
Wütende Anleger, die mit Tränen in den Augen und Plakaten in der Hand vor Bankfilialen demonstrieren - auch vier Jahre nach der Insolvenz von Lehman Brothers sind Bilder wie dieses unvergessen. Der Zusammenbruch der US-Investmentbank wirkt bis heute nach.
Das Vertrauen vieler Anleger ist erschüttert, besonders wenn es sich um Zertifikate dreht. Denn mit den strukturierten Finanzprodukten einer niederländischen Lehman-Tochtergesellschaft hatten allein deutsche Anleger schätzungsweise bis zu einer Milliarde Euro verloren. Ein Trauma für viele Anleger - und für die Anbieter von Zertifikaten.
Während der Dax in den vergangenen vier Jahren um fast 20 Prozent anzog, brach das Marktvolumen der Zertifikate-Branche von 110 Milliarden Euro im dritten Quartal 2008 auf 80 Milliarden Euro Anfang 2009 ein. Zwar folgte eine zaghafte Erholung auf 100 Milliarden Euro, doch auf diesem Niveau verharrt der Zertifikatemarkt nun seit drei Jahren. Nichts geht mehr.

Die Bestandsaufnahme von Experten fällt bitter aus: „Die Finanzkrise hat den Markt nachhaltig erschüttert“, sagte etwa Sasa Perovic, Leiter Investmentfonds und Zertifikate bei der Ratingagentur Scope. Und Zertifikate-Experte Heiko Weyand von der Bank HSBC Trinkaus ergänzte: „Es gibt kein Wachstum mehr und der Vertrieb von Anlagezertifikaten über die Filialen ist stark zurückgegangen.“

Biedere Vasen in türkisfarbenem Regal: Bis zu 1,2 Millionen Dollar soll diese knapp zwei Meter breite Installation aus dem Frühwerk des britischen Provokateurs Damien Hirst bringen. Damit ist "We’ve got style" zumindest auf dem Papier das wertvollste Werk der Lehman Collection. Zuletzt waren einige Arbeiten Hirsts auf Auktionen durchgefallen. Foto: Sotheby’s

Vor zwei Jahren kostete eines seiner bunten großformatigen Bilder auf der Kunstmesse Art Basel knapp 1,4 Millionen Dollar. Für diese zehn Jahre alte Arbeit des 42-jährigen Kaliforniers muss man nach den Vorstellungen der Auktionatoren bis zu 800.000 Dollar hinblättern. Foto: Sotheby’s

Fast komplett in pompejanisches Rot getaucht ist diese surrealistische Figurenkonstellation von Neo Rauch. Obwohl das Preisniveau für die Arbeiten des Leipziger Malers kaum unter der Finanzkrise gelitten hatten, senkte Sotheby’s vor wenigen Tagen die Spanne für die große Papierarbeit (225x195cm) mit dem Titel „Einbruch“ aus dem Jahr 1999 um 20 Prozent. Und hofft nun auf einen Zuschlag zwischen 400.000 und 600.000 Euro. Foto: Sotheby’s

Gleich mit zwei abstrakten Gemälden ist der deutsche Malerstar Gerhard Richter in der Lehman-Sammlung vertreten: "763-9“ aus dem Jahr 1992 soll zwischen 300.000 und 400.000 Dollar kosten …. (Foto: Sotheby’s)

…. Sein Pendant "763-5" zwischen 200.000 und 300.000 Dollar einspielen. (Foto: Sotheby’s)

Ihr Pinselstrich erinnert an japanische Kalligraphie, die 1970 in Äthiopien geborene US-Künstlerin selbst siedelt ihr Werk zwischen Zeichnung und Malerei an: Julie Mehretu gehörte in den vergangenen Jahren zu den Shootingstars der zeitgenössischen Kunstszene. Dieses mehr als zwei Meter breite Acrylgemälde ("Untitled I") aus dem Jahr 2001, das schon kurze Zeit später auf Museumstour durch die USA ging, wird auf 600.000 bis 800.000 Dollar taxiert. Foto: Sotheby’s

Bekannt wurde er für seine von Werbetafeln abfotografierten, kulturkritischen Kunstwerke, die zu Boomzeiten schon mal mehrere Millionen Dollar kosten konnten. Dieses typographische Werk des US-künstlers Richard Prince aus dem Jahr 2003 wird auf 300.000 bis 400.000 Dollar geschätzt. Foto: Sotheby’s

Seine schreiend bunten, manga-artigen Pop-Art-Gemälde sind unverkennbar : Takashi Murakami gilt als einer der schrillsten und zugleich geschäftstüchtigsten zeitgenössischsten Künstler. Sein Frühwerk "Chaos" aus dem Jahr 1998 wird auch 150.000 bis 200.000 Dollar geschätzt. Foto: Sotheby’s

Diese in beige gehaltene, melancholisch dreinblickende "Shakespeare Actress" des Amerikaners John Currin, basiert auf der Fotografie einer unbekannten Frau. Das Werk aus dem Jahr 1991 soll bis zu 700.000 Dollar einspielen. Foto: Sotheby’s

Zwischen 600.000 und 800.000 Dollar könnte dieses in eisblau gehaltene, wie hinter Milchglas geklemmte Szenerie mit dem Titel "The long way home" des chinesischen Malers Liu Ye einbringen. Foto: Sotheby’s
Biedere Vasen in türkisfarbenem Regal: Bis zu 1,2 Millionen Dollar soll diese knapp zwei Meter breite Installation aus dem Frühwerk des britischen Provokateurs Damien Hirst bringen. Damit ist "We’ve got style" zumindest auf dem Papier das wertvollste Werk der Lehman Collection. Zuletzt waren einige Arbeiten Hirsts auf Auktionen durchgefallen. Foto: Sotheby’s
Deutsche Anleger vergessen so schnell nicht
Das liegt für Weyand vor allem an dem „enormen Imageschaden, den Zertifikate durch den Ausfall der Lehman-Zertifikate erhalten haben“. Lehman Brothers hatte die Zertifikate-Anleger nicht mehr auszahlen können. Private Investoren mussten bitter erfahren, dass sie bei einer Pleite der Bank all ihr investiertes Geld verlieren können. Das vergessen die deutschen Anleger so schnell nicht mehr. „Im Grunde wird es aus meiner Sicht Jahre dauern, bis die Akzeptanz von Anlagezertifikaten unter Anlegern wieder aufgebaut wird“, sagte Weyand. Dabei könne das niedrige Zinsniveau helfen, das Zertifikate zu einer Alternative mache.
An einem großen Grundproblem der Zertifikate hat sich seit Lehman aber nichts geändert: Es sind so viele verschiedene Produkte auf dem Markt, dass es Anlegern schwer fällt, den Überblick zu behalten. In der zuletzt verfügbaren Statistik des Zertifikateverbandes DDV vom Juli wurden allein in Deutschland fast 700.000 Zertifikate aufgeführt.
Zur Hochzeit der Branche im dritten Quartal 2007 waren es nur etwa 150.000 Papiere. Vor diesem Hintergrund beurteilte Scope-Analyst Perovic die Perspektiven für den Zertifikatemarkt eher zurückhaltend. Negativ sei, dass das Produktangebot größer und vor allem komplexer geworden sei. Allerdings habe die Branche bei Transparenz und Information Fortschritte gemacht.























