Anlagestrategie: Mission Nerven schonen

Anlagestrategie: Mission Nerven schonen

, aktualisiert 18. November 2011, 11:04 Uhr
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Die Achterbahn im Movie Park in Bottrop: Auch an der Börse ging es zuletzt kräftig auf und ab.

von Stefan SchneiderQuelle:Handelsblatt Online

Die Börsen-Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen haben in den Depots Spuren hinterlassen. Viele Anleger steigen deshalb auf sicherheitsorientierte Produkte um. Wie sich mit ihnen die Kursausschläge verringern lassen.

DüsseldorfTagesgeld, Schließfach oder Gold - die Anlagevehikel, die Investoren derzeit bevorzugt benutzen, um ihr Geld in vermeintliche Sicherheit zu bringen und die Nerven zu beruhigen, sind die gleichen wie in jeder Krisensituation. Als die Stimmung an den Aktienmärkten im Sommer kippte, gingen die Kurse gleich deutlich nach unten. In solchen Situationen steht das Thema Risikoreduzierung wieder oben auf der Agenda. Das ist auch sinnvoll, Kursverluste möglichst gering zu halten. Schon seit einiger Zeit gibt es Strategie-Zertifikate, deren Ziel es ist, eine möglichst geringe Volatilität zu erreichen und somit Ruhe ins Depot zu bringen.

Ein einfaches Maß, das Risiko auszudrücken, ist die sogenannte Volatilität. Sie zeigt die Schwankungsbreite beispielsweise eines Index oder einer Aktie an und wird für den Dax durch den Verlauf des Volatilitätsindex VDax ausgedrückt. Hierbei zeigt sich ein grundsätzlicher Zusammenhang: Geht der Aktienmarkt nach unten, steigt tendenziell der VDax. Übersetzt heißt das, dass bei Kursverlusten auch die Schwankungsbreite zunimmt, wie die vergangenen Monate bestätigen. Als der Dax im Sommer abtauchte, stieg der VDax kräftig an. „In steigenden Aktienmärkten beobachten wir hingegen meist eine geringere Volatilität“, sagt Heike Arbter von der österreichischen Raiffeisen Centrobank (RCB).

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Dax anders zusammengebaut

Um Kursausschläge bei deutschen Standardaktien zu dämpfen, hat die Deutsche Börse einen speziellen Index konzipiert: Der Daxplus Minimum Variance basiert auf dem Dax, setzt aber dessen 30 Indexmitglieder mit einer anderen Gewichtung zusammen. Ziel: Das Risiko – gemessen an der sogenannten Varianz – so weit wie möglich zu reduzieren. Auch die Varianz ist ein Maßstab zur Messung von Kursausschlägen von Aktien, aus ihr wird die Volatilität berechnet.

Das hat insbesondere zuletzt funktioniert: In den vergangenen drei Monaten verlor der Minimum Variance-Index knapp zwölf Prozent bei einer Volatilität von 29 Prozent. Im Vergleich zum Dax wäre seine Entwicklung nicht so nervenaufreibend gewesen. Denn das Dax-Minus lag bei fast 18 Prozent, die Schwankungsbreite mit 43 Prozent deutlich höher als bei dem Spezialindex. Auch auf Jahresbasis schnitt der Daxplus Minimum Variance besser ab. Drei Prozent Minus bei einer Volatilität von 18 Prozent stehen beim Dax einem Minus von neun Prozent und einer Volatilität von 25 Prozent gegenüber (Stand: 26.10.2011).


Das Risiko reduzieren

Die Royal Bank of Scotland (RBS) hat auf das Risiko reduzierende Barometer ein Indexzertifikat aufgelegt (WKN: AA0KFZ). Das Open-End-Papier bezieht sich auf der Performance-Variante des Index – Dividenden werden also mit eingerechnet –, allerdings nimmt die RBS eine jährliche Gebühr von einem Prozent für die Indexabbildung.

Doch nicht in allen Fällen möchten Investoren das Risiko tatsächlich reduzieren. Manchmal sind gerade risikobereite Anleger auf der Suche nach Zertifikaten mit einem angemessenen Ertrag, sprich einer hohen Performance. Eigentlich gilt der Grundsatz: „Je höher das Risiko, umso höher muss die Rendite ausfallen.“ In der Praxis zeigt sich mitunter ein anderes Bild - nicht immer wird das Risiko mit einer guten Performance belohnt. Eine Lösung bietet auch hier die Portfolio-Theorie. Es wird eine Portfolio-Zusammensetzung gesucht, die bei einem festgelegten Risiko einen höchstmöglichen Ertrag abwirft. Namensgeber dieser Strategie ist
der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler William Sharpe.

Auf den Deutschen Aktienindex bezogen bedeutet dies, die 30 Dax-Titel so zu gewichten, das bei gleicher oder niedrigerer Volatilität eine bessere Performance herauskommt. Diese Strategie wird im Daxplus Maximum Sharpe Ratio-Index umgesetzt. Auch das hat sich im Vergleich zum Dax gelohnt. Für die vergangenen drei Monate ist ein Minus von zwölf Prozent bei einer Volatilität von 37 Prozent angefallen. Auf Jahressicht gab es sogar einen Gewinn von zwei Prozent bei einer Volatilität von 23 Prozent. Für Anleger ist es zwar nur ein schwacher Trost, dass sie weniger Geld verloren hätten; es zeigt aber, dass die Strategien funktionieren und Nerven schonen können. Auch die Maximum Sharpe Ratio-Strategie kann mit einem Open-End-Indexzertifikat der RBS (WKN: AA0KF0) umgesetzt werden, wobei auch hier wieder ein Prozent Gebühr pro Jahr fällig wird.

Volatilität bestimmt Quote

Den Standardindex anders zusammenzusetzen, ist eine Möglichkeit. Eine Alternative, das Risiko zu reduzieren, besteht darin, den Investitionsgrad – je nach aktueller Volatilität – zu reduzieren oder zu erhöhen. Beliebtes Instrument dafür ist der Euro Stoxx 50.

Auf dem europäischen Blue-Chip-Index basierend haben verschiedene Emittenten eine einfache Systematik für einen eigenen Strategieindex, der aus dem Basisindex und einer Barkomponente besteht, entwickelt: „Bei relativ hoher Schwankungsbreite, wird der Euro Stoxx 50-Anteil reduziert, beruhigen sich die Märkte wieder, wird er entsprechend erhöht“, beschreibt Dominik Auricht, Zertifikatexperte der Hypo-Vereinsbank Onemarkets, die Vorgehensweise beim HVB Euroland Control-Index. Das heißt: Je ruhiger der Wind am europäischen Aktienmarkt bläst, umso stärker werden die Segel gesetzt.


Investieren mit Garantie

Zieht wie im Sommer Sturm auf, werden die Segel wieder eingerollt. Beim Garantiezertifikat auf den HVB Euroland Control 15 Preisindex (WKN: HV5CC8) liegt die Investitionsquote zwischen 0 und 125 Prozent. „In besonders ruhigen Marktphasen können Anleger sogar gehebelt bis zu 125 Prozent an der Entwicklung des Euroland Control 15-Index partizipieren“, so Auricht. Aktuell ist aber Zurückhaltung angesagt, die Abbildung des Euro Stoxx 50 liegt bei nur 36 Prozent. Sie war Anfang Juni, vor Beginn des Börsensturzes, bei mehr als 80 Prozent.

Bei der Europa Risk-Control Indexanleihe der WestLB (WKN: WLB3TV) liegt die Bandbreite für den Strategieindex zwischen 20 und 100 Prozent. Auch hier deutet die momentane Investitionsquote auf eine erhöhte Risikovermeidung hin, sie liegt aktuell an der Untergrenze bei 20 Prozent. Zum Laufzeitende greift eine hundertprozentige Kapitalgarantie. Zusätzlich erfolgt eine jährliche Zinszahlung, wenn der Risk-Control Index Europa am jeweiligen jährlichen Bewertungstag über seinem Startniveau notiert.

Auch das Portfolio Navigator Indexzertifikat (WKN: RCB003) der Raiffeisen Centrobank nutzt eine variable, wöchentlich veränderbare, Aktienquote als Anlagestrategie, hat aber inzwischen auch auf „Krisenmodus“ umgeschaltet. „Noch vor Beginn der Krise wurden 90 Prozent in den Euro Stoxx und nur zehn Prozent in den Geldmarkt investiert. Nun haben sich die Vorzeichen geändert: 30 Prozent gehen in den Aktienindex und 70 Prozent werden verzinslich angelegt“, beschreibt RCB-Expertin Heike Arbter die Reaktion auf den Kurssturz der vergangenen Monate. Damit wird der Großteil der Anlegergelder zum Eonia (Euro Over Night Index Average) -Satz verzinst. Dahinter verbirgt sich der eintägige Zinssatz für Geldanlagen unter Banken in der Euro-Zone.

Für Anleger wird mit der niedrigeren Aktienquote zwar das Risiko reduziert, da der Eonia aber unter einem Prozent liegt, ist die Verzinsung derzeit nicht gerade attraktiv. Seit der Emission im Oktober 2009 lag der höchste Verlust, den Anleger mit dem Portfolio-Navigator-Zertifikat hinnehmen mussten, bei 8,77 Prozent, bei der Euroland Control 15 Garant Anleihe bei 2,64 Prozent (Emission Juni 2010) und bei der WestLB Europa Risk-
Control Indexanleihe, die seit Mai 2011 auf dem Markt ist, bei 0,88 Prozent.

Zum Vergleich: Der Euro Stoxx 50 hat seit Oktober 2009 im August dieses Jahres den höchsten Monatsverlust mit fast 14 Prozent erzielt. Und auch im Mai 2010 hätte eine ungebremste Investition in den Euro Stoxx 50 mit einem Verlust von gut sieben Prozent zu Buche geschlagen. Probleme kriegen die Risiko-Control-Zertifikate vor allem dann, wenn sie aufgrund einer niedrigen Volatilität voll investiert sind und der Aktienmarkt dann innerhalb kurzer Zeit stark einbricht.


Ausschläge nach unten dämpfen

Die Sicherheitsstrategie mit unterschiedlich hohen Partizipationsquoten hat einen Vorteil: Ausschläge nach unten werden gedämpft. Andererseits aber auch einen Nachteil, da Ausschläge nach oben ebenfalls gedämpft werden. Die Hypo-Vereinsbank hat den Euroland Control 15 Preisindex auch für zwei Alltime-High-Zertifikate (WKN: HV5BX4 und HV5B7E) genutzt. Beide Zertifikate haben am 28. Februar 2011 den bisherigen Höchststand des Index eingelockt und konnten so bislang ein Plus von 5,74 Prozent bzw. 9,75 Prozent nach Angaben der Hypo-Vereinsbank sichern.

Das wäre bei einem Alltime-High-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50 aber höher gewesen. Dieser ist vom Auflagedatum der Zertifikate an um 8,05 Prozent bzw. 15,26 Prozent gestiegen. „Ein solcher Vergleich hinkt aber, da zur entsprechenden Zeit ein identisches Alltime-High-Zertifikat auf den Euro Stoxx 50 gar nicht darstellbar gewesen ist“, entgegnet Auricht.

Auch mal Short

Neben der Volatilität gibt es mehrere Indikatoren, die zusätzlich zur Festlegung der Investitionsquote herangezogen werden können. Die Schweizer UBS hat die sogenannte Risk Adjusted Dynamic Alpha (RADA)-Strategie entwickelt und wendet diese auf Dax und Euro Stoxx 50 an. Neben der Volatilität der Aktienmärkte werden beispielsweise die Risikoprämien für Unternehmensanleihen, Währungsschwankungen oder die Entwicklung von zyklischen gegenüber defensiveren Aktien zur Entscheidung herangezogen – insgesamt acht Indikatoren. „Daraus wird eine Kennzahl errechnet, die über die Strategie in der aktuellen Marktlage entscheidet“, erklärt Steffen Kapraun von der UBS.

So sind drei Positionen möglich: Wenn der Markt eher steigende Kurse bei niedriger Volatilität signalisiert, wird in den Basisindex investiert (Long-Position). Ist aufgrund der Indikatoren dagegen ein Bärenmarkt wahrscheinlich, zieht sich die RADA-Strategie auf eine Short-Position zurück. „Dann verkaufen wir einen entsprechenden Future, damit Anleger an der inversen Entwicklung im Vergleich zum Basisindex partizipieren können“, sagt Kapraun. Die dritte Position – die Barposition – wird eingegangen, wenn entweder keine klare Stimmung zu erkennen ist oder die Stimmung so extrem in die eine oder andere Richtung tendiert, so dass mit einer Trendumkehr zu rechnen ist. Barposition heißt: Geldanlage zum Euribor-Zins (Euro Interbank Offered Rate).


Bewährte Strategien

Anfang August hat der Wechsel aus der Long-Position in die Barposition letztmalig stattgefunden. „Die Indikatoren zeigten eine große Unsicherheit der Börsianer an“, sagt Kapraun. „Seit 1997 befand sich die RADA-Strategie zu etwa 60 Prozent in der Long-Position.“ Doch der Einbruch am Aktienmarkt im Sommer hat auch hier für den Tritt auf die Bremse gesorgt. Die UBS hat zwei entsprechende Zertifikate zur RADA-Strategie bereits 2007 auf den Markt gebracht. Einmal ist der Dax Grundlage für das Zertifikat (WKN: UB0C7S), einmal der Euro Stoxx 50 (WKN: UB0C7T).

Dabei zieht die UBS bei der europäischen Variante, anders als üblich, den Performanceindex als Basiswert vor. Derivate-Spezialist Kapraun: „Da die Strategie die überwiegende Zeit über in der Long-Position verbleibt, partizipieren Anleger mit der Wahl des Euro Stoxx 50 Performanceindex als Basiswert auch an den ausgeschütteten Dividenden.“ Doch die spezielle Strategie kostet im Gegenzug Geld: Ein Prozent Risikomanagementgebühr
zweigt die UBS pro Jahr ab.

Dass auch die RADA-Strategie funktioniert, zeigen die Ergebnisse. Das RADAZertifikat auf den Dax hat in den vergangenen drei Monaten gut fünf Prozent nachgegeben, konnte auf Jahressicht aber sogar ein Plus von mehr als sieben Prozent erzielen – die Volatilität war mit 17 Prozent deutlich geringer als beim Deutschen Leitindex. Zwar stehen beim Europa-Zertifikat die Vorzeichen für beide Zeiträume auf Minus, doch die Verluste hielten sich mit jeweils knapp sechs Prozent in Grenzen. Auch hier war die Volatilität (18 Prozent) geringer als beim Basisindex.

Die Strategien der Zertifikateemittenten zur Risikoreduzierung haben sich in der Praxis bewährt, die Zertifikate sind besser durch die letzte Börsenkrise gekommen als die Standardindizes. Allerdings konnten auch sie Verluste nicht vermeiden, wenn es an der Börse allzu heftig nach unten ging. Zudem sollten Anleger beachten, dass nicht alle Zertifikate von den Vorteilen voll profitieren können.

Quelle:  Handelsblatt Online
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