
Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten haben auch viele professionelle Anleger verunsichert. Internationale Vermögensverwalter gehen so geringe Verlustrisiken ein wie zuletzt im Börsentief im März 2009. Große Fondsmanager haben ihre Aktienquoten weiter verringert und parken relativ hohe Anteile in liquiden Mitteln, im Durchschnitt knapp fünf Prozent der Fondsvermögen. Das ergibt die wichtigste monatliche Umfrage unter 203 internationalen Vermögensverwaltern der Bank of America Merrill Lynch (BofA), die bis zum 8. September durchgeführt wurde.
„Die Haltung gegenüber Europa ist so negativ, dass die Ansteckungsgefahr für die restliche Welt markant gestiegen ist“, sagt Gary Baker, Chef-Aktienstratege bei BofA. Wegen der sich zuspitzenden Schulden- und Bankenkrise in Europa rechnen immer mehr Fondsmanager damit, dass sich das globale Wirtschaftswachstum weiter abschwächt. Europäische Fondsmanager erwarten sogar, dass Europa im kommenden Jahr in eine Rezession rutscht. Daher gewichten die Anleger Aktien in ihren Fonds schwächer als ihre Vergleichsindizes, von europäischen Aktien halten sie besonders wenig. Im Gegenzug haben sie ihren Anleihen-Anteil wieder erhöht
Auch bei vielen deutschen Fondsgesellschaften regiert die Vorsicht: „Wir gewichten in unseren Strategieportfolios derzeit Aktien zugunsten solider Anleihen unter“, sagt Wolfgang Leoni, der die Anlagestrategie bei Oppenheim Fonds Trust verantwortet. „Aufgrund der fragilen wirtschaftlichen Gesamtsituation halten wir es auch noch für zu früh, die Aktienquote wieder aufzustocken. Derzeit ist Vermögenserhalt die oberste Prämisse.“
Allerdings gibt es auf der anderen Seite auch zahlreiche Fonds-Vertreter, die nach dem Absturz jetzt Potenzial für Kursgewinne sehen. Die größten deutschen Fondsgesellschaften geben sich überwiegend optimistisch: "Sobald sich wie erwartet die Anzeichen für eine Stabilisierung der Wirtschaft verdichten und die Verunsicherungen der Marktteilnehmer nachlässt, sollte eine Gegenbewegung im Aktienmarkt einsetzen", heißt es bei der Union Investment. Die Experten der Dekabank und von Allianz Global Investors zeigen sich ebenfalls zuversichtlich und raten zum Kauf von Aktien.
Seit Ende Juli ist der Deutsche Aktienindex von gut 7.300 Punkten in der Spitze unter 5.000 Punkte gefallen – ein Minus von fast einem Drittel. Einen konkreten Auslöser für den Kurssturz wie im Jahr 2008, als die Pleite von Lehman Brothers die Märkte auf Talfahrt schickte, gibt es in diesem Jahr nicht. Vielmehr leiden die Börsen unter einem Mix aus Ängsten und schlechten Nachrichten.
Großes Vertrauen in die Kraft deutscher Unternehmen
„Für die aktuelle Börsensituation gibt es im Wesentlichen drei Gründe: die anhaltende Euro-Krise, die Diskussion über die Verschuldung der Industriestaaten, hierbei vor allem die der USA, sowie die dadurch aufkommenden Rezessionsängste“, sagt Steffen Selbach, Leiter des Vermögensmanagements der Dekabank. „Zumindest in Deutschland ist es für Rezessionsängste derzeit aber noch zu früh“, fügt er hinzu. Die Auftragslage der Unternehmen sowie die wirtschaftlichen Indikatoren zeigten ein stabiles, wenn auch leicht abbröckelndes Bild.
An den Märkten werde dieses jedoch von den Sorgen um die Weltkonjunktur und die Spannungen in der Euro-Zone überlagert: „Bei Aktien werden fundamentale Daten wie attraktive Unternehmensgewinne und beinahe historisch niedrige Bewertungen ausgeblendet und auch die klassischen Staatsanleihen der USA sowie der Kernländer der Euro-Zone spiegeln nicht die wirtschaftlichen Rahmendaten wider", sagt Selbach. Zu sehr seien die derzeitigen Renditen durch die Suche nach stabilen Anlagen in Krisenzeiten geprägt.
Trotz der anhaltenden Unsicherheit sieht Selbach für Anleger daher schon wieder Chancen: „Eine zu starke Konzentration auf reine Liquiditäts- und Staatsanleihe-Anlagen erscheint angesichts der Kursrückgänge an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen nicht mehr gerechtfertigt. Für Anleger kann es deshalb jetzt sinnvoll sein, eine Zielquote in Aktieninvestments zu definieren und diese dann sukzessive über die nächsten Wochen aufzubauen. Ein erster Schritt ist bereits auf den aktuellen Kursniveaus möglich.“
Verhalten optimistisch gibt sich auch Stefan Hofrichter, Chefvolkswirt von RCM/Allianz Global Investors: „Viele Anleger gehen von einer Rezession aus, diese wäre in den aktuellen Kursen auch bereits eingepreist. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario in den vergangenen Wochen gestiegen ist, ist dies nicht unsere Grundannahme.“ Hofrichter hält eine Erholung des Dax auf rund 6.000 Punkte bis zum Jahresende für realistisch. „Die Bewertung europäischer und deutscher Aktien ist derzeit äußerst niedrig. Daher sollten Anleger über den (Wieder-)Einstieg nachdenken, sobald die Konjunkturdaten nicht mehr negativ überraschen“, empfiehlt er.
In der Tat wirken die Kurs-Gewinn-Verhältnisse deutscher Aktien auf den ersten Blick verlockend. Zahlreiche Papiere weisen zur Zeit rekordverdächtig niedrige KGV-Werte auf. Auf Basis der erwarteten Gewinne in diesem Jahr kommen zwei von drei Dax-Werten auf ein einstelliges Kurs-Gewinn-Verhältnis. Bankaktien wie der Commerzbank und der Deutschen Bank werden gerade noch zum 3,5-fachen der erwarteten Gewinne gehandelt.
Doch wirklich attraktiv sind Aktien nur dann, wenn die Unternehmen die Erwartungen nicht enttäuschen. Sollte sich ein Szenario wie 2008 wiederholen, als die Konzerne vom Boom schnurstracks in die Krise übergingen, würden die KGV-Werte schnell nach oben schießen.
Für die Experten von Union Investment ist das aber ein unwahrscheinliches Szenario: "Viele Unternehmen sind in unseren Augen auch bei einem nachlassenden Wirtschaftswachstum gut aufgestellt", meinen sie. Die Lage in den Unternehmen sei jedenfalls nicht ausschlaggebend für den Kursrutsch der letzten Wochen. Aus ihrer Sicht sollte „die aktuelle Übertreibung und das inzwischen extrem negative Sentiment genutzt werden, gezielt in Unternehmen zu investieren, die nach dem Kurssturz deutlich unterbewertet sind.“








