Aktien: Der große Bilanz-Bluff - Seite 3

Aktien: Der große Bilanz-Bluff

„Stabile Basis fehlt“

Ein Mitarbeiter betritt die Quelle: dpa
Ein Mitarbeiter betritt die Zentrale der US-Investmentbank Lehman Brothers in New York. Quelle: dpa

Die Isolation des IASB als eigenbrötlerische Runde hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass die IFRS inzwischen ein Monsterwerk sind, mit dem höchstens noch das deutsche Steuerrecht in seiner Detailverliebtheit bei gleichzeitigem Mangel an Struktur vergleichbar ist. In ihrer Regulierungswut erlässt das IASB Jahr für Jahr neue Standards, ändert alte oder schafft bestehende ab. Die Regeln sollen verlässliche Informationen für Investoren bereitstellen, sagen die IASB-Mitglieder, unter ihnen auch die Deutsche Elke König, die demnächst voraussichtlich Chefin der deutschen Aufsicht BaFin wird. Doch das Ziel wird verstellt von Tausenden von Seiten voll immer neuer Detailregelungen, die kaum jemand mehr nachvollziehen kann.

Folge ist, dass die Gewinn-, Kapitalfluss- und Bilanzrechnungen der Unternehmen sich ständig ändern. „Eine stabile Basis an Regelungen fehlt“, sagt Leibfried. Über Jahre etwa war vor allem der operative Mittelzufluss (Cash-Flow) die Kerngröße, um die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens zu beurteilen. Die Jahresüberschüsse der Unternehmen, also die Nettogewinne nach Abzug aller Aufwendungen für Personal, Material, Zins und Steuern, schwankten deutlich stärker als die Cash-Flows – und sie sind von Finanzchefs grundsätzlich wesentlich leichter auf die gewünschte Ergebniszahl hin zu beeinflussen als die Cash-Flows, die Mittel, die ein Unternehmen aus seinen Geschäften in die Kasse holt.

Kein Verlass

Eine Kette harter Cash-Flow-Zahlen konnte in den vergangenen Jahren auch der findigste Finanzchef kaum zurechtbiegen. Als eine von ganz wenigen Kennzahlen war der Mittelzufluss von Änderungen der Bilanzregeln kaum tangiert. Doch selbst dies hat sich nun geändert. Anleger haben heute keine Chance mehr, einen vergleichbaren Überblick über die Ertragsstärke der jeweiligen Unternehmen zu gewinnen. So zeigen sich bei den Dax-Unternehmen kaum noch vergleichbare operative Cash-Flows – weder zwischen den Unternehmen noch im Vergleich zu den Vorjahreszahlen des Unternehmens selbst.

IFRS: Immer Für Radikale Standards – so bezeichnen deshalb Spötter inzwischen die Regeln. Gut für Unternehmen, die ihre Performance aufhübschen wollen; schlecht für Anleger, die kaum noch die Chance haben, einen vernünftigen Überblick zu gewinnen.

Wie wenig verlässlich die Regeln und damit die Informationen für Anleger sind, zeigt das Dauer-Drama um die Bewertung von Griechenland-Anleihen. Noch am 20. Juni sah etwa das Institut der Wirtschaftsprüfer in Deutschland (IDW), Taktgeber für die Umsetzung der Bilanzregeln hierzulande, keinen Abwertungsbedarf bei Banken, die Griechen-Papiere als langjährige Anlage im Bestand halten.

Kakophonie

Nur vier Wochen später drehte das IDW seine Empfehlung um 180 Grad: Nun müsse doch abgeschrieben werden. Seitdem tobt der Streit über die Höhe einer möglichen Abwertung quer durch Europa – und jeder macht, was er will. Während einige Banken Hellas-Papiere um 50 Prozent abwerteten, schrieben andere nur 21 Prozent ab, dritte wiederum gar nichts – insbesondere französische Geldhäuser rechneten schön. In die Kakophonie schaltete sich Ende August gar die neue Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein. Christine Lagarde erwartete zunächst einen Kapitalbedarf bei Europas Banken von 200 Milliarden Euro, falls sie Staatsanleihen endlich zu Marktpreisen bewerten würden. Inzwischen ist laut IWF die Lücke bereits auf 300 Milliarden gewachsen.

Anzeige

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, forderte im September eine konsequente Bewertung aller Bankpositionen zu Verkehrs- statt zu aus der Luft gegriffenen Werten, während Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann sich dagegen aussprach. Grund: „Zahlreiche europäische Banken“ würden eine Bewertung von Staatsanleihen nach tatsächlichen Verkehrswerten „nicht verkraften“, so Ackermann.

Anzeige
Kommentare | 6Alle Kommentare
  • 05.10.2011, 18:27 UhrProfunde Ausarbeitung, DANKE!

    Wirklich der WiWO würdige Zusammenfassung, dafür Herrn Schürmann und WiWO einen Dank! Was aber "Fair-Value-Überraschung" über plötzlich "schockierende" bilanzen bei Goldman, RbS & Co geht: diese sind wohl nicht "plötzlich" ohne iiF-Masterplan zur so von Politik neu genötigten REKAPiTALiSiERUNG "wg. SCHULDENKRiSE" - hier wird generalstabsmässig WiEDERMAL bei ahnungslosen bzw. WiSSEND EiGENE MACHTPLÄNE verfolgenden Politikern Panik geschürt mit Volleyvorlage der "Kreditklemme", "unseren gefährdeten Sparern" und dreisten "DURCH *SCHULDENKRiSE* notwendigen bANKEN-REKAPiTALiSiERUNG"!

    Erst retten wahnsinnige lobbygetriebene Staaten trotz so schon eigener Staatsüberschuldung die sowieso mit 1-2% realen Eigenkapital fast durch die bank längst insolventen banken, um dann eigene so schon nur noch mit kurzfristigen Vehikeln zusammengeschusterte Refinanzierung deswegen endgültig so nicht mehr über dieselben banken stemmen zu können!
    Und das wiederum wird nun frech im Zirkelschluss von der durchtriebenen bankelobby, neben dem politische inkontinenz umgehend auslösenden bösen R-Wort und o.g. Gleittriggern, mit dem Zirkelbezug "*DURCH SCHULDENKRiSE* sofort notwendigen neuen bANKEN-REKAPiTALiSiERUNG" gekrönt!

    Und dass bei gerade von barroso höchstpersönlich bei der "Rede zur Lage der Union" "bereits seit 2007 ausgegebenen 4.600 Mrd EU-bANKENHiLFEN 'durch STEUERZAHLER' " (50% EU-biP)!
    Und das trotz der vor kurzer Zeit u.a. von FTD/"Das Kapital" den EU-bANKEN bescheinigten mind. 30 biLLiONEN eigenen AKTiVA!!!

    Sollten die Politiker wie es nun absehbar ist, das trotz der o.g. *wohlbekannten Tatsachen* trotzdem auf Kosten der EU-Steuerzahler wieder durchziehen, dann kann man nur noch vom bewussten und offenen Staatsstreich gegen den Souverän der Verfassung, das EiGENE VOLK nämlich, ohne Abstiche und Relativierungen sprechen!

    Am Reichstag steht nicht "Der panglobalen Finanzoligarchie", sondern unbequem aber wahr: "DEM DEUTSCHEN VOLKE"!

  • 05.10.2011, 22:17 Uhrjapaninvestor

    Na da bin ich ja froh, dass die japaner da noch konservativer bilanzieren.
    Goodwill und intangible müssen kontinuierlich abgeschrieben werden.
    R&D kosten dürfen nicht kapitalisiert werden.

    Deshalb sind die KGVs auch immer höher als auf den anderen Aktienmärkten.

    Sehr guter Artikel übrigens. Schwer über so etwas qualifiziertes zu stolpern heutzutage. Glückwunsch.

  • 06.10.2011, 16:39 UhrBericht eines Buchprüfers

    Karl Heinz Kütting hat bereits vor Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen vor dieser neuen bilanzgestaltung gewarnt und Schwachstellen aufgezeigt, es nannte es die Ebitanei. bilanzierungsansätze, bilanzklarheit, bilanzwahrheit, bilanzstetigkeit, Grundsätze ordnungsgemäßer buchführung und bilanzierung, die goldenen Finanzierungsregeln, es war einmal.

    Und passend dazu gab es eine neue Währung mit neuen innovativen Finanzprodukten, weil man die bisherigen kaufmännischen Grundsätzen für veraltet hielt und man hat politisch den Weg für diese neuen, innovativen Produkte geebnet. Diese buchhalterisch und bilanzierungstechnisch genau und zeitnah abzubilden, es ist kaum möglich. Es war vieles zu veraltet, etwas Neues musste her. Die Erfahrungen von 1929, der Zeit davor und danach, interessierte nicht mehr. Die Möglichkeiten für banken, sich gegenseitig in sekundenschnelle elektronisch neue Kredite zu gewähren, haben diese Entwicklungen beschleunigt.

Alle Kommentare lesen
Immobilien-Wertfinder:Was Mieten und Kaufen in Ihrer Region kostet

Mit unserem interaktiven Tool finden Sie Interessierte Mieten und Kaufpreise in ihrem Viertel und ihrer Straße. Mehr...

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.