Aktien mit hoher Dividende: „Fette Prozente sind kein Gütesiegel“

Aktien mit hoher Dividende: „Fette Prozente sind kein Gütesiegel“

, aktualisiert 26. März 2017, 15:42 Uhr
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Anleger müssen genau hinschauen, wenn Unternehmen hohe Dividendenrenditen ausweisen.

von Jessica SchwarzerQuelle:Handelsblatt Online

Die Dividendensaison nimmt Fahrt auf. Für Christian W. Röhl sind ausschüttungsstarke Aktien das Non plus Ultra. Doch der Gründer von Dividendenadel warnt: Eine hohe Dividendenrendite ist oft Risikoprämie oder Warnsignal.

Auf den Bildschirmen vor ihm flackern die Börsenkurse. Ohne seinen Bloomberg-Terminal könnte Christian W. Röhl gar nicht sein, gibt der Gründer der unabhängigen Research-Platzform Dividendenadel offen zu. Und nicht ohne Söhnchen Julian. Der fünf Wochen alte Säugling liegt im Gitterbettchen neben dem Schreibtisch – der Luxus des Home Office. Während des Interviews gibt der Kleine keinen Ton von sich. Er schläft ganz entspannt. Um sein Depot muss er sich auch noch nicht kümmern, das macht der stolze Papa, sobald das Depot eröffnet ist. Geldanlage für Kinder ist nämlich eines seiner Steckenpferde. Klar, dass dabei auch Dividendenaktien eine gewichtige Rolle spielen. 

Wie wichtig sind Dividenden beziehungsweise ausschüttungsstarke Aktien als Baustein im Depot?
Sie sind ganz entscheidend. Wer auf Dividendenwerte setzt, geht weg vom spekulativen Charakter von Aktien und achtet mehr auf den Sachwert-Charakter. Es kommt vor allem auf die Qualität der Dividende an. Gute, ausschüttungsstarke Unternehmen, so wie wir es verstehen, haben schon mal gezeigt, dass sie nachhaltig in der Lage sind, Geld zu verdienen. Und das auch über mindestens einen Wirtschaftszyklus hinweg.

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Dividende über alles?
Das heißt nicht, dass man nicht auch eine Facebook-Aktie, eine Amazon-Aktie oder sonstige dividendenlose Wachstumswerte haben kann. Aber in einer anderen Dosierung. Die Basis sollten dividendenstarke Aktien sein, insbesondere wenn man von Vermögenserträgen leben möchte. Man will ja nicht ständig irgendwelche Aktien verkaufen müssen.

Dividenden können aber auch schwanken, dann wird es schwieriger, von den Erträgen zu leben. Ist das ein Manko der Dividendenstrategie?
Zunächst einmal gibt es nicht „die“ eine Dividendenstrategie. Es kommt immer darauf an, wie ich meine individuelle Strategie definiere. Also: Welche Aktien kaufe ich, wann kaufe ich, unter welcher Bedingung verkaufe ich und wie prüfe ich mein Investment etwa im Falle schwankender Dividenden? Ich rede deshalb bei Aktien nie von „buy and hold“ sondern von „buy and hold und check“.

Also kaufen, halten und überprüfen. Wie oft muss ich mein Investment denn überprüfen?
Man kann nicht auf den Aktien einfach sitzen bleiben, egal welche Strategie man verfolgt. Im Grunde ist das wie bei einer Immobilie, die man vermietet hat. Da geht man auch nicht jeden Tag vorbei und schaut, ob alles in Ordnung ist. Aber eine Immobilie muss auch bewirtschaftet werden. Man muss sie sich regelmäßig anschauen – und genauso ist es mit dem Depot. Mann muss nicht jeden Tag reinschauen, aber man sollte es in regelmäßigen Abständen – zum Beispiel einmal pro Quartal – tun und die Positionen dann nach den gewählten Regeln und Parametern überprüfen.

Welche Parameter können das sein?
Beispielsweise, dass ich keine Aktien von Unternehmen haben möchte, die aus der Substanz ausschütten, sondern ausschließlich aus dem Gewinn. Das kann ich als Regel im Rahmen meiner Strategie definieren. Eine Regel wäre, dass ich eine Aktie verkaufe, wenn die Ausschüttungsquote über 75 Prozent oder sogar 100 Prozent steigt. Oder: Wie gehe ich damit um, wenn ein Unternehmen die Dividende nicht erhöht, sondern nur konstant hält? Was tue ich, wenn ein Unternehmen die Ausschüttung senkt oder ganz streicht? Verkaufe ich dann? Das sind die Fragen, die ich für mich selbst beantworten muss, bevor ich auch nur einen einzigen Euro investiere.


Ein Depot, das aussieht wie Speisekammer oder Badschrank

Welche Fehler können Anleger dabei machen?
Der größte Fehler ist es natürlich, ohne Strategie loszulegen. Das machen übrigens nicht wenige Anleger. Nach dem Motto „Kaufe nur, was Du verstehst“ ordern sie alles, was sie gerade sehen. Da landen dann vorwiegend Werte wie Nestlé, Coca-Cola und Johnson & Johnson oder Procter & Gamble im Depot. So entsteht hinterher ein Jäger- und Sammler-Depot, das aussieht wie Speisekammer oder Badschrank und ziemlich Schlagseite im Konsumgütersektor hat.

Mit Risikostreuung hat das wenig zu tun…
Im besten Fall wird noch zyklisch und antizyklisch diversifiziert, weil ein paar Autowerte im Depot sind. Aber das hat mit einem strukturierten Depot nichts zu tun. Zur Strategie gehört auch die sektorale und geographische Aufteilung der Investments. Aber das gilt natürlich immer, nicht nur bei Dividendenstrategien.

Vielen Anlegern machen ihre Emotionen einen Strich durch die Rechnung.
Dieses Impulsgetriebene gilt es unbedingt zu vermeiden. Das gilt für die Gesamtstrategie genauso wie für einzelne Faktoren wie etwa die Dividendenrendite. Fette Prozente sind kein Gütesiegel. Man muss berücksichtigen, dass eine hohe Dividendenrendite sehr häufig auch eine Risikoprämie oder ein Warnsignal ist. Das kann der Fall sein, wenn beispielsweise der Kurs abgestürzt ist oder die Dividendenrendite nur rechnerisch gestiegen ist, aber eine Kürzung der Ausschüttung droht.

Wie finde ich wirklich „gute“ Dividendentitel?
Anleger sollten nicht nur auf die Dividendenrendite schauen. Sie ist natürlich ein Faktor. Sie muss nicht möglichst hoch sein, sie darf aber keinesfalls zu niedrig sein – keine Alibi-Dividende. Wir wollen schließlich auf ein Unternehmen setzen, bei dem die Dividende eine gewisse Relevanz hat.

Das heißt?
Alle Aktien mit einer Dividendenrendite von weniger als einem Prozent – sowohl historisch als auch erwartet – kommen nicht in Frage. Aber noch wichtiger sind zwei andere Faktoren. Erstens die Historie. Da gilt das alte Schufa-Konzept: Wer in der Vergangenheit sauber gezahlt hat, wird alles daran setzen, seine weiße Weste zu behalten. Wer hingegen in der Vergangenheit ein Wackelkandidat war, wird mit großer Wahrscheinlichkeit auch künftig mal schludern, wenn es kritisch wird. Deshalb: Zehn Jahre ohne Dividendenkürzung will ich bei meiner Basis-Strategie sehen.

Und der zweite wesentliche Faktor für die Auswahl?
Das ist die Ausschüttungsquote. Sie darf nicht zu hoch sein. Wir ziehen die Grenze bei 75 Prozent, schauen aber auf den Dreijahresdurchschnitt. Es gibt nur wenige Geschäftsmodelle, die mit 100 Prozent Ausschüttungsquote dauerhaft funktionieren. Anderseits darf der so genannte Payout aber auch nicht zu gering sein. Unten ziehen wir die Grenze bei 25 Prozent. Denn dass wir Aktionäre Eigenkapital zur Verfügung stellen, muss angemessen honoriert werden.

Es gibt in den USA sogenannte Dividenden-Aristokraten. Sind diese Aktien ein klarer Kauf?
Aristokraten sind amerikanische Unternehmen, die mindestens seit 25 Jahren ihre Dividende Jahr für Jahr erhöht haben. Das ist natürlich eine inspirierende Geschichte, gerade für mich als US-Fan. Es hat also auch einen Grund, dass ich unsere Research-Plattform Dividendenadel genannt habe. Die Grundsympathie für dieses Konzept ist da, aber es gibt auch ein Problem.


Das Argument mit den Sicherheitspuffer ist Unsinn

Welches wäre das?
Das Konzept der Dividenden-Aristokraten ist international nicht übertragbar. Während wir in den USA allein im S&P 500 stolze 50 Aristokraten haben, finden wir in der Euro-Zone gerade fünf – unter anderem L’Oréal und seit diesem Jahr auch Fresenius. Wenn wir die Schweiz und Großbritannien dazu nehmen, kommen noch mal ein Dutzend hinzu. Das reicht nicht für ein internationales Anlagekonzept.

Die Aristokraten-Strategie ist also ein amerikanischer Ansatz…
Ja, und sie hat Schwachstellen. Kontinuität ist das eine. Doch einige dieser Aristokraten haben das Problem, dass die Dividenden seit einigen Jahren deutlich stärker steigen als die Gewinne. Die Ausschüttungsquoten sind also relativ weit nach oben gefahren worden. Da stellt sich irgendwann die Frage, ob das ewig gutgehen kann. Bei den US-Aristokraten fallen sicher nicht in den kommenden fünf Jahren reihenweise die Dividenden aus. So schlimm ist es nicht. Aber es sind schon relativ viele Unternehmen dabei, die Ausschüttungsquoten von 75 Prozent und mehr haben.

Mitunter wird Unternehmen, die viel ausschütten, Ideenlosigkeit vorgeworfen. Etwa weil sie ihre prall gefüllten Kassen nicht für in Investitionen in Forschung und Technik nutzen.
Diese Vorwürfe sind absolut relevant. Deshalb bin ich auch der Meinung, dass das klassische Aristokraten-Konzept nicht funktioniert. Es ist zu wenig, nur auf einen Faktor zu schauen. Manche Ausschüttungsquoten sind schlicht zu hoch und können sogar das Geschäftsmodell gefährden.

Dividenden gelten auch als Sicherheitspuffer im Falle von Kursverlusten. Ist das angesichts der Schwankungen, die wir in den vergangenen Jahren erlebt haben, nicht etwas überholt?
Dieses Argument ist Blödsinn. Dividendentitel schwanken genauso stark wie andere Aktien. Da ist ein Puffer von drei Prozent schnell binnen eines Tages weg. Wir haben in der Finanzkrise gesehen, dass die Dividendenstars genauso abgestürzt sind wie alle anderen Aktien. Allerdings haben sie sich, weil Anleger nach einer Baisse immer erst einmal Qualität suchen, schneller erholt. Das ist der Vorteil – gepaart mit dem emotionalen Faktor, dass die laufenden Erträge es deutlich leichter machen, eine Börsenschwäche durchzustehen, ohne seine Aktien auf den Markt zu werfen.

Sind Dividenden die neuen Zinsen?
Nein! Das Wort Zinsen impliziert im allgemeinen Sprachgebrauch Sicherheit. Wenn Sie einen Toaster kaufen, bekommen Sie eine Garantie. Aber nicht an den Kapitalmärkten – zumindest nicht mehr. Der Spruch von der Dividende als neuem Zins spielt in perfider Weise mit dem Sicherheitsbedürfnis vieler Sparer. Ich hoffe, dieser Satz fällt nicht als Verkaufsargument in der Bank-Filiale. Sonst werden viele beim nächsten Crash ihr blaues Wunder erleben und die Aktienkultur liegt wieder so danieder wie nach dem Börsen-Debakel der Deutschen Telekom. Damals wurden auch viele Erwartungen enttäuscht, weil Aktien völlig falsch eingeschätzt wurden.

Herr Röhl, vielen Dank für das Interview.

Quelle:  Handelsblatt Online
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