Aktien: Der große Bilanz-Bluff

05. Oktober 2011
Von wegen innovativBild vergrößern
Von wegen innovativ
von Christof Schürmann

Mit dem Absturz der Börse und den sich eintrübenden Konjunkturaussichten wächst die Gefahr, dass Milliardenlücken in den Bilanzen von Unternehmen und Banken zutage treten. Welche Tricks der Finanzchefs Anleger kennen müssen, um Unternehmen richtig beurteilen zu können.

Stefan Krause, Finanzvorstand der Deutschen Bank, „schwitzt ganz schön ordentlich“, sagt er: Trotz eines „dramatisch verschlechterten Umfelds“ soll die Bank in diesem Jahr unverändert zehn Milliarden Euro Gewinn vor Steuern ausweisen. Das aber wird nicht einfach – für die Investmentbanker und für den Finanzchef. Mit Krause schwitzen die Aktionäre: Seit Januar hat sich der Deutsche-Bank-Kurs fast halbiert. Die Aktie kostet gerade noch den fünffachen Jahresgewinn – so billig war das Papier noch nie.

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Auf den ersten Blick jedenfalls. Denn was Bankaktien wirklich wert sind, weiß niemand, auch Krause nicht. Die niedrige Gewinnbewertung ist die Strafe für diese Unsicherheit, sie signalisiert, dass Investoren in der Bankbilanz versteckte Risiken fürchten. Die können immer mal wieder nach oben poppen.

Quartalszahlen ein Schock

Seit Jahren schreiben Dax-Unternehmen Übernahmeprämien auf erworbene Firmen kaum noch ab Quelle: Universität St. Gallen/ Institut für Accounting, Controlling und Auditing; Zahlen gerundet
Seit Jahren schreiben die Dax-Unternehmen Übernahmeprämien auf erworbene Firmen kaum noch ab (Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht auf die Grafik) Quelle: Universität St. Gallen/ Institut für Accounting, Controlling und Auditing; Zahlen gerundet

So wie vor einigen Wochen bei Goldman Sachs. Das Institut ist die wohl am besten beobachtete Bank der Welt. Gleich 28 Analysten großer Häuser kümmern sich hauptamtlich um die Zahlenwerke von Goldman-Chef Lloyd Blankfein und Finanzvorstand David Viniar. Diese Analysten arbeiten bei Banken, haben also Insiderkenntnisse aus der Branche; sie lesen tagein, tagaus Bilanzen; sie sprechen mit den Vorständen – mehr Expertise geht nicht. Und doch schockte Goldman die Wall Street mit seinen letzten Quartalszahlen, mit einem Gewinn, der um stolze 18 Prozent unter den Analystenschätzungen lag. Wer auf satte Kursaufschläge gewettet hatte, verlor Geld. Dasselbe Bild auch bei der Royal Bank of Scotland, die Anfang August einen Milliardenverlust verkünden musste – auch damit hatte kein Analyst nur annähernd gerechnet.

Der Fehler liegt im System, meint Peter Leibfried, Professor für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung an der Universität St. Gallen. „Es gibt ein Grundsatzproblem in der Bilanzierung, das es kaum mehr möglich macht, verlässliche Prognosen zu stellen.“

Kurspflege zum eigenen Wohl

Bilanzen werden undurchschaubarer, Gewinne schwerer vorhersagbar. Nicht nur, weil Märkte heftiger schwanken, sondern vor allem, weil Bilanzregeln den Unternehmen immer mehr Spielraum lassen.

Bei Banken und Industrieunternehmen herrscht ein Wirrwarr an Regelungen und Zahlen. Jeder Finanzvorstand rechnet anders. „Vorstände wissen, dass die Börse vor allem auf die Gewinn- und Umsatzentwicklung eines Unternehmens schaut und kaum darauf, wie diese Zahlen zustande kommen. Das verführt Manager naturgemäß dazu, bilanzielle Spielräume auszunutzen, um sich schönzurechnen“, sagt Leibfried. Schließlich hängen Manager-Boni in der Regel am Gewinn oder an der Kursentwicklung der Aktie.

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Kommentare | 6Alle Kommentare
  • 05.10.2011, 18:27 UhrProfunde Ausarbeitung, DANKE!

    Wirklich der WiWO würdige Zusammenfassung, dafür Herrn Schürmann und WiWO einen Dank! Was aber "Fair-Value-Überraschung" über plötzlich "schockierende" bilanzen bei Goldman, RbS & Co geht: diese sind wohl nicht "plötzlich" ohne iiF-Masterplan zur so von Politik neu genötigten REKAPiTALiSiERUNG "wg. SCHULDENKRiSE" - hier wird generalstabsmässig WiEDERMAL bei ahnungslosen bzw. WiSSEND EiGENE MACHTPLÄNE verfolgenden Politikern Panik geschürt mit Volleyvorlage der "Kreditklemme", "unseren gefährdeten Sparern" und dreisten "DURCH *SCHULDENKRiSE* notwendigen bANKEN-REKAPiTALiSiERUNG"!

    Erst retten wahnsinnige lobbygetriebene Staaten trotz so schon eigener Staatsüberschuldung die sowieso mit 1-2% realen Eigenkapital fast durch die bank längst insolventen banken, um dann eigene so schon nur noch mit kurzfristigen Vehikeln zusammengeschusterte Refinanzierung deswegen endgültig so nicht mehr über dieselben banken stemmen zu können!
    Und das wiederum wird nun frech im Zirkelschluss von der durchtriebenen bankelobby, neben dem politische inkontinenz umgehend auslösenden bösen R-Wort und o.g. Gleittriggern, mit dem Zirkelbezug "*DURCH SCHULDENKRiSE* sofort notwendigen neuen bANKEN-REKAPiTALiSiERUNG" gekrönt!

    Und dass bei gerade von barroso höchstpersönlich bei der "Rede zur Lage der Union" "bereits seit 2007 ausgegebenen 4.600 Mrd EU-bANKENHiLFEN 'durch STEUERZAHLER' " (50% EU-biP)!
    Und das trotz der vor kurzer Zeit u.a. von FTD/"Das Kapital" den EU-bANKEN bescheinigten mind. 30 biLLiONEN eigenen AKTiVA!!!

    Sollten die Politiker wie es nun absehbar ist, das trotz der o.g. *wohlbekannten Tatsachen* trotzdem auf Kosten der EU-Steuerzahler wieder durchziehen, dann kann man nur noch vom bewussten und offenen Staatsstreich gegen den Souverän der Verfassung, das EiGENE VOLK nämlich, ohne Abstiche und Relativierungen sprechen!

    Am Reichstag steht nicht "Der panglobalen Finanzoligarchie", sondern unbequem aber wahr: "DEM DEUTSCHEN VOLKE"!

  • 05.10.2011, 22:17 Uhrjapaninvestor

    Na da bin ich ja froh, dass die japaner da noch konservativer bilanzieren.
    Goodwill und intangible müssen kontinuierlich abgeschrieben werden.
    R&D kosten dürfen nicht kapitalisiert werden.

    Deshalb sind die KGVs auch immer höher als auf den anderen Aktienmärkten.

    Sehr guter Artikel übrigens. Schwer über so etwas qualifiziertes zu stolpern heutzutage. Glückwunsch.

  • 06.10.2011, 16:39 UhrBericht eines Buchprüfers

    Karl Heinz Kütting hat bereits vor Jahren in zahlreichen Veröffentlichungen vor dieser neuen bilanzgestaltung gewarnt und Schwachstellen aufgezeigt, es nannte es die Ebitanei. bilanzierungsansätze, bilanzklarheit, bilanzwahrheit, bilanzstetigkeit, Grundsätze ordnungsgemäßer buchführung und bilanzierung, die goldenen Finanzierungsregeln, es war einmal.

    Und passend dazu gab es eine neue Währung mit neuen innovativen Finanzprodukten, weil man die bisherigen kaufmännischen Grundsätzen für veraltet hielt und man hat politisch den Weg für diese neuen, innovativen Produkte geebnet. Diese buchhalterisch und bilanzierungstechnisch genau und zeitnah abzubilden, es ist kaum möglich. Es war vieles zu veraltet, etwas Neues musste her. Die Erfahrungen von 1929, der Zeit davor und danach, interessierte nicht mehr. Die Möglichkeiten für banken, sich gegenseitig in sekundenschnelle elektronisch neue Kredite zu gewähren, haben diese Entwicklungen beschleunigt.

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