeben hätten: Anders als die Amerikaner haben sich die Chinesen in der Hausse nie reich genug gefühlt, nie ihr strenges Spar- und Konsumverhalten gelockert.

Wenn die Börsen aber in China kein Marktbarometer sind, kein primäres Finanzierungsinstrument für Unternehmen, kein Motor für Investitionen und Innovationen – was sind sie dann? Nun, sie sind viel mehr und viel weniger zugleich: Sie sind das Abziehbild des chinesischen Entwicklungsmodells, der Durchschlag seiner strukturellen Mängel. Tatsächlich spiegelt die Krise der chinesischen Finanzmärkte nicht weniger als die Krise des Systems. Der planwirtschaftliche Kapitalismus stößt an seine Grenzen. Die nächsten zwei, drei Jahre werden es erweisen: Befreit die Kommunistische Partei (KP) die Börsen nicht von ihren Fesseln, gefährdet sie ihre Wirtschafts- und Wachstumsziele; entbindet sie die Märkte, erleidet sie schwere Kontrollverluste. Viel steht auf dem Spiel, der Ausgang ist ungewiss – das ist der eigentliche Grund, warum die Märkte auf Tauchstation gegangen sind.

Weil die Partei es so will

Zunächst: Die Marktkapitalisierung der in Shanghai und Shenzhen gelisteten mehr als 1000 Unternehmen beträgt derzeit umgerechnet 2700 Milliarden Dollar – oder bereits ein knappes Sechstel der US-Aktienmärkte, die gut 15.000 Milliarden Dollar schwer sind. Jedoch tragen vor allem Schwergewichte wie China Life, Bank of China oder die Industrial and Commercial Bank zur inzwischen beachtlichen Kapitalisierung bei. Aber: nur wenige freie Stücke sind im Handel; die meisten Papiere befinden sich in der Hand der Kommunistischen Partei. Handelbar sind nur etwa ein Fünftel der Aktien oder rund 500 Milliarden Dollar – was lediglich einem Prozent aller weltweit kapitalisierten Aktien entspricht.

Der Grund: Die chinesische Wirtschaft ist überwiegend banken-, nicht börsenfinanziert. Weil die Partei es so will. Sie glaubt: Nur wenn China Inc. auch in Zukunft aus Staatsfirmen besteht, die nicht nur unternehmerische, sondern auch sozial-, arbeitsmarkt- und sicherheitspolitische Aufgaben erfüllen; nur wenn Investitionen der Unternehmen von Staatsbanken zu verordneten Konditionen finanziert werden, kann sie die Zügel in der Hand behalten.

Tatsächlich aber ist mit dem Übergang Chinas vom Entwicklungs- zum hochdynamischen Schwellenland das Gegenteil der Fall: Nur wenn die Partei die Zügel schleifen lässt, wird ein modernes China seine Kräfte entfalten können.

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