Anlegen 2017 – Brasilien: Die große Diskrepanz zwischen Politik und Börse

Anlegen 2017 – Brasilien: Die große Diskrepanz zwischen Politik und Börse

, aktualisiert 31. Dezember 2016, 08:14 Uhr
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Der brasilianische Markt überzeugte im vergangenen Jahr.

von Alexander BuschQuelle:Handelsblatt Online

Die Politik zerrüttet, die Wirtschaft pechschwarz – doch an der Börse geht Brasiliens Stern auf. Der Index in São Paulo hat 2016 mit am besten abgeschnitten – und damit die Messlatte für das Jahr 2017 hoch gesetzt.

São PauloDas Jahr 2016 wird den meisten Brasilianern als eine Katastrophe in Erinnerung bleiben: Die Präsidentin, Dilma Rousseff, wurde vom Kongress ihres Amtes enthoben. Doch der angetretene Nachfolger Michel Temer ist noch unbeliebter als seine glücklose Vorgängerin. Das Land steckt in der schwersten Rezession seit einem Jahrhundert.

Doch auch 2017 wird die brasilianische Wirtschaft kaum wachsen. Unternehmen und Politik sind gelähmt durch eine milliardenschwere Korruptionsaffäre, die noch lange nicht ausgestanden ist. Die Arbeitslosigkeit wird noch länger steigen und erstmals steigt auch wieder die Armut in der Bevölkerung. Kurzum: Brasilien geht es nicht nur richtig schlecht – die Lage wird sich auch nicht so bald verbessern.

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Umso erstaunlicher ist, dass Brasiliens Börse dieses Jahr weltweit aus Sicht europäischer Investoren mit am besten abschneidet: Der Index in São Paulo hat 2016 in Euro über 70 Prozent zugelegt. Einerseits hat der Bovespa-Index dieses Jahr 38 Prozent gewonnen. Dazu kommt noch die Aufwertung des Real gegenüber dem Euro von ebenfalls rund 30 Prozent. Investoren aus dem Ausland, die beim diesjährigen Tiefstand im Januar an der Bovespa ein- und beim Höchststand Ende November wieder ausstiegen, konnten ihr Kapital in zehn Monaten gar verdoppeln.

Für die große Diskrepanz zwischen der schweren Krise in Wirtschaft und Politik einerseits und der Börseneuphorie auf der anderen Seite gab es mehrere Gründe.

Es waren vor allem Erwartungen, die die Kurse das Jahr über immer weiter in die Höhe getrieben haben. So setzten die Investoren bis zur Jahresmitte darauf, dass endlich die bei der Wirtschaft unbeliebte Rousseff durch ein Impeachment abgelöst und durch ihren Vize ersetzt wird. Nachfolger Michel Temer berief renommierte Banker und Manager an die Spitzen der wirtschaftsrelevanten Ministerien, der Zentralbank und der Staatskonzerne. Dadurch legten vor allem die Aktien des staatlichen Ölkonzerns Petrobras und der Energieholding Eletrobras zu. Beide Index-Schwergewichte hatten durch die Misswirtschaft der Präsidentin extrem stark an Wert verloren.


Zweifel, ob die Hausse anhält

Im zweiten Halbjahr trieben die Hoffnungen auf bald sinkende Zinsen und eine Konjunkturerholung die Kurse nach oben: Die Zentralbank konnte den Leitzins erstmals seit vier Jahren wieder senken, weil die Inflation in der Rezession nun doch endlich geschrumpft ist. Zudem konnte die Regierung wichtige Maßnahmen im Kongress durchsetzen: Etwa eine Ausgabensperre für das Staatsbudget, die 20 Jahre gelten soll, und die Öffnung des Ölsektors für private Unternehmen. Eine Rentenreform ist außerdem eingeleitet.

Positiv auf die Börsenstimmung wirkte sich zudem aus, dass ausländische Unternehmen wieder massiv in Brasilien aufkaufen: Ausländische Konzerne investierten so viel in brasilianische Firmen wie zuletzt vor zehn Jahren. Die ausländischen Käufer investieren zwar im ersten Schritt meist nicht in neue Fabriken – es findet lediglich ein Aktivtausch statt. Dennoch hat der Zustrom auch die Finanzmärkte belebt. 20 brasilianische Unternehmen bereiten derzeit ihren Börsengang vor.

Dennoch sind die Börsenexperten uneins, ob die Hausse anhalten wird. Analysten haben alle mögliche Meinungen darüber, jedoch keinen Tenor. Die Pessimisten überwiegen: Schließlich sind keine neuen Wachstumstreiber in Sicht. Die Konsumenten und Unternehmen sind überschuldet. Die Arbeitslosigkeit dürfte noch bis Ende 2017 ansteigen. Nach der Rating-Agentur S&P sind nirgends in Lateinamerika die Aussichten für die Bonität der Konzern so schlecht wie in Brasilien. Auch der Staat ist pleite und fällt noch viele Jahre als Investor aus.

Die schlechten Aussichten sollten Anleger allerdings nicht überbewerten: Anfang 2016 prognostizierte die Mehrheit der Aktienexperten Brasiliens eine stagnierende Börse und ein wachsendes Länderrisiko. Die Aufschläge für eine Versicherung gegen einen Kreditausfall Brasiliens haben sich in diesem Jahr halbiert und die Börse ihren Wert in Euro zeitweise verdoppelt – wie zuletzt vor neun Jahren, als Brasilien noch neben Indien, Russland und China inmitten der Weltfinanzkrise als das strahlende Bric-Wunderland reüssierte.


Anlegen 2017 – Alle Teile der Serie

Zum Jahreswechsel gibt die Handelsblatt-Redaktion einen Ein- und Ausblick zu verschiedenen Anlageklassen und Geldanlagemöglichkeiten. Die Serie hat 14 Teile und läuft vom 22. Dezember bis 4. Januar 2017. Jeweils im Tagesverlauf geht eine weitere Folge online.

Teil 1 (22.12.): Aktien Deutschland

Teil 2 (23.12.): Wohnimmobilien

Teil 3 (24.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Industrieländer

Teil 4 (25.12.): Gold

Teil 5 (26.12.): Unternehmens- und Staatsanleihen: Schwellenländer

Teil 6 (27.12.): Aktien Europa

Teil 7 (28.12.): Aktien Schwellenländer

Teil 8 (29.12.): Aktien Nordeuropa

Teil 9 (30.12.): Devisen

Teil 10 (31.12.): Der beste Markt der Welt

Teil 11 (1.1.2016): Aus Fehlern lernen

Teil 12 (2.1.): Aktien USA

Teil 13 (3.1.): Kreditzinsen

Teil 14 (4.1.): Leser-Erwartungen 2017

Quelle:  Handelsblatt Online
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