Andy Xie: Top-Ökonom prophezeit Platzen der China-Blase

Andy Xie: Top-Ökonom prophezeit Platzen der China-Blase

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Andy Xie gilt als Chinas kritischster Ökonom. Seine Analysten schätzen selbst an höchsten Stellen im Reich der Mitte.

von Philipp Mattheis

Die Öffnung des chinesischen Aktienmarkt für ausländische Anleger hält er für ein Ablenkungsmanöver: Andy Xie, Chinas kritischster Ökonom, warnt vor Immobiliencrash und Deflation.

Andy Xie hält sich in letzter Zeit häufiger in Hongkong auf. In seiner Heimatstadt Shanghai dagegen verbringt er weniger Zeit. „Im letzten Jahr ist alles repressiver geworden“, sagt er. „Jetzt haben sie sogar den E-Mail-Dienst gmail gesperrt.“ Bald schon redet Xie so schnell, dass sich seine Stimme überschlägt. Dass Shanghai mit der Eröffnung des Through-Train-Project einen weiteren Schritt vorangekommen ist, Hongkong seinen Rang als Finanzstandort abzuringen, lässt ihn kalt. Das Projekt, mit dem erstmals ausländische Anleger direkt auf dem chinesischen Aktienmarkt investieren können, sei eine „Side-Show“, ein Ablenkungsmanöver von den Problemen des Landes.

„Die brauchen gerade gute Nachrichten“, sagt er. „Der Immobilienmarkt fällt, das Wachstum schwächelt, da kommt so ein Projekt gerade richtig.“ Ein Durchbruch aber sei Through-Train deswegen mit Sicherheit nicht.

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Xie gilt als notorischer Kritiker der chinesischen Regierung und ihrer Wirtschaftspolitik. Der ehemalige Asien-Chef von Morgan Stanley und Anhänger der Österreichischen Schule sieht China am Ende eines Wirtschaftszyklus, den er mit dem der USA zum Ende des 19. Jahrhunderts vergleicht. „Damals glaubten Tycoone wie Rockefeller und Carnegie, das Wachstum würde ewig anhalten“, sagt er. „Sie investierten weiter und weiter und befeuerten so ihren selbstentfachten Boom.“

In China übernehme die Regierung diese Rolle. Jeder Wirtschaftszyklus, in dem zu viel investiert werde, ende zwangsläufig in der Deflation. Deren Vorbote könne ein baldiger Crash der seit Jahren steigenden Immobilienpreise sein. Tatsächlich sind die Preise nach Jahren des Booms 2014 erstmals leicht zurückgegangen. Noch drastischer ist der Umsatzrückgang bei Immobilien. Viele Chinesen suchen nach anderen Anlagemöglichkeiten.

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Xie könnte Recht haben

Seine vergangenen Prognosen deuten darauf hin, dass Xie auch dieses mal Recht haben könnte. Die Treffgenauigkeit, mit der Xie 1997 die Asienkrise und zehn Jahre später die Subprime-Krise in den USA voraussagte, begründete seinen Ruhm. Der Nachrichtendienst Bloomberg zählt ihn zu den „50 einflussreichsten Persönlichkeiten der Finanzbranche“ weltweit.

Xie wurde 1960 als Xie Guozhong geboren. Er promovierte 1990 am Massachusetts Institute of Technology in Ökonomie und heuerte später bei Morgan Stanley in Hongkong an. 2006 verließ er die Investmentbank, nachdem eine vertrauliche E-Mail an die Öffentlichkeit gelangt war, in der er sich despektierlich über die Staatsführung Singapurs geäußert haben soll.

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Heute arbeitet der 55-Jährige als unabhängiger Ökonom. Er berät Hedgefonds und Banken und ist bekannt dafür, Missstände direkt anzusprechen. Seine Analysen veröffentlicht er in der unabhängigen Hongkonger Tageszeitung „South China Morning Post“ und im legendären Pekinger Wirtschaftsmagazin „Caixin“. Ärger mit der Zensur habe er so gut wie nie gehabt, sagt der trotz seiner 55 Jahre jugendlich wirkende Brillenträger.

Schwachpunkte der chinesischen Wirtschaftspolitik

Anscheinend schätzt man selbst an höchster Stelle seine Analysen, die auf Schwachpunkte der Wirtschaftspolitik hinweisen. „In China ist die Partei die unsichtbare Hand, und die macht Fehler“, sagt Xie. So habe die KP mit ihrem staatlich verordneten Wachstumskurs die Probleme geschaffen, unter denen China heute leide: die Immobilienblase mit 64 Millionen leer stehenden Wohnungen und gewaltige Überkapazitäten in der Stahl- und Zementindustrie. Da Chinas Regierung Insolvenzen großer Unternehmen nicht zulässt, müsse die Volkswirtschaft zwangsläufig dem japanischen Beispiel folgen und in die Deflation absacken. Daran ändere auch ein wenig freiheitliches „Vogel im Käfig“-Projekt für die Shanghaier Börse nichts – so nennt Xie die kontrollierte Mikro-Liberalisierung.

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Die Lösung für Probleme seines Heimatlandes sieht er allein im Umbau der Wirtschaftsstruktur. China müsse weg von der Exportorientierung, hin zu mehr Konsum. Und, ja, das gesamte Wirtschaftssystem müsse liberalisiert werden.

Ob Xie mit seinen pessimistischen Meinungen recht behält? Wie oft bei Crash-Prognosen ist es leichter, Blasen zu identifizieren, als den Zeitpunkt vorherzusagen, wann sie platzen werden: Vor der Immobilienblase warnt Xie seit über zehn Jahren. In den USA war das ähnlich, auch hier mahnten Ökonomen jahrelang ungehört – bis die Subprime-Blase 2008 platzte und die Finanzkrise auslöste.

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