Angst um Italien: „Der Anleihemarkt ist Krisenherd Nummer eins“

Angst um Italien: „Der Anleihemarkt ist Krisenherd Nummer eins“

, aktualisiert 03. November 2011, 15:20 Uhr
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Im Kampf um den Euro spielt der Anleihemarkt eine entscheidende Rolle.

von Ralf Drescher und Dietmar NeuererQuelle:Handelsblatt Online

Am Anleihemarkt geht die Angst um. Anleger fürchten, dass Italien kippt und fliehen aus italienischen Staatsanleihen. Damit verschärfen sie jedoch die Krise des Landes. Spanien und Frankreich drohen sich anzustecken.

DüsseldorfGriechenland hält die Märkte in Atem. Nachdem Ministerpräsident Giorgos Papandreou Anfang der Woche überraschend einen Volksentscheid über den griechischen Schuldenschnitt angekündigt hatte, stürzten die Börsen ein weiteres Mal ab, die Anleiherenditen schossen in die Höhe. Auf zweijährige Papiere Griechenlands gab es am Donnerstag zeitweise mehr als 100 Prozent Rendite, auf Anleihen mit zehn Jahren Laufzeit waren es 24,4 Prozent. Erst die Gerüchte um eine Entmachtung Papandreous sorgten für eine leichte Entspannung.

Am Anleihemarkt rückt aber zunehmend eine andere Frage in den Vordergrund: Wie lange hält Italien noch durch? Die Renditen italienischer Staatsanleihen sind in den vergangenen Wochen kräftig gestiegen, am Morgen rentierten Papiere mit zehnjähriger Laufzeit mit fast 6,4 Prozent, der Renditeaufschlag zu deutschen Bundesanleihen mit gleicher Laufzeit lag bei 4,5 Prozentpunkten. Bei Experten lässt das die Alarmglocken schrillen: "S"Bei einem Niveau von 6,5 Prozent wird eine langfristige Refinanzierung über den Markt immer schwieriger"", erwartet Michael Schulz, Leiter des Anleiheresearchs der NordLB.

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Italien leidet unter einer extrem hohen Staatsverschuldung von 1,9 Billionen Dollar bei gleichzeitig chronisch schwachem Wirtschaftswachstum. Die Regierung um Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat in den vergangenen Wochen und Monaten sehr viel Vertrauen verspielt, weil sie trotz mehrfacher Ankündigung den Willen zum radikalen Sparen vermissen lässt. Von den Euro-Staaten, allen voran Frankreich und Deutschland, musste sich Berlusconi deswegen harte Kritik gefallen lassen. Gleichzeitig bereitet sich die Euro-Zone aber auf den Ernstfall vor. Die Aufstockung des europäischen Rettungsschirms EFSF auf mehr als eine Billion Euro führen Experten unmittelbar auf die Sorge zurück, dass der EFSF Italien auffangen müsse. Ein Szenario, das zunehmend realistischer wird: "Wenn Griechenland fällt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Italien den Rettungsschirm in Anspruch nehmen muss", sagt Nord-LB-Experte Schulz.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, hält Italien allerdings für zu groß, als dass mit Hilfsprogrammen der anderen Länder eingegriffen werden könnte. Das Land müsse umfangreiche Strukturreformen für die Wirtschaft und damit eine „Agenda 2020“ vornehmen, fordert er. Sollten diese Maßnahmen allerdings nicht ausreichen, würde die Europäische Zentralbank (EZB) in die Pflicht genommen. Die EZB müsste große Mengen italienischer Bonds aufkaufen „mit potenziellen schwerwiegenden Folgen für die Preisstabilität und die Stabilität des Wechselkurses des Euros in der Zukunft“, sagte Mayer.

Die bisherige Bilanz der Anleihenkäufe der EZB ist allerdings vernichtend. Anfang August startete die Notenbank ihr Aufkaufprogramm und hat seither immer wieder am Markt Papiere aufgesammelt. Der Effekt war allerdings nur kurzfristig. Nach der Ankündigung und den ersten Käufen fiel die Rendite zehnjähriger italienischer Bonds kurzfristig unter fünf Prozent. Doch nach einer kurzen Verschnaufpause setzte schnell die Gegenbewegung ein, die in neuen Rekordrenditen gipfelte.


Italienische Banken geraten in Bedrängnis

Die Folgen für Italien sind verheerend: "Mit jedem Basispunkt spitzen sich die Probleme Italiens zu", sagt Analyst Schulz. Denn nicht nur das Wohl des italienischen Staates hängt am Anleihemarkt. Auch die Banken brauchen den Markt dringend, um sich zu refinanzieren. Besonders günstig ging das in der Vergangenheit über so genannte Covered Bonds. Das sind Anleihen, die als Sicherheit mit Immobilien oder staatlichen Darlehen hinterlegt sind. Doch auch die Renditen von Covered Bonds italienischer Emittenten sind in die Höhe geschossen. Lag der Aufschlag zum Referenzzinssatz vor wenigen Monaten noch bei gut einem Prozent, müssen italienische Schuldner inzwischen im Schnitt fast drei Prozent Zinsaufschlag bezahlen. Zum Vergleich: Deutsche Banken zahlen im Schnitt 0,25 Prozentpunkte über dem Referenzzins.

Und selbst zu den extrem hohen Zinsen ist es für die Italiener nicht leicht, an Kapital zu kommen: "Die Liquidität am Markt ist sehr gering, zum Teil können wir keine vernünftigen Preise mehr ermitteln", erklärt Schulz. Er fühlt sich bereits an die Finanzkrise des Jahres 2008 erinnert, als das Vertrauen der Banken untereinander kollabierte und der Markt für Covered Bonds komplett zusammenbrach.

Italiens Banken droht damit ein hässlicher Mix aus Belastungen. Die teure Refinanzierung allein macht es den Instituten sehr schwer, Gewinne zu erzielen. Obendrein müssen die Banken womöglich Abschreibungen auf heimische Staatsanleihen vornehmen, wenn sich deren Niedergang fortsetzt. Geraten die Banken in Bedrängnis, droht Italien eine Kreditklemme. Die Wirtschaft könnte das von der Stagnation in die Rezession stürzen.

Ein Teufelskreis entsteht und die Investoren am Bondmarkt spielen darin eine entscheidende Rolle. "Der Anleihemarkt ist Krisenherd Nummer eins", sagt Nord-LB-Experte Schulz. Die Befürchtung, Italien könnte kippen, drohe durch das Verhalten der Massen zur sich selbst erfüllenden Prognose zur werden. "Wenn die Kurse fallen, muss jeder Händler für sich sehen, dass er seine Haut rettet - und sei er auch noch so überzeugt davon, dass Italien den Weg aus der Krise findet. Wenn alle so handeln, kann eine Eskalation ganz schnell gehen", erklärt er.

Sollte es so weit kommen, hat die Euro-Zone die schlimmsten Verwerfungen wohl noch vor sich. "Italien ist der Dreh- und Angelpunkt für das Schicksal des Euros", heißt es in einer aktuellen Studie der Société Générale. Die Angst vor neuen Ansteckungseffekten zeigt sich am Anleihemarkt deutlich: Die Renditen spanischer Anleihen sind bereits wieder über 5,5 Prozent gestiegen. Und auch Frankreich rückt zunehmend in den Fokus: Am Morgen rentierten zehnjährige französische Staatsanleihen mit 3,17 Prozent. Als Zuflucht blieb vielen Anlegern einmal mehr nur Deutschland. Zehnjährige Bundesanleihen warfen zeitweise nur noch 1,77 Prozent ab - deutlich weniger als die aktuelle Inflationsrate der Euro-Zone.

Quelle:  Handelsblatt Online
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