Börse: Globaler Teufelskreis

Börse: Globaler Teufelskreis

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Stufe für Stufe nach oben

Das Börsenbeben droht den weltweiten Abschwung zu beschleunigen. In Deutschland stehen Wirtschaft und Arbeitsmarkt auf der Kippe. Jetzt rächt sich: Die Bundesregierung hat das Haus nicht wetterfest gemacht.

In der 215-jährigen Geschichte der New York Stock Exchange haben die Händler schon viel erlebt. Mit dem Wort historisch gehen sie in der Hauptstadt des Geldes deshalb vorsichtig um. Doch der vergangene Dienstag wird in die Börsenbücher eingehen. Mehr als 1100 Aktien markierten historische Kurstiefs. Das gab es in den vergangenen 40 Jahren nur viermal: Im Mai 1973, im Oktober 1987, im August 1998 und im vergangenen August, als die Finanzkrise mit erster Wucht zuschlug.

Was zunächst nur die Börsianer beschäftigte, hat eine weit größere Dimension: Trotz der Zwischenerholung vom vergangenen Donnerstag könnte das Aktienbeben die Abwärtsspirale der globalen Wirtschaft erst so richtig in Schwung bringen. Denn bisher waren, ausgehend von Amerika, nur die Immobilienmärkte betroffen: Unternehmen konnten sich an der Börse frisches Geld holen, sollten die von der Immobilienkrise gebeutelten Banken die Zinsen weiter in die Höhe treiben, und Hauseigentümer konnten sich mit einem Blick in ihr Aktiendepot trösten, wenn ihre Immobilie an Wert verlor.

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Damit ist jetzt Schluss. „Ein breiter Rückgang aller Vermögenswerte könnte Investitionen und Konsum in den Industrieländern stark belasten“, fürchtet Thomas Mayer von der Deutschen Bank in London.

Berlin: Auch Deutschland könnte sich dem nicht entziehen. Zwar kann hierzulande keine Immobilienblase platzen, weil es keine gibt. Aber wegen der noch immer schwachen Inlandsnachfrage hängt das Wachstum noch viel zu stark am Tropf der Weltwirtschaft. Sollten die Börsen noch einmal um zehn Prozent nach unten krachen, schätzt Andreas Rees von UniCredit, würde dies in Deutschland 0,5 Prozentpunkte Wachstum kosten. Statt um 1,7 Prozent, ohnehin schon wenig, würde die Wirtschaft dann nur noch um 1,2 Prozent zulegen. Noch glaubt Rees nicht, dass es so schlimm kommt. Aber „in diesen Tagen muss man in Risikoszenarien denken“, sagt er.

Im Berliner Regierungsviertel ist davon anscheinend noch nicht viel angekommen: Viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, probt die große Koalition die große Realitätsflucht. Zwar hat Bundeswirtschaftsminister Michael Glos seine Wachstumsprognose für 2008 im neuen Jahreswirtschaftsbericht von 2,0 auf 1,7 Prozent gesenkt, darin aber das Börsengeschehen der vergangenen Woche nicht ausreichend berücksichtigt. Während das sogenannte Wirtschaftskabinett am vergangenen Montag letzte Hand an den Bericht legte, kursierte allerdings bereits eine Vorahnung und führte prompt zu ersten Reaktionen. Sollte die Konjunktur in Deutschland einbrechen, mahnte etwa SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler, müsse ein milliardenschweres Investitionsprogramm her. Dies konnte Glos noch abwehren. Auch ist es ihm gelungen, in den neuen Jahreswirtschaftsbericht einige sorgenvolle Formulierungen einzuflechten. So warnt der Bericht, „die wirtschaftlichen Risiken für das laufende Jahr sind gestiegen“.

Ansonsten aber betonten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, die drohende Rezession in den USA bringe die deutsche Wirtschaft nicht in Gefahr. „Das Wachstum ist schwächer, aber immer noch erfreulich“, gibt Steinbrück zu Protokoll. Derweil nimmt in der Welt das Unheil seinen Lauf.

New York, Maiden Lane: Nur zwei Blocks von der Wall Street entfernt. Der puertoricanische Friseur mit dem schwarzen Polyester-Kittel und den lackierten Fingernägeln ist neugierig. Warum denn so viele Europäer zum Shoppen hierher kommen, fragt er seinen Kunden aus Deutschland. Der meint, natürlich auch wegen des schwachen Dollar. Darauf hält der Friseur einen Augenblick inne und sagt fast trotzig: „Wir können uns das Shoppen jetzt nicht mehr leisten. Wir sind in einer Rezession.“

Was für den Friseur klare Sache ist, darüber streiten die Experten noch. Nach der jüngsten Umfrage des „Wall Street Journal“ unter 54 Konjunkturexperten ist die Wahrscheinlichkeit, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession schlittert, im Januar auf 42 Prozent gestiegen – im Dezember waren es erst 38 Prozent.

Mit am pessimistischsten sind derzeit die Ökonomen von Goldman Sachs, für die eine Rezession jetzt das wahrscheinlichste Szenario ist: Danach erwarten sie ein Nullwachstum im ersten Quartal, gefolgt von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um jeweils 1,0 Prozent in den beiden folgenden Quartalen und einer leichten Erholung zum Ende des Jahres. Nur wegen der hohen Ausgangsbasis aus dem Schlussquartal 2007 kommt noch ein mickriges Plus von 0,8 Prozent für das Gesamtjahr heraus.

Auch der US-Notenbank schwant offenbar Schlimmes: In der vergangenen Woche senkte sie den Leitzins völlig überraschend um 0,75 Punkte auf jetzt 3,5 Prozent. Schon bei der offiziellen Sitzung am kommenden Mittwoch, so wird an den Märkten gemunkelt, könnte die nächste Zinssenkung folgen. Auch die US-Regierung entwickelt hektische Betriebsamkeit: Sie will die Wirtschaft mit einem Konjunkturpaket im Umfang von insgesamt bis zu 140 Milliarden US-Dollar ankurbeln – was längst auch zum Thema im Wahlkampf geworden ist.

Ob der Mix aus Geld- und Fiskalpolitik die Wirtschaft vor einer Rezession bewahren kann, ist allerdings zweifelhaft. Denn was vor gut einem Jahr begann, als der überhitzte amerikanische Immobilienmarkt ins Minus drehte, hat sich inzwischen mit Macht zu einem globalen Teufelskreis entwickelt, in dessen Mittelpunkt die US-Konsumenten stehen. Die hatten sich jahrelang, auch im Vertrauen auf die immer weiter steigenden Werte ihrer Eigenheime, bis über beide Ohren verschuldet und so die Wirtschaft am Laufen gehalten.

Doch jetzt stottert auch noch der Jobmotor, der lange für steigende Einkommen gesorgt und so den Konsum unterstützt hatte: Die Arbeitslosenquote stieg im Dezember von 4,7 auf 5,0 Prozent – für Jan Hatzius, Chefvolkswirt bei der Investmentbank Goldman Sachs in New York, das „bislang klarste Signal, dass die US-Wirtschaft in eine Rezession steuert“. Kein Wunder: Einen so starken Anstieg der Arbeitslosigkeit hat es in der Vergangenheit nur gegeben, wenn die US-Wirtschaft entweder schon in einer Rezession steckte oder kurz davor stand. Schließlich treibt auch der hohe Ölpreis die Preise in die Höhe und nagt an der Kaufkraft der Konsumenten – die Inflationsrate lag Ende des vergangenen Jahrs bei rund vier Prozent. So von allen Seiten in die Zange genommen, dürften die amerikanischen Verbraucher als Wachstumstreiber weitgehend ausfallen.

Und das trifft die gesamte Weltwirtschaft: Rund 30 Prozent des weltweiten Konsums bestritten die Amerikaner im vergangenen Jahr und trugen damit zum globalen Wachstum bei wie niemand sonst in der Welt. Trotzdem hatten viele Ökonomen lange geglaubt, die Weltkonjunktur könne sich angesichts des stürmischen Wachstums in den Schwellenländern, vor allem in China, von einem Abschwung in Amerika abkoppeln.

Mittlerweile glaubt daran kaum jemand mehr, da die Krise in immer mehr Ländern unübersehbar ihre Kreise zieht.

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